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Interview

Infektiologe Wendtner - Impf-Anreize "sollten kein Tabuthema sein"

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Die Delta-Welle kommt, sagt der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner. Er sieht die zu beobachtende Impfmüdigkeit mit Sorge. Impfwillige zu belohnen, dürfe kein Tabuthema sein.

Menschen warten auf ihre Impfung in Berlin. Symbolbild
Das Impftempo müsse steigen, "um wirklich sicher in den Herbst zu gehen", sagt der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner.
Quelle: Michael Kappeler/dpa

ZDFheute: Wo stehen wir jetzt in Deutschland beim Thema Impfen?

Clemens Wendtner: Wir haben einen guten Fortschritt beim Impfen gemacht, wenn wir an die ersten Monate des Jahres denken. Wir sind jetzt so weit, dass wir mehr als die Hälfte der Bevölkerung zumindest einmal geimpft haben. Die komplette Zweifach-Impfung haben etwa 40 Prozent.

Das ist gut, aber es reicht noch nicht. Wir müssten 1,5 Millionen Menschen pro Tag impfen - aktuell liegen wir unter einer Million pro Tag -, um ein Tempo zu erzielen, um wirklich sicher in den Herbst zu gehen, denn die Delta-Welle wartet nicht.

Ziel ist, dass wir vor der Delta-Welle reiten und nicht von ihr erschlagen werden. Und das ist jetzt die Kunst bei der Impfstrategie.

ZDFheute: Beobachten Sie eine gewisse Impfmüdigkeit bei den Menschen?

Wendtner: Leider hat in der Bevölkerung eine Impfmüdigkeit eingesetzt. Wir sehen es an rückläufigen Impfzahlen. Es werden Impftermine zum Teil abgesagt oder einfach nicht wahrgenommen. Es gibt Gruppen, wie etwa Krebspatienten, die sehr motiviert zum Impfen gehen. Das ist gut, aber wir brauchen die Impfung in der Breite für die gesamte Bevölkerung.

Die Delta-Variante breitet sich in Deutschland aus, zugleich lässt das Impftempo nach.

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Es ist auch wichtig, dass wir in die Impfkampagne unsere Jüngsten mitnehmen. Zumindest die Jugendlichen ab zwölf Jahren, denn sie brauchen auch einen Schutz. Es wäre wichtig, auch mit Blick nach Großbritannien und Israel, gerade diese Gruppen für den Herbst zu schützen.

ZDFheute: Wenn es weiter so bleibt, die Impfmüdigkeit zunimmt, wo stehen wir dann im Herbst?

Wendtner: Die Delta-Welle kommt - die Frage ist nur, wie hoch sie ausfallen wird und ob es wirklich eine Entkopplung zwischen der Höhe der Delta-Welle und der Zahl der hospitalisierten Patienten geben wird. Wir hoffen, dass wir wenig Patienten mit schwerem Verlauf in den Kliniken betreuen müssen, sondern dass es ein leichtes Infektionsgeschehen gibt. Aber wenn wir nicht ausreichend schnell und komplett impfen, werden wir eine ähnliche Welle haben, wie wir das im Herbst 2020 erleben mussten.

Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner. Archivbild
Infektiologe Clemens Wendtner: "Wir haben das Werkzeug in der Hand, uns zu schützen."
Quelle: --/München Klinik Schwabing/dpa/Archivbild

ZDFheute: Wen würde die Delta-Welle betreffen?

Wendtner: Die ersten Modellierungen und Hochrechnungen aus Großbritannien und Israel zeigen sehr klar, dass diese vierte Welle insbesondere auch die Jüngeren treffen wird. Das heißt, wir haben einen Peak im 40. Lebensjahr.

Das heißt, anders als wir das von der zweiten und dritten Welle her kennen, sind es jetzt die Jüngeren, die eben nicht vollständig geimpft sind, die Jüngsten am wenigsten. Und das ist natürlich auch ein Dilemma, das es aufzulösen gilt.

ZDFheute: Aus Ihrer Sicht als Mediziner: Gab es Schwierigkeiten in der Kommunikation, die zu einer Verunsicherung bei den Menschen geführt haben könnten?

