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Streitthema Impfen : Ein Piks mit "gewaltigem Sprengpotenzial"

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Die Debatte zwischen Covid-Geimpften und Ungeimpften wird härter. Impf-Verweigerer klagen über "Ächtung". Soziologen warnen vor gewaltigem gesellschaftlichen Sprengpotenzial.

Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin: Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Archivbild
Impfen oder nicht? Darüber ist eine Debatte entbrannt - die auch bei Demos ausgetragen wird.
Quelle: dpa

Die Frau spricht von einem "großangelegten Menschenversuch" und meint damit das Covid-Impfprogramm. Die Mitsechzigerin spricht offen über ihre Ängste vor einer Impfung, möchte aber, dass ihre Anonymität gewahrt wird.

"Ich will niemanden gefährden, aber ich will auch kein Versuchskarnickel werden - es ist mein Körper, meine Gesundheit, mein Leben", sagt sie und fragt:

Wer garantiert mir denn, dass mich die Impfung nicht krank macht?

Streit in der Familie zwischen Geimpften und Ungeimpften

Die Frau spricht hastig. "Das Thema regt mich so auf", sagt sie. Es gibt Streit in der Familie - zwischen geimpften und ungeimpften Mitgliedern: "Da hat’s ordentlich gekracht, jetzt gehen wir uns erstmal aus dem Weg."

Erstmal also keine gemeinsamen Familienfeste, keine sonstigen Treffen. Ein Riss hat sich aufgetan.

"Hohes Spaltungspotenzial für die Gesellschaft"

Zusammenkünfte nur noch für Covid-Geimpfte oder Genesene? Die anderen sollen außen vor bleiben? Diese Debatte wird vielerorts im öffentlichen und privaten Raum mit zunehmender Härte geführt.

Steffen Mau, Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität Berlin, spricht von einer Kollision unterschiedlicher normativer Güter: "Da ist einerseits die individuelle Entscheidungsfreiheit und das Recht, mit dem eigenen Körper und der eigenen Gesundheit das zu tun, was man für richtig hält. Und andererseits geht es um mögliche Effekte auf die Gesundheit der gesamten Gesellschaft inklusive der Risiken und Schäden, die durch einen erneuten Lockdown auftreten könnten. Das sind zwei Dinge, die weitgehend unvereinbar sind."

Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans Böckler Stiftung Düsseldorf, sieht beim Thema Impfen "ein hohes Spaltungspotenzial für die Gesellschaft".

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Individuelle Freiheit versus Schutz der Gesellschaft

Der Soziologe Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität Jena spricht gar von einem "gewaltigen Sprengpotenzial, weil sich - über den Impfstatus reguliert - scharfe Trennlinien auftun und das für die Individuen unterschiedliche Freiheiten mit sich bringt".

Man müsse in einer Gesellschaft immer sehr vorsichtig sein mit dem Einschränken von Freiheitsrechten, "andererseits braucht es gesellschaftliche Regeln, die Freiheiten einzelner einschränken, wenn die auf Kosten anderer gehen", sagt Dörre.

Wenn es so wäre, dass ich als potenzieller Überträger des Virus nur mich selbst gefährde, könnte die Gesellschaft sagen: Na gut, dann ist es dein eigenes Risiko. Das Problem ist aber, dass die Freiheit und Gesundheit anderer gefährdet wird.
Klaus Dörre, Soziologieprofessor

Derweil beklagen Ungeimpfte zunehmende Einschnitte in ihre Freiheitsrechte. Bettina Kohlrausch entgegnet dem: "Wir müssen unterscheiden zwischen der Einschränkung elementarer Grundrechte und eines untersagten Party- oder Kinobesuchs."

Der Schutz der Gesundheit sei ein hohes Gut, das sich in der Pandemie nur sichern lasse, wenn alle sich impfen ließen. Kohlrausch empfiehlt deshalb bessere Informationskampagnen für Unentschlossene. Sanktionen bezeichnet sie dagegen als kontraproduktiv.

Soziologe: Ungeimpfte fühlen sich "ungerecht behandelt"

Lange hatte die Politik jede Art von Impfzwang ausgeschlossen. "Jetzt werden durch die Hintertür Formen des sozialen Drucks aufgebaut", beobachtet Steffen Mau. Das führe bei vielen Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, zu einer starken Erregung und "Reaktanz". Das heißt: "Sie verhärten sich in ihrer Meinung und fühlen sich ungerecht behandelt", so Mau.

In gewisser Hinsicht sind das Aufflammen von Konflikten und die gesellschaftliche Spaltung schon vorprogrammiert gewesen.
Steffen Mau, Soziologe

Einfache, schnelle Lösungen in diesem "neuen Konfliktfeld" sind nicht in Sicht.

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