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Corona in Sammelunterkunft - Kaum Impf-Fortschritt bei Geflüchteten

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Obwohl Geflüchtete in Sammelunterkünften in der Prioritätsgruppe 2 sind, gehen die Impfungen nur langsam voran. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Auf dem Foto ist eine Frau zu sehen, die vor einem Flüchtlingsheim steht.
Menschen in Sammelunterkünften sind angesichts ihrer beengten Wohnverhältnisse besonders durch die Corona-Pandemie gefährdet.
Quelle: dpa

Sie leben in Mehrbettzimmern, teilen sich Küche, Bad und Flur mit den Bewohnerinnen und Bewohnern eines ganzen Flurs. Wer in einer Sammelunterkunft lebt, kann sich auf Grund der beengten Wohnsituation nur bedingt an Abstands- und Hygieneregeln halten. Dass das Infektionsrisiko höher ist, haben Ausbrüche in Gemeinschaftsunterkünften von Schlachthöfen, aber auch in Asylbewerberheimen gezeigt.

Deshalb werden Geflüchtete, die in "Einrichtungen gemeinschaftlicher Unterbringung" wohnen, in der Impfreihenfolge priorisiert. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat sie der Gruppe 2 zugeordnet. Theoretisch könnten sich diese Personen also seit Ende Februar impfen lassen. Praktisch passiert das aber noch kaum.

Dafür gibt es mehrere Gründe.

1. Fehlender Impfstoff

In Berlin sei man Ende März startbereit gewesen, mit mobilen Impfteams in Gemeinschaftsunterkünfte zu fahren. "Dann kam der Impfstoff nicht", sagt Sascha Langenbach vom Berliner Flüchtlingsamt. Auch in Frankfurt habe die Impfstoffknappheit den Start der Impfkampagne bestimmt. Hier sind mobile Impfteams Mitte April erstmals in Sammelunterkünfte gefahren, um Geflüchtete zu impfen.

Der Impfstoffnachschub sei ein "Flaschenhals" gewesen und ist es immer noch, sagt der stellvertretende Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt Antoni Walczok.

Die Terminkoordinierung war von Anfang an abhängig von der Verfügbarkeit des Impfstoffes.
Antoni Walczok, Frankfurter Gesundheitsamt

Zumal sich einige Impfstoffe besser für mobile Impfteams eignen als andere. In Frankfurt setzt man auf Impfstoffe, die einfach transportiert und auch wieder zurückgebracht werden können. In Berlin möchte man Johnson & Johnson einsetzen, da hier nur eine Impfung nötig ist, was die Organisation erleichtert.

Unter diesem Ansteckungsrisiko leben Menschen in Asylunterkünften

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2. Misstrauen

Vier Wochen nach Start der Impf-Kampagne in Asylbewerberunterkünften in Schleswig-Holstein haben erst etwas mehr als die Hälfte der impfberechtigen Bewohnerinnen und Bewohner das Angebot angenommen. Ähnliches erlebt Niedersachsen. Hier werden Geflüchtete in den Landesaufnahmeeinrichtungen seit dem 19. April systematisch angesprochen. Die Impfquote liegt laut Flüchtlingsrat aber nur zwischen 25 und 30 Prozent.

"Genug Impfstoff ist da", sagt Wolfgang Kossert vom zuständigen Landesamt in Schleswig-Holstein. Dass noch nicht alle geimpft sind, liege eher am Misstrauen. Zu den Zweifeln, die auch von Deutschen geäußert werden, etwa weil der Impfstoff so schnell entwickelt wurde oder wegen seltener Nebenwirkungen, kommen kulturelle Faktoren dazu.

Wenn in deinem Herkunftsland Reiche zuerst geimpft werden, macht es dich skeptisch, wenn du plötzlich Vorrang hast.
Wolfgang Kossert, Flüchtlingsamt Schleswig-Holstein

"Manche vermuten dann, dass der Impfstoff an ihnen getestet werden soll", sagt Kossert. Er berichtet auch von Fake News in Bezug auf Nebenwirkungen oder Wirksamkeit des Impfstoffes, die Geflüchtete zusätzlich verunsichern.

3. Fehlende Aufklärung und Unterstützung

Der Flüchtlingsrat in Niedersachsen führt die geringe Impfbereitschaft hauptsächlich auf fehlende Aufklärung und Unterstützung zurück. "Das Impfangebot wird den Betroffenen oftmals anonym und ohne ausreichende muttersprachliche Informationen übermittelt."

Oftmals verstehen die Geflüchteten gar nicht, worum es geht.
Flüchtlingsrat Niedersachsen

Auch die Flüchtlingsräte in Berlin und Bayern kritisieren, dass Geflüchtete nicht ausreichend informiert und vorbereitet wurden.

"Die Geflüchteten sollten, so irgend möglich, von Vertrauenspersonen angesprochen und informiert werden", heißt es etwa vom bayerischen Flüchtlingsrat. "Geflüchtete erwarten von staatlichen Stellen selten Gutes." Mit einer persönlichen Ansprache durch Sprachmittler oder Sozialarbeiter könne man auch besser auf den kulturellen Hintergrund und Bildungsgrad eingehen.

Die Aufklärungsarbeit in den Unterkünften sah bisher überwiegend so aus, dass Infomaterial zwar mehrsprachig, aber in Form von Flyern verteilt und ausgehängt wurde. Einige Bundesländer haben auch kurze Videos veröffentlicht, die in verschiedenen Sprachen informieren sollen.

[Je ärmer die Menschen, desto mehr Corona-Fälle: Warum Corona Minderheiten härter trifft.]

Kurz-Reportage: So arbeiten mobile Impfteams.

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3 min
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Impf-Fortschritte im Mai erwartet

Auch wenn der Start der Corona-Impfungen bisher schleppend war, gehen die zuständigen Behörden in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Berlin und Frankfurt von einer Beschleunigung aus. Nicht nur, weil im Mai mehr Impfstoff zur Verfügung steht, sondern auch, weil mit jeder Impfung in der Unterkunft mehr Vertrauen aufgebaut werden soll.

"In anderen Einrichtungen haben wir das auch so erlebt, dass sich erst mal weniger Menschen impfen lassen wollten, weil sie skeptisch waren. Beim nächsten Besuch der mobilen Impfteams sah das manchmal schon ganz anders aus", berichtet etwa Katrin Steul vom Gesundheitsamt Frankfurt.

Der Autorin auf Twitter folgen: @JohannaSagt

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