Wendtner: Wir kennen Impfkampagnen auch schon vor Corona, es ist ein sehr sensibles Thema, und eine stringente Kommunikation ist immer wichtig. Es gab bestimmt Gründe, warum man evidenzbasiert gewisse Impfungen zurückgehalten oder Empfehlungen nur eingeschränkt ausgesprochen hat.

Aber ich glaube, jetzt ist es Zeit, auch ganz klar den Weg zur Impfung aufzuzeigen, auch ohne größere Restriktionen. Das muss nachvollziehbar sein für die Bevölkerung. Ich glaube, wir sind jetzt langsam auf einem guten Weg dahin. Und es gilt, das in den nächsten Wochen noch einmal sehr klar zu kommunizieren und damit auch die Impfkampagne zu beschleunigen.

Impfung ist ein Akt der Verantwortung, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft.

Und es betrifft jeden. Jeder hat seinen Anteil und deswegen nochmal mein Appell: Es sollten sich möglichst alle impfen lassen in den nächsten Wochen.

ZDFheute: Was glauben Sie, wie bekommt man die Menschen "an die Nadel"?

Wendtner: Man muss klar kommunizieren, dass die Nebenwirkungen, auf die in den letzten Monaten sehr fokussiert geschaut wurde, in den allermeisten Fällen eine Petitesse sind. Es gibt vereinzelt schwere Fälle, die möchte ich nicht kleinreden. Aber in der Summe ist die Impfung sicher. Und der Nutzen einer Impfung überwiegt deutlich die wenigen Nebenwirkungen, die auftreten können.

Es ist eine sehr sichere und sehr effektive Impfung, die uns einfach davor bewahrt, dass wir im Herbst 2021 wieder in die Falle treten, wie wir das im letzten Jahr leider tun mussten.

ZDFheute: In manchen Impfzentren sind die Kühlschränke voll mit Impfstoffen - und nicht nur mit Astrazeneca. Wie wirkt das auf Sie?

Wendtner: Es ist natürlich für uns Ärzte bitter zu hören, dass nun der Impfstoff da ist, aber offensichtlich nicht in der Breite so angenommen wird. Wir haben das Werkzeug in der Hand, uns zu schützen.

Ich glaube, es sollte sich jeder einmal vor Augen halten, was es heißt, mit Corona infiziert zu sein.

Jeder hat Freunde, Angehörige, denen dieses Schicksal nicht erspart geblieben ist. Und wir in den großen Covid-Zentren, in den Kliniken können natürlich tagtäglich auch das Leid sehen. Und ich kann nur appellieren, es ist wirklich wichtig, das zu verhindern. Und das können wir - wir müssen nur zupacken und uns impfen lassen.

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ZDFheute: Könnten Anreize helfen - so wie es auch in anderen Ländern diskutiert wird?

Wendtner: Anreize im medizinischen Sektor - das ist ein schwieriges Thema. Aber aus meiner Sicht sollte es kein Tabuthema mehr sein.

Wenn wir sehen, dass die Impfkampagne wirklich ins Stocken gerät, dann müssen wir - ähnlich wie es auch europäische Nachbarländer tun - direkte und indirekte Anreizsysteme schaffen.

Der Geimpfte schützt zunächst einmal sich selbst, aber er tut letztendlich auch etwas Gutes für seine Mitmenschen, für seine Gesellschaft. Und das sollte auch in gewisser Weise honoriert werden.

ZDFheute: Bei welchem Impfziel werden wir praktisch auf der sicheren Seite sein?

Wendtner: Es gibt neue Kalkulationen des Robert-Koch-Instituts, die die Situation für den Herbst 2021 simuliert haben, vor allem mit Blick auf die Delta-Variante. Und es ist relativ klar, dass wir eine Impf-Quote von 80 bis 85 Prozent brauchen, um quasi sicher durch den Herbst und Winter 2021/22 zu marschieren. Das ist jetzt das Ziel. Es ist eine Herausforderung, aber nicht unmöglich.

Das Interview führte Sibylle Bassler aus dem Landesstudio Bayern.

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