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Freischaffende Künstler*innen - "Die Solidarität und Wertschätzung fehlt"

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Kurzarbeit, Überbrückungshilfen, Novemberhilfe: Warum die freie Kunstszene bei den Corona-Hilfen im zweiten Shutdown immer noch benachteiligt wird.

Leeres Opernhaus in Dortmund
Kultur im Shutdown: Leeres Opernhaus in Dortmund
Quelle: epa

Man muss sich das mal vorstellen: Die Lufthansa bekäme erst Corona-Hilfen vom Staat, wenn sie die Umstellung ihrer Flotte auf besonders treibstoffsparende Flugzeuge garantiert. Genauso läuft es bei freien Künstler*innen, sagt Schauspielerin Marlene Haagen:

Einfach so würden wir das Geld nicht bekommen, nur wenn wir eine witzige künstlerische Idee entwickeln und umsetzen. Die darf dann aber kaum etwas kosten, weil wir von den 2.000 Euro auch noch mehrere Monate leben sollen. Das gibt es in keiner anderen Branche.
Marlene Haagen, Schauspielerin

Keine Hilfe greift

Wovon sie spricht, sind Corona-Förderprogramme für Künstler*innen, die Stipendien der Bundesländer. Ähnlich, wenn auch mit größeren Budgets funktioniert das Programm "Neustart Kultur". Diese sind neben Kurzarbeit, Ausfallgagen und November- und Dezemberhilfen eine Möglichkeit für freie Künstler*innen im Shutdown unterstützt zu werden.

Aber freie Theaterkünstler*innen bleiben in der Corona-Krise benachteiligt, sagt Wolfgang Schwaninger, von der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger (GDBA). Er sagt:

Ich sehe mit der fehlenden Unterstützung die Zukunft tausender Künstler in Gefahr. Es gibt so viele spezielle Arbeitssituationen und es wird zu wenig nachjustiert.
Wolfgang Schwaninger, GDBA

Die verschiedenen Möglichkeiten - und warum keine richtig passt im Überblick.

1. Die Stipendien

Um Stipendien wie "Neustart Kultur" - das gerade auf ein Budget von zwei Milliarden aufgestockt wurde - zu bekommen, muss ein Konzept für ein Projekt eingereicht werden, dass dann auch durchgeführt und dokumentiert werden muss. "Ich bin Dienstleister und plane keine Projekte, so ist unser System nicht gebaut", sagt ein Opernsänger, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Und jetzt soll ich ausgerechnet in einer Phase besonders kreativ sein, in der ich komplett ausgebremst bin - keine Vorstellungen, keine Treffen mit Kollegen."

Nur wenige Bühnenkünstler*innen haben bisher gelernt, wie man ein Projekt plant und auch finanziell konzipiert, sagt auch Schauspielerin Marlene Haagen. Sie fallen aus diesem Programm raus. Auf Instagram hat sie ein Protestvideo gemacht:

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2. Die November- und Dezemberhilfen

Bei den November- bzw. Dezemberhilfen können Künstler*innen 75 Prozent dessen beantragen, was sie im Vorjahresmonat durch selbstständige Arbeit verdient haben. Klingt erstmal gut - trifft jedoch die Arbeitsrealität vieler freischaffender Theaterbeschäftigter nicht.

Obwohl der Staat der Kulturbranche finanzielle Unterstützung zugesagt hat, beklagen Betroffene die schleppende Hilfe.

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2 min
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Das liegt daran, dass viele "unständig beschäftigt sind". Für Schauspielerin Marlene Haagen heißt das, dass sie im Jahr 2019 nur ein Bruchteil ihrer Einkünfte geltend machen kann, weil sie ansonsten von Theatern wochen- und monatsweise eingestellt war. So kommen für November 2020 nur 500 Euro heraus - für Essen und Miete etwas mager. Sie sagt:

Niemand in der Politik scheint auf dem Schirm zu haben, was für eine Arbeitsrealität wir haben.
Marlene Haagen, Schauspielerin

Erst vergangene Woche hat der Bund nachgebessert: Nach langem Ringen hat sich die Regierung auf Hilfen für kurzzeitig Beschäftigte in der Kulturszene wie etwa Schauspieler verständigt. Neben den Soloselbstständigen und den unselbstständig Beschäftigten sollen auch die "kurz befristet Beschäftigten in den darstellenden Künsten" Hilfen von bis zu 7.500 Euro für Januar bis Juni 2021 beantragen können.

