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Interview

Medizinethiker berichtet - Sind wir ethisches Vorbild in der Pandemie?

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Die Pandemie steckt voller ethischer Herausforderungen - vom Impfen bis zur Intensivversorgung. Medizinethiker Norbert Paul über das Bemühen, gute Entscheidungen zu treffen.

Archiv:  Im Infektionszimmer für Covid-19-Patienten hält die Mitarbeiterin einer Intensivstation die Hand eines Patienten.
Zusammenhalt in der Pandemie: Eine Krankenhaus-Mitarbeiterin hält die Hand eines Patienten. (Archivbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: Im Sommer war man stolz, wie man gut durch die erste Welle gekommen ist, jetzt überwiegen Frust in Politik und Gesellschaft. Was ist da alles umgeschlagen?

Prof. Norbert Paul: Uns geht es immer noch vergleichsweise gut, aber wir sehen Unzulänglichkeiten. Das fängt bei der Corona-App an, geht weiter mit den Alleingängen einzelner Länder und den Lieferproblemen bei Impfstoffen, jetzt bei der Teststrategie. Das führt uns vor Augen, dass wir nicht mehr die sind, für die wir uns gehalten haben: organisiert, effizient, zuverlässig. Diesem Selbstbild entsprechen wir nicht mehr ganz und das löst Frust aus.

ZDFheute: Gab es ein Land, das sich aus einer ethischen Sicht besonders vorbildlich verhalten hat?

Paul: Halten Sie kurz die Luft an, wenn ich sage: Deutschland. Und vielleicht noch die Niederlande. Dort hat man sehr stark auf ethisch inspirierte Bürgerbeteiligung gesetzt. Das ist das Einzige, was in Deutschland nicht gut gelaufen ist.

Wir mussten beispielsweise zeitlich planbare Operationen verschieben. Wir von der Ethik haben also jeden Tag um 16:30 Uhr mit dem OP-Management und allen Chirurgen zusammengesessen und uns jeden geplanten Eingriff angeschaut: Darf verschoben werden oder nicht? Das gab es, glaube ich, in keinem anderen Land.

Es spielte auch überhaupt keine Rolle, ob am Ende ein wirtschaftliches Defizit entsteht, klinische und ethische Argumente sind und waren führend. Sicher werden unsere Krankenhäuser nach Corona tiefrote Zahlen schreiben. Nun denn:

Wenn wir die Commerzbank retten, müssen wir auch die Krankenhäuser retten.
Prof. Norbert Paul

In vielen Krankenhäusern wurden Operationen und Behandlungen wegen freigehaltenen Plätzen für Corona-Patienten verschoben. Folge: Weniger Einnahmen – höhere Ausgaben. Reichen die Ausgleichszahlungen des Bundes zum Verringern der Defizite?

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ZDFheute: Ärzte und Pflegepersonal standen im vergangenen Jahr vor enormen ethischen Herausforderungen. Hat die Gesellschaft Themen wie Tod oder Patientenverfügungen zu sehr verdrängt?

Paul: Ich finde nicht, dass es verdrängt wird. Unsere Studenten etwa sind wahnsinnig interessiert an diesen Themen, die Veranstaltungen dazu immer voll. Die Teams aus der Intensivmedizin berichten aber auch, wie sehr die Pandemie sie an den Rand gebracht hat.

Dass Menschen unter Intensivtherapie eine Sterblichkeit von teils mehr als 35 Prozent hatten, ist unerträglich.
Prof. Norbert Paul

Leider fehlen uns die Zeit und die Ressourcen für Supervision und strukturierte Aufarbeitung in den Teams. In dieser Dimension ist das völlig neu.

Wir haben auch gesehen, wie der Tod auf der Normalstation unter Corona-Bedingungen ist. Viele hochbetagte Patienten wurden gar nicht erst intensivmedizinisch therapiert, weil eine gut verfasste Patientenverfügung vorlag. Die etablierten Instrumente haben sich bewährt.

ZDFheute: Eine Pandemie zu bekämpfen erfordert unglaubliches Fachwissen ganz verschiedener Disziplinen. Wird dabei zu sehr auf bestimmte Fachrichtungen gehört. Wie sehen Sie das als Medizinethiker?

Paul: Mit Einschränkungen ja. Es geht um fachliche Expertise, aber auch um lebensweltliche. Wenn Vertreter verschiedener Disziplinen oder Verbände zusammentreffen, dann geht es sehr schnell um Partikularinteressen. Dann will jeder die aus seiner Sicht wichtigen Pflöcke einschlagen.

Wir aus der klinischen Ethik sehen uns da eher als pragmatische Problemlöser. Etwa ein Triagekonzept in wenigen Tagen diskutieren und implementieren. Wenn wir auch theoriebasiert arbeiten: Positionen müssen verhandelbar bleiben und Kant hilft am Krankenbett nur bedingt.

Für geimpfte Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sollten extreme Isolationsmaßnahmen aufgehoben werden – wenngleich noch nicht geklärt ist, ob Geimpfte weiterhin Corona übertragen können. Für Geimpfte könne jedoch der Shutdown nicht generell enden.

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ZDFheute: In der politischen und medialen Debatte gelten Impfstoffhersteller und andere Unternehmen mal als Erlöser, mal als raffgierige Kapitalisten. Wird ihnen das gerecht?

Paul: Nein. Was bei der Impfstoff-Herstellung im globalen Maßstab zu stemmen ist, bekommt man ohne industrielle Strategien gar nicht in den Griff. Auch mRNA-basierte Impfstoffe werden mit wachsender Verbreitung günstiger. Es wird sicherlich ein auskömmlicher Preis sein, aber ich sehe keine Preistreiberei.

Vektorimpfstoffe wie Astrazeneca sind zunächst günstiger, aber deswegen nicht schlechter. Auch diese Impfstoffe verhindern tödliche Verläufe und Krankenhaus-Aufnahmen relativ sicher. Wir haben momentan keine Wahlmöglichkeit und auch nicht genügend Daten, um wirklich informiert zu wählen. Schlussendlich: Man kann auch mal mit dem Kassengestell zufrieden sein.

Die Impfung ist derzeit die beste und einzige Exit-Strategie aus der Pandemie.
Prof. Norbert Paul

Skeptiker sollten in sich gehen und sich die altmodische Frage stellen, ob sie nicht auch eine Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft haben.

Die Fragen stellte Nils Metzger.

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