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Migranten auf Intensivstationen - Warum Corona Minderheiten härter trifft

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Ärzte berichten, dass auf den Intensivstationen überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund landen. Doch die Datenlage ist dünn. Was sind die konkreten Gründe?

Covid-19-Intensivstation in der VAMED Klinik Schloss Pulsnitz.
Covid-19-Intensivstation: Haben überdurchschnittlich viele Patienten einen Migrationshintergrund?
Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Hat ein großer Teil der Covid-Patientinnen und -Patienten, die auf den Intensivstationen in Deutschland behandelt werden, einen Migrationshintergrund? So berichten es mehrere Medien. Das Thema sei ein "Tabu", titelt die "Bild"-Zeitung. Die Politik traue sich nicht, offen darüber zu sprechen, aus "Angst vor einer Rassismus-Debatte".

Tatsächlich jedoch gibt es dazu keine belastbaren Zahlen. Dennoch zeigen die Beobachtungen möglicherweise ein bisher wenig beachtetes Problem. Denn Experten sagen und Studien zeigen: Sozial Benachteiligte, insbesondere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, haben ein deutlich höheres Infektionsrisiko. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben mit den oft zitierten "Parallelgesellschaften" nur wenig zu tun. Aber der Reihe nach.

Im Gespräch mit ZDFheute bekräftigt Thomas Voshaar, Leiter der Lungenklinik Moers, seine Beobachtungen: "In Telefonaten haben mir einige befreundete Intensivmediziner und Lungenärzte berichtet, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf ihren Intensivstationen überrepräsentiert sind. Die Zahlen waren sehr unterschiedlich, etwa zwischen 50 und 90 Prozent. So was schwankt aber auch natürlich entsprechend den Ausbrüchen in Clustern." Auch in seiner Klinik habe er diese Situation beobachtet.

AfD will aus Berichten politisches Kapital schlagen

Die "Bild"-Zeitung hatte Voshaar schon zuvor zitiert und interne Details aus einer Schaltkonferenz des Chefs des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, mit Chefärzten veröffentlicht. Demnach sei auch Wieler "die Problematik" bekannt: Er habe das "genauso gehört".

"Focus Online" zitiert mehrere Ärzte, die anonym bleiben möchten: Der "weit überwiegende Anteil der therapiepflichtigen Patienten" habe einen Migrationshintergrund gehabt. Ein ähnliches Bild zeichnet auch der "Tagesspiegel" aus Berlin, in Österreich zitiert die Tageszeitung "Die Presse" den Wiener Klinikarzt Burkhard Gustorff mit den Worten "60 Prozent unserer Intensivpatienten haben Migrationshintergrund".

Ansteckungsrisiko sozialer Brennpunkt

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Die AfD-Fraktion im Bundestag versuchte bereits, aus den Berichten politisches Kapital zu schlagen: Die "Erzählung vom angeblichen Multikulti-Erfolgsmodell war Regierung wichtiger als Bekämpfung des Corona-Virus", twitterte sie am Mittwoch.

Daten zur sozialen Herkunft werden nicht erhoben

Doch wie hoch der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei den Intensivpatienten tatsächlich ist, lässt sich nicht sagen: Die dafür notwendigen Daten existierten nicht, teilt der zuständige Fachverband Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) auf Anfrage von ZDFheute mit.

"Wir haben uns in der Divi sehr viel mit patientenbezogenen Daten zur Covid-19-Pandemie beschäftigt. Im Divi-Intensivregister erheben wir diese nicht. Auch ist mir keine andere Datenquelle bekannt, die deutschlandweit Merkmale wie Sprachbarriere oder Migrationshintergrund erfassen würde. Keine!", so Prof. Christian Karagiannidis, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters.

Die Opposition kritisiert die Ergebnisse des Corona-Gipfels von Bund Ländern scharf. Zweifel gibt es vor allem hinsichtlich der neuen Teststrategie und der geplanten Lockerungen.

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Ex-Divi-Chef: Aussagen sind "rassistisch"

Der Chefarzt und frühere Divi-Präsident Prof. Uwe Janssens bezeichnete gegenüber ZDFheute die in den Berichten zitierten Aussagen von Ärzten als "rassistisch gegen viele Menschen in unserer Gesellschaft".

Wir müssen dieses Virus als Gesellschaft gemeinsam bekämpfen - und sollten nicht anfangen mit dem Finger auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu zeigen.
Prof. Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

Doch dass es in Deutschland praktisch keine Daten darüber gibt, ob und inwieweit Menschen mit Migrationshintergrund stärker unter der Pandemie leiden, ist gerade das Problem: Denn Fachleute gehen durchaus davon aus, dass Minderheiten überproportional oft von Covid betroffen sind. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Je ärmer die Menschen, desto mehr Corona-Fälle

"Menschen mit Migrationsgeschichte sind häufiger in Berufen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko tätig. Auch in Deutschland arbeiten sie überproportional häufig in der Pflege und im Gesundheitssystem", sagt Aleksandra Lewicki, die an der University of Sussex zu institutioneller Diskriminierung, Gleichstellungspolitik und politischer Mobilisierung forscht, in einem Interview mit dem "Mediendienst Integration".

Dazu komme, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland gesundheitlich weniger gut versorgt seien. Der Berliner Senat hat erst kürzlich eine Studie veröffentlicht, die den Zusammenhang von prekären Wohnverhältnissen und dem Risiko für eine Infektion belegt: "Je höher der Anteil der Arbeitslosen beziehungsweise Transferbeziehenden in den Bezirken ist, desto höher ist die Covid-19-Inzidenz", heißt es.

Mit Corona hat sich die Nachfrage bei den Tafeln verändert: Menschen bitten um Hilfe, etwa weil sie wegen der Pandemie den Job verloren haben. Auch die Arbeit ist schwieriger.

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OECD: Minderheiten stärker von Corona-Krise betroffen

In anderen Ländern ist die Situation ähnlich. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD aus dem vergangenen Herbst. Beispiel Großbritannien: Eine Studie im Auftrag der britischen Regierung aus dem vergangenen Jahr ergab, dass das Sterberisiko von Minderheiten bis zu 50 Prozent höher liegt, als das von weißen Briten. Die Gründe auch hier: Jobs mit höherem Infektionsrisiko, ärmere Wohnverhältnisse mit vielen Meschen auf engem Raum.

Auch eine Sprachbarriere nennt Thomas Voshaar im Gespräch mit ZDFheute als mögliche Ursache für seine Beobachtungen in der Moerser Lungenklinik: Man habe sich auf die Annahme konzentriert, "dass vielleicht die Gefahr einer Infektion und die empfohlenen Maßnahmen nicht verstanden werden. Daher haben wir auch mit der Erstellung von Aufklärungs- und Appell-Videos reagiert", erklärt er.

Die Beschäftigten in der Bethanien-Klinik, die selbst mehrsprachig sind, haben Videos in insgesamt 19 verschiedenen Sprachen aufgenommen, in denen sie vor den Gefahren von Corona warnen und bei Youtube hochgeladen. Voshaar sagt ZDFheute: "Schließlich hat jeder Mensch das gleiche Recht von uns geschützt zu werden."

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