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Vorläufige Studie aus Oxford - Thrombosen: Covid gefährlicher als Impfung?

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Eine Oxford-Studie sagt: Seltene Thrombosen kommen nach Covid-Erkrankungen häufiger vor als nach Impfungen. Wie aussagekräftig sie ist, wird sich noch zeigen müssen.

Archiv: Medizinisches Personal in Schutzanzügen behandelt einen an der Coronavirus-Krankheit (COVID-19) leidenden Patienten auf der Intensivstation des Gemeindekrankenhauses Havelhoehe in Berlin am 9. April 2021.
Auch eine Corona-Infektion soll das Risiko für Sinusvenenthrombosen erhöhen.
Quelle: Reuters

Wie aussagekräftig sind Studien - vor allem wenn sie noch nicht von anderen Forschenden begutachtet wurden? Diese Frage stellt sich in der Corona-Pandemie beinahe täglich - und aktuell mit Blick auf eine Untersuchung aus Oxford, die sich eines sehr sensiblen Themas angenommen hat: Sinusvenenthrombosen nach Impfungen.

Thrombose-Risiko nach Covid-19 höher als nach Impfung?

Die Gefahr seltener Thrombosen ist dieser Studie zufolge bei einer Corona-Infektion deutlich höher als nach einer Impfung gegen das Virus. Covid-19 führe zu einem vielfach höheren Risiko für Sinusvenenthrombosen als die aktuellen Impfstoffe, hieß es in dem am Donnerstag veröffentlichten Papier der Universität Oxford.

Die Hauptergebnisse der Studie lauten:

  • Das Risiko solcher Blutgerinnsel sei nach einer Infektion etwa 100 Mal höher als normal.
  • 30 Prozent der Fälle träten bei Personen unter 30 Jahren auf.
  • Im Vergleich zu den verfügbaren Covid-19-Impfstoffen sei die Gefahr um acht bis zehn Mal höher.
  • Auch mRNA-Impfstoffe könnten die seltenen Blutgerinsel hervorrufen.

Studie: 39 von einer Million Menschen nach Covid-Infektion betroffen

Die Studie mit 500.000 Covid-19-Patienten ergab, dass bei 39 von einer Million Menschen nach der Infektion Sinusvenenthrombosen beobachtet wurden, so die Forscher. Zum Vergleich: Laut Europäischer Arzneimittelagentur (EMA) traten die seltenen Blutgerinnsel nach der Impfung mit Astrazeneca bei fünf von einer Million Menschen auf.

Der Vergleich mit den EMA-Zahlen, den die Gruppe aus Oxford zieht, ist aber nicht unumstritten: Denn Daten etwa aus Norwegen lassen ein deutlich höheres Risiko einer Sinusvenenthrombose nach einer Astrazeneca-Impfung vermuten.

Bei den Impfstoffen von Moderna und Biontech sprechen die Forschenden von einer Häufigkeit von 4,1 solcher Fälle gerechnet auf eine Million Geimpfte.

"Covid-19 erhöht das Risiko für Sinusvenenthrombosen deutlich und ergänzt die Liste der Blutgerinnungsprobleme, die diese Infektion verursacht", erklärte Neurowissenschaftler Paul Harrison, der zu den Leitern der Untersuchung gehört.

Viele Impfwillige wollen sich nicht mit dem Corona-Impfstoff des Pharmaunternehmens Astrazeneca impfen lassen – sie sind auch wegen eines Streits unter Ärzten verunsichert.

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Fragen nach Aussagekraft der Preprint-Studie

Was hier jedoch - wie bei so vielen in der Corona-Pandemie zitierten Studien - nicht außer Acht gelassen werden darf: Diese Preprint-Studie wurde noch nicht von unabhängigen Expertinnen und Experten begutachtet. Es sind also weitere Untersuchungen nötig, um die hier aufgestellte Hypothese zu bestätigen.

Die Studienautoren weisen selbst darauf hin, dass die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden müssten, da mit weiteren Impfungen noch mehr Daten hinzukämen. Ein weiteres Problem: Die Untersuchung basiert überwiegend auf US-Daten und liefert daher keine neuen Zahlen zu Blutgerinnseln durch den Impfstoff von Astrazeneca, da das Mittel in den USA noch nicht auf dem Markt ist.

Das kritisiert auch der Berliner Gefäß-Mediziner Robert Klamroth gegenüber ZDFheute: "Die Studie wurde in den USA durchgeführt, die Vergleichsgruppe wurde mit einem mRNA-Impfstoff geimpft und nicht mit Astrazeneca."

Kritik an Datenbasis aus Oxford

"Die Datenbasis dieser Studie ist bei diesen seltenen Komplikationen viel zu dünn, um statistisch relevante Aussagen zuzulassen", resümiert Gefäß-Spezialist Wulf Ito aus Kempten.

Grundsätzlich ist es fragwürdig, wenn Wissenschaftler eine Studie öffentlich machen, die noch nicht einmal den normalen Review-Prozess vor Publikation durchlaufen hat.
Wulf Ito

Fragen stellen sich auch zur Unabhängigkeit der Untersuchung. Die Uni Oxford hat zusammen mit Astrazeneca den Covid-19-Impfstoff des Pharmakonzerns entwickelt. Das Forscherteam, das die Daten nun vorlegte, arbeitete eigenen Angaben zufolge aber unabhängig von dem Impfstoff-Team der Universität, das das Vakzin entwickelte. Experte Wulf Ito hat trotzdem Zweifel, dass die Experten aus Oxford "vollkommen unvoreingenommen" sind.

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Gerinnungsstörungen als Effekte von Covid-19

Bei aller berechtigten Vorsicht ist eine Erkenntnis der Forschenden aber entscheidend: Sie betonten, dass Covid-19 häufiger mit anderen Gerinnungsstörungen - etwa Schlaganfällen - in Verbindung steht als mit den äußerst seltenen Sinusvenenthrombosen. Die jüngste Debatte um Impfstoffe hätte aus den Augen verloren, wie schlimm die Krankheit selbst sein könnte.

"Das Wichtige an dieser Beobachtung ist, dass sie das Augenmerk zurück darauf lenkt, dass es sich um eine wirklich schreckliche Krankheit mit vielen Auswirkungen handelt, einschließlich des erhöhten Risikos für Sinusvenenthrombosen," sagte John Geddes, Direktor des NIHR Oxford Health Biomedical Research Centre.

Impfungen mit Astrazeneca und J&J ausgesetzt

Der Impfstoff von Astrazeneca darf in Deutschland wegen Fällen von Sinusvenenthrombosen nach der Impfung - vorwiegend bei jüngeren Frauen - nur noch bei Menschen ab 60 Jahren uneingeschränkt eingesetzt werden.

Auch der Impfstoff von Johnson & Johnson und Janssen - wie das Präparat von Astrazeneca ein Vektorimpfstoff auf Adenovirus-Basis - wurde in den USA vorerst ausgesetzt, weil nach Impfungen in sehr seltenen Fällen Sinusvenenthrombosen aufgetreten waren.

Ob die Erkenntnisse aus Oxford Auswirkungen auf diese Entscheidungen haben werden, ist aber fraglich: Denn die Aussagekraft der Studie ist zum aktuellen Zeitpunkt zu gering.

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