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Interview

Chefarzt Bauer aus Jena - "Wir sind mit dem Rücken an der Wand"

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Thüringen hat den Punkt erreicht, an dem nicht mehr alle Covid19-Patienten versorgt werden können. Intensivmediziner Michael Bauer machen die hohen Infektionszahlen große Sorgen.

Der Leiter der Anästhesiologie und der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena, Prof. Dr. Michael Bauer sagt zur Lage auf seiner Station: "Wir sind seit Wochen im Ausnahmezustand!"

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Die Warnung vor überlasteten Kliniken ist mancherorts schon real: Fünf nach einer Corona-Infektion schwer an Covid-19 erkrankte Menschen aus Thüringen müssen auf Intensivstationen anderer Bundesländer verlegt werden. Die Patienten aus dem Uniklinikum Jena und dem Krankenhaus Greiz sollten in Kliniken in Bayern und in Norddeutschland gebracht werden.

Die Lage auf den Thüringer Intensivstationen ist ebenso angespannt wie auf dem Höhepunkt der zweiten Pandemiewelle um den Jahreswechsel. Nach dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIV) lagen am Donnerstag 220 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen von Thüringer Krankenhäusern. Davon wurden 128 invasiv beatmet. 638 von 701 im Freistaat betreibbaren Intensivbetten sind demnach belegt.

Professor Michael Bauer, Chefarzt des Jena-Klinikum für Intensivmedizin beschreibt im heute journal die Lage in Thüringen:

ZDF: Bei Ihnen in Thüringen ist die Situation schlimm und sie haben heute Nachmittag mit einer meiner Kolleginnen aus dem Thüringer Landesstudio gesprochen und am Telefon gesagt: "Bei uns brennt die Hütte!"

Michael Bauer: Das ist korrekt. Wir sind seit Wochen im Ausnahmezustand. Die Hälfte meiner Betten sind aktuell mit schwerstkranken Patienten mit Covid-19 belegt und im Gegensatz zu den letzten Wochen sinkt der Altersdurchschnitt kontinuierlich. Das sind Menschen mitten aus dem Leben. Der Altersdurchschnitt ist Mitte 50. Wir haben eine junge Patientin, die frisch entbunden hat, samt dem Kind auf der Intensivstation.

Wir haben einen 32-Jährigen Fitnesstrainer bei uns beatmet auf der Intensivstation, Leute mitten aus dem Leben.

ZDF: Gerade das wird manche auch überraschen. Also manche Leute glaubten vielleicht auch: Naja, wenn die Pflegeheime erstmal durchgeimpft sind und die über 80-Jährigen weitgehend durchgeimpft, dann ist das für den Rest alles nicht mehr so gefährlich. Und jetzt liegen da Schwangere und 30-jährige Fitnesstrainer bei Ihnen.

Bauer: Das ist korrekt. Die gute Nachricht ist: Die Impfung wirkt. Aber mit den neuen Varianten B.1.1.7, der südafrikanischen etc. gibt es durchaus schwere Verläufe, auch bei jungen Patienten und mit den ansteigenden Zahlen. Und da sind wir hier in Thüringen in der sehr ungünstigen Situation, dass die Inzidenz seit Monaten hoch ist, da kommt es zu schwersten Erkrankungen auch bei jungen Patienten mitten aus dem Leben.

ZDF: Das ist dann sozusagen auch die Wucht der großen Zahlen. Es gibt auch Stimmen, die sagen: Ach Inzidenzen, das kommt manchmal auch nur, weil in einer Fleischfabrik zum Beispiel sich Leute angesteckt haben. Man sollte lieber auf die Bettenbelegung gucken und darauf, wie viele Menschen tatsächlich erkranken. Das ist wahrscheinlich aus ihrer Perspektive dann eher schwierig, oder?

Bauer: Ja, wir sehen mit einer erheblichen Verzögerung die Patienten auf der Intensivstation.

Mir ist Angst und Bange. Die Zahlen steigen auch bei uns in der Region weiter und wir haben einen kontinuierlichen Nachschub von schwerstkranken Patienten.

Andere Bundesländer, die jetzt nachziehen mit der Inzidenz, die werden auch in 14 Tagen, drei Wochen entsprechend die Patienten auf den Intensivstationen sehen.

ZDF: Thüringen ist im Moment bei ungefähr 250 Inzidenz. Sie fliegen auch bereits Patienten aus, weil sie einfach keinen Platz mehr haben bei sich in der Klinik Jena?

Bauer: Es ist einerseits so, dass wir im Bereich der hochspezialisierten Medizin zum Beispiel bei Patienten, bei denen extrakorporale Unterstützung der Lungenfunktion erforderlich wird, mit dem Rücken an der Wand stehen. Da haben wir keine Möglichkeiten mehr diese Therapieoptionen auszunutzen. Auch bei den jungen Patienten wie geschildert, müssen wir diese Option haben und dann müssen wir verlegen, wenn wir individualmedizinisch nicht alle Register ziehen wollen. Bei diesen Patienten müssen wir die Patienten jetzt verlegen.

Und zum anderen haben wir natürlich auch einen erheblichen Engpass bei Patienten, die andere Diagnosen haben als Covid-19. Die Situation ist bei uns angespannt für die normale Intensivmedizin, wenn 45 Prozent der Betten belegt sind mit Covid-19. Die werden ja sonst nicht leer die Betten. Haben wir Engpässe in der Versorgung von Patienten mit Tumorerkrankungen, mit akuten Gefäßleiden.

Wir sind mit dem Rücken an der Wand.

ZDF: Das heißt ganz konkret, dass ein Krebspatient länger auf eine, ja auch dringend notwendige Operation warten muss zum Beispiel?

Bauer: Das ist korrekt. Das ist seit Wochen die harte Realität in deutschen Krankenhäusern.

ZDF: Puh, ja. Was erhoffen Sie sich jetzt von der von der Politik? Wir haben ja auch das neue Infektionsschutzgesetz, das im Gespräch ist. Da werden Sie vermutlich als Arzt auch eine Meinung zu haben?

Bauer: Ganz sicher, einerseits habe ich eben schon die gute Nachricht vorweggenommen: Die Impfung wirkt. Wir sehen die hochbetagten Patienten nicht mehr auf der Intensivstation. Aber bis die Impfquote in Deutschland entsprechend hoch ist, gibt es nur eine Chance. Wir müssen Kontakte reduzieren. Wir müssen die entsprechenden Regelungen befolgen und die Füße stillhalten bis die Impfquote ausreichend hoch ist. Sonst gibt es sehr viele Tote auch in Deutschland.

Das Interview führte Marietta Slomka.

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