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Erste und zweite Welle - Wie viele Corona-Intensivpatienten sterben?

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In der ersten Welle starb rund die Hälfte aller Corona-Patienten auf Intensivstationen. Wie viele sind es jetzt? Je nach Region ist die Antwort sehr unterschiedlich.

Pfleger auf der Corona-Intensivstation der Universitätsklinik Dresden
Um jedes Leben wird gekämpft: eine Intensivstation in Dresden. (Archivbild)
Quelle: dpa

Krematorien am Limit, erschöpftes Krankenhauspersonal und Coronavirus-Fallzahlen in Rekordhöhe: Doch es ist vor allem das rasante Ansteigen der Covid-Todesfälle, deutlich über dem Niveau der ersten Welle, das das aktuelle Ausmaß der Pandemie verdeutlicht.

Studien zur ersten Infektionswelle haben gezeigt, dass im Frühjahr etwa 20 Prozent aller ins Krankenhaus eingelieferten Corona-Patienten starben. Von den Intensivpatienten waren es sogar etwas mehr als die Hälfte.

Diese Werte zeigen, worauf sich Risikogruppen und Angehörige bei schweren Krankheitsverläufen einstellen müssen und womit Klinik-Mitarbeiter tagtäglich physisch und psychisch zu kämpfen haben.

Wie hat sich die Letalität in Hotspots entwickelt?

Vor allem in Sachsen ist die Pandemie-Lage dramatisch. Mit einer 7-Tage-Inzidenz von 665 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern liegt der Landkreis Zwickau bundesweit auf dem ersten Platz. 261 Corona-Tote hat der Landkreis bisher zu verzeichnen. Am 1. November waren es noch 61.

Professor Andreas Reske, Chefarzt am Heinrich-Braun-Klinikum in Zwickau, berichtet ZDFheute von einer teils gestiegenen Letalität. Die Frühsterblichkeit kurze Zeit nach Einlieferung sei zwischen erster und zweiter Welle unverändert.

Wir haben aber mehr extrem langwierige Fälle von bis zu fünf Wochen auf der Intensivstation. Da ist die Sterblichkeit gerade bei 60 Prozent, also sogar zehn Prozent höher.
Andreas Reske, Chefarzt am HBK Zwickau

Die Gründe für diese Entwicklung seien bislang noch pure Mutmaßung. "Einerseits haben wir sehr viel gelernt, können etwa besser abschätzen, wann wir invasiv beatmen. Aber es gibt auch die Ernüchterung, dass sich Mittel wie Remdesivir als Enttäuschung herausgestellt haben", sagt Reske. Die Auswahl an therapeutischen Optionen sei begrenzt und ein Patentrezept bei der Behandlung nicht in Sicht.

Bundesweit am stärksten betroffen von Corona ist weiterhin Sachsen, denn viele Krankenhäuser arbeiten dort am Limit. Auch im benachbarten Thüringen ist die Lage angespannt.

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Woran mangelt es den Kliniken am meisten?

"7.000 freie Intensivbetten im Divi-Register bedeuten nicht automatisch, dass auch 7.000 weitere Corona-Patienten betreut werden können", betont Reske. Das größte Nadelöhr sei das Personal. Hunderte Kolleginnen und Kollegen seien in der Region derzeit in Quarantäne.

In manchen Häusern fallen so gerade 40 bis 60 Prozent der Pflegenden aus.
Andreas Reske, Chefarzt am HBK Zwickau

Seit inzwischen acht Wochen betreue dieses Personal durchgehend in großer Zahl Corona-Patienten. "Ohne den Mitarbeitern der Gesundheitsämter Vorwürfe machen zu wollen: Mehr Flexibilität beim Einsatz von Mitarbeitern zu erlauben, würde uns schon sehr helfen." Konkret wünscht sich Reske etwa, dass infizierte, aber symptomfreie Pflegerinnen und Pfleger unter bestimmten Bedingungen weiterarbeiten dürften. "Letztlich ist ein Sinken der Fallzahlen aber der einzige Weg, wie sich die Lage wieder entspannen kann", sagt Reske.

Und wie sehen die Zahlen für ganz Sachsen aus? Michael Veihelmann, Geschäftsführer der Zeisigwaldkliniken Bethanien Chemnitz, sagte ZDFheute, dass "zurzeit sächsische Krankenhäuser gleichermaßen sehr stark von den Auswirkungen der zweiten Welle betroffen sind".

Wie sollte man sich auf einen Klinikaufenthalt vorbereiten?

"Es wäre wichtig, dass sich Menschen jetzt über Patientenverfügungen Gedanken machen", mahnt Chefarzt Reske. "Patienten und Angehörige müssen rechtzeitig einen Willen bilden, wie behandelt werden soll. Das sollte nicht passieren, kurz bevor man ins künstliche Koma versetzt wird."

Er habe die Erfahrung gemacht, dass nicht wenige eine langwierige Beatmung für sich ausschließen, wenn man mögliche Folgen mit ihnen bespreche, berichtet Reske. Das könne dauerhafte Lungenschäden und andere Organschäden umfassen.

In Deutschland fehlt es an medizinischem Personal. Die Corona-Krise zeigt, dass eines der teuersten Gesundheitssysteme lange nicht das beste ist. Womöglich droht jetzt sogar der Kollaps.

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Ist die Lage anderswo besser?

"Nirgendwo ist die Lage wirklich entspannt, aber eine Überlastung gibt es bei uns aktuell zum Glück noch nicht", schildert Professor Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart, ZDFheute.

53 Prozent der Beatmungspatienten auf Intensivstationen starben in der ersten Welle, aktuell sind wir bei einem Drittel oder darunter.
Prof. Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender Klinikum Stuttgart

Mit Blick auf Testung, Schutzausrüstung und technische Ausstattung sei die Lage heute besser als in der ersten Welle, so Jürgensen. "Wir haben viel dazugelernt. Kleine Puzzleteile, die aber viel bewirken."

Man habe eine Notfallreservekapazität von 200 Beatmungsgeräten aufgebaut. Limitiert in Stuttgart wie in Zwickau ist aber das Intensivpflegepersonal. "Im Klinikum Stuttgart ist die Personallage angespannt, aber stabil", sagt Jürgensen. Das erlaubt, anderen Kliniken unter die Arme zu greifen: "Am Freitag haben wir zwei Covid-Intensivpatienten der Uniklinik Heidelberg übernommen."

Deutschlandweite Zahlen frühestens ab Januar

Wie sich die Lage außerhalb dieser Beispiele deutschlandweit gestaltet, ist bisher schwer zu sagen. Bald soll es aber offizielle Zahlen geben: Eine detaillierte Auswertung, wie sich die Sterblichkeit auf Intensivstationen in der zweiten Welle deutschlandweit entwickelt hat, kann die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) frühestens im Januar veröffentlichen, teilte sie ZDFheute mit.

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