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Interview

Patienten konkurrieren - "Nicht jedes Intensivbett für jeden geeignet"

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Wenige freie Plätze und immer größere Probleme. Ein Intensivmediziner berichtet, wie er auf der Suche nach freien Intensivplätzen durch das ganze Ruhrgebiet fliegen muss.

Das Team eines Intensivtransportwagens fährt auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg einen Patienten am 08.01.2021.
Coronapatienten konkurrieren mit anderen Schwerkranken um die letzten freien Intensivplätze, so der Intensivmediziner.
Quelle: dpa

Im Interview mit ZDFheute berichtet ein Intensivmediziner aus NRW, warum die Lage auf Intensivstationen extrem angespannt ist, wie er einen Patienten auf der Suche nach einem freien Intensivbett quer durch das Ruhrgebiet fliegen musste und warum ihn die Politik fassungslos macht.

Da der Mediziner im Netz Bedrohungen von Rechtsradikalen und Corona-Leugnern ausgesetzt ist, möchte er anonym bleiben. ZDFheute ist seine Identität bekannt.

ZDFheute: Sie warnen in sozialen Netzwerken davor, dass die restlichen freien Intensivbetten nicht helfen. Was meinen Sie damit?

Neufeld*: Ein Intensivbett bedeutet, dass da ein Bett mit Monitoring, Spritzenpumpen und Beatmungsgerät steht. Als nächstes muss es eine verfügbare Pflegekraft geben. Abhängig von der erforderlichen Fachdisziplin ist nicht jedes Intensivbett für jeden Patienten geeignet. Je nach Grund für den schlechten Zustand des Patienten, muss die Klinik gewählt werden.

Manche Disziplinen wie etwa Herzchirurgie oder Neurochirurgie werden nur in größeren Kliniken vorgehalten, sogenannte Schwerpunkt- oder Maximalversorger. Diese Patienten können nur dort adäquat behandelt werden. 

Gernot Marx, Präsident der DIVI, zur aktuellen Lage auf den Intensivstationen hierzulande: "Pro Krankenhaus sind nur noch 1,5 freie Intensivbetten verfügbar". Jeder zweite Covid-Patient, der beatmet werde, sterbe.

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6 min
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ZDFheute: Wie wirkt sich das konkret auf die derzeitige Lage aus?

Neufeld*: Wenn ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit der Behandlung eines Patienten ans Limit kommt, dann haben sie bisher in größeren Kliniken angerufen - in der Hoffnung, dass dort geholfen werden kann. Diese Kliniken sind aber auch die Reserve für besonders schwere Erkrankungen.

Das bedeutet, die besonders kranken Covid-Patienten konkurrieren mit den besonders schwer erkrankten Notfallpatienten um die Betten.
Sebastian Neufeld, (Name geändert), Intensivmediziner

Bei gleicher Gesamtbettenzahl verschärft sich die Lage. 

Immer mehr Covid-Patienten werden zu Schwerpunkt- oder Maximalversorgern verlegt, wo keine Ressourcen mehr für Not-Operationen sind. Auch zehn freie Intensivbetten im Kreiskrankenhaus in Winterberg würden da nicht weiterhelfen, weil dort zum Beispiel keine Herzoprationen versorgt werden können. 

Die Zahl der Covid-Patient*innen auf Intensivstationen ist wieder dramatisch angestiegen.

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1 min
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ZDFheute: Worin unterscheiden sich die Versorgungsstufen?

Neufeld*: Der entscheidende Unterschied ist das Personal. Der Wissensunterschied in der Behandlung ist teilweise gravierend. Ich habe viele Intensivtransporte von Patienten gefahren oder geflogen, die auf einer Intensivstation lagen, wo technisch alles vorhanden war.

An den Einstellungen der Spritzenpumpen oder des Beatmungsgeräts erkennt man aber manchmal erhebliche Unterschiede. Die richtige Beatmung kann bei Covid-Patienten darüber entscheiden, ob sie überleben. 

In kleineren - eher ländlich gelegenen Krankenhäusern - sind schwerkranke Patienten eher selten, da fehlt die Erfahrung.
Sebastian Neufeld, (Name geändert), Intensivmediziner

ZDFheute: Wie spiegelt sich die Lage in Ihrem Berufsalltag wieder?

Neufeld*: Ich habe zuletzt einen Patienten mit einer schweren Kopfverletzung von einem kleineren Krankenhaus in eine Neurochirugie geflogen. Das alleine wäre nichts besonderes, aber wir sind quer durchs Ruhrgebiet an mindestens vier Kliniken vorbei geflogen, weil diese alle abgesagt hatten.

Die abgebende Klinik hatte vorher in acht maximalversorgenden Kliniken versucht, den Patienten anzubieten. Keine der Kliniken wollte den Patienten, weil sie keine Kapazitäten mehr hatten. 

Deutschland in der dritten Corona-Welle. Das macht sich bemerkbar - auch an der Auslastung der Kliniken. Die Charité in Berlin hat eigens eine Covid-Intensivstation eingerichtet.

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3 min
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ZDFheute: Was entgegnen Sie Stimmen, die eine Pandemie-Politik allein orientiert an der Zahl der freien Intensivbetten fordern? 

Neufeld*: Ich kann mich mit diesen Menschen nicht unterhalten. Ich müsste versuchen, ihnen dieses sehr komplexe Gefüge der Akut- und Notfallversorgung zu erklären. Dann könnte man erläutern, warum auch 1.000 freie Intensivbetten in Häusern ohne Neurochirugie nichts bringen, wenn ich einen Patienten mit einem Subduralhämatom habe. 

ZDFheute: Wie blicken Sie auf die Entscheidungen der Politik?

Neufeld*: Unsere Landesregierung in NRW hat es geschafft, den schlechtmöglichsten Mix aus Zermürbung der Bevölkerung mit immer neuen, einschränkenden Maßnahmen ohne Aussicht auf Besserung und trotzdem mit ansteigenden Infektionszahlen zu treffen. So schamlos muss man erstmal sein, sich damit für das Bundeskanzleramt zu empfehlen.

Ich würde mich freuen, wenn man sagen würde - wir haben euren Hilferuf gehört, wir müssen da ran. Zum Beispiel mit Maskenpflicht in Innenräumen. Im Gegenzug könnte man Außengastronomien öffnen. Das würde den Menschen eine Perspektive geben. 

Das Interview führte Lukas Wilhelm.

*Der Name wurde auf Wunsch des Intensivmediziners redaktionell geändert.

Auf der Covid-Intensivstation kämpft Nadine stündlich um Menschenleben.

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12 min
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Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise

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