3. Die Kurzarbeit

Der Opernsänger erzählt, er habe eine E-Mail vom Theater erhalten, die Kurzarbeit auch auf die Gastspieler*innen auszudehnen. Das war im Dezember - seitdem hat er von dem Vorschlag nie wieder was gehört. "Ich ärgere mich da über die fehlende Solidarität und Wertschätzung", sagt er.

"Bei der Kurzarbeit ist es ein riesiges Problem, dass sie in Bezug auf die Gäste nicht einheitlich gehandhabt wird", sagt Rechtsanwalt Schwaninger. Manche Theater nehmen ihre Gastspieler*innen mit rein, andere nicht. Diese argumentieren: Kurzarbeit sei dazu da einen Arbeitsplatz zu erhalten, das treffe bei einem kurzfristig beschäftigten Gast nicht zu. Bisher habe sich aber kein Arbeitsamt in dem Punkt gesträubt, sagt Schwaninger. "Die Theater haben da Gestaltungsspielraum, nutzen ihn aber nicht."

4. Ausfallhonorare

Schauspielerin Marlene Haagen hatte im Sommer einen Vertrag mit einem Theater abgeschlossen, mit dem sie von Januar bis März dort hätte beschäftigt sein sollen. "Dafür hat mir das Theater keinen Ausgleich bezahlt", berichtet sie. Nach dieser und ähnlichen Erfahrungen sagt sie: "Man hat uns da ganz schön hängen lassen, das schafft für die Zukunft nicht gerade Vertrauen."

Nach langem Zögern hätten sich zumindest einige Staatstheater auf 25 Prozent Ausfallgage geeinigt, allerdings mit Deckelung bei  höheren Gagen, dann seien es nur zehn Prozent. "Aber es gibt keine einheitliche Regelung. Die Theater verschanzen sich oft  hinter relativ kleinen Almosen", kritisiert er. Aber es gebe auch löbliche Ausnahmen, allerdings eher bei den kleinen und mittleren Häusern.

5. Nebenjobs

Schauspielerin Marlene Haagen hat zwischendurch auf dem Wochenmarkt gearbeitet, um die Ausfälle auszugleichen, der Opernsänger hat das zum Geburtstag geschenkte Geld seiner Familie in die Miete gesteckt. Er sagt:

Man kommt schon ins Nachdenken, wozu man das eigentlich macht, wenn es so wenig Anerkennung für das Produkt gibt, das man liefert.
Ein Opernsänger

Aber zur Überbrückung einen anderen Job auszuüben, birgt eine Falle: Übersteigt eine nicht-künstlerische Nebentätigkeit die 450 Euro, fallen die Künstler*innen aus der Künstlersozialkasse (KSK). " Die Politik muss diese gesetzlichen Zugangskriterien aussetzen", fordert Schwaninger.

6. Grundsicherung

Immer wieder betonen Politiker die Möglichkeit der Grundsicherung für Künstler*innen nun unter erleichterten Bedingungen. Auf Rücklagen zur Altersvorsorge und selbstgenutztes Wohneigentum müsse nun nicht  zuerst zurückgegriffen werden. "Wer aber das Pech hat, in einer sogenannten "Optionsgemeinde" gemeldet zu sein, kommt nicht in diesen Genuss, es ist ein ziemlicher Flickenteppich", sagt Schwaninger.

Marlene Haagen sagt, jetzt im zweiten Shutdown, leide sie mehr unter der Situation. "Man muss wirklich aufpassen, dass man nicht anfängt zu denken, das was man macht, sei nicht wichtig, Kunst sei nicht wichtig." Natürlich stimme das nicht - die Menschen würden den Shutdown wohl ohne Musik, Film und Fernsehen noch viel schwieriger durchstehen.

Ein Graffiti, das eine Frau mit Mundschutz zeigt.

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von Meike Hickmann

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