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Interview

Streitgespräch - Brauchen wir niedrige Corona-Inzidenzen noch?

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Mit Blick auf die vierte Corona-Welle wird auch über den Umgang mit der 7-Tage-Inzidenz gestritten. Wir haben zwei Experten mit unterschiedlicher Meinung zur Diskussion eingeladen.

Zahlreiche Menschen bevölkern eine Fußgängerzone
Die Diskussion um Corona-Maßnahmen im Herbst ist im vollen Gange.
Quelle: dpa

Die Corona-Inzidenzen steigen - die Intensivbetten-Belegung und Todesfälle steigen aber nicht parallel mit. Politik und Wissenschaft sind sich einig: Das ist den Impfungen zu verdanken und eine gute Entwicklung. Nicht so einig sind sie sich im Umgang damit: Ist die 7-Tage-Inzidenz jetzt noch ein guter Parameter, um auf die Pandemie zu reagieren? Welche Corona-Maßnahmen braucht es mit Blick auf die vierte Corona-Welle im Herbst und Winter?

Darüber diskutieren der Virologe Martin Stürmer und Infektiologe Peter Kremsner im Gespräch mit ZDFheute.

ZDFheute: Für den Herbst prognostiziert Gesundheitsminister Jens Spahn Inzidenzen von 800. Warum beunruhigt Sie das nicht, Herr Kremsner?

Peter Kremsner: Mich beunruhigen sogar Inzidenzen von 1.000 nicht, wenn 80 bis 90 Prozent der über 60-Jährigen und Vorerkrankten durchgeimpft sind. Denn dann sind die Inzidenzen nur noch Ausdruck von Infektionen oder leichten Erkrankungen.

ZDFheute: In Deutschland sind Hunderttausende Risikopatienten noch nicht geimpft. Sollte man nicht allein zu deren Schutz die Inzidenz weiterhin niedrig halten?

Kremsner: Für Risikopatienten ist der beste Schutz vor Corona eine Impfung und im Moment gibt es keine Ausrede, noch nicht geimpft zu sein. Wir haben massenweise Impfstoff und kurzfristige Termine zur Verfügung.

Martin Stürmer: Ich sage es mal ganz plakativ:

Wer sich nicht impfen lässt, ist selbst schuld.

Mir bereitet die Kombination aus hohen Inzidenzwerten und Ungeimpften Bauchschmerzen. So können Varianten entstehen, die teilweise oder sogar komplett impfresistent sind. Allein deshalb sollten die Infektionszahlen so niedrig wie möglich sein.    

Virologe Martin Stürmer über die Vorteile der Inzidenz.

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Kremsner: Das ist ein guter Punkt. Es kann sein, dass solche Varianten entstehen, die sich gegen die Impfungen durchsetzen. Wir müssen aber dabei global schauen und nicht in 'nationalistischer Nabelgrenzschau' verharren. Es ist eine Pandemie und keine Deutschlandemie.

ZDFheute: Das widerspricht aber Ihrer Auffassung, dass wir uns eine 1.000er-Inzidenz leisten können.

Kremsner: Es wäre insofern eine präventive Maßnahme, als dass eine natürliche Immunisierung bei den Jungen stattfinden würde, wie es ja jetzt in Teilen Afrikas passiert, wo nur etwa ein Prozent der Bevölkerung geimpft ist aber schon mancherorts bis zu 50 Prozent die Infektion durchgemacht haben ohne Sterblichkeit aufgrund der jungen Bevölkerung.

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ZDFheute: Was sagen Sie den Kindern und Jugendlichen, die vor dieser natürlichen Immunisierung Angst haben, bisher aber keine oder erst seit Kurzem Impfangebote bekommen haben?

Kremsner: Junge Menschen haben vor Covid-19 nichts zu befürchten. Natürlich können auch 20-Jährige erkranken und in ganz, ganz seltenen Fällen sterben. Aber das ist die Ausnahme.

Corona ist eine Erkrankung der alten Menschen.

Was mit Post-Covid sein wird, da wage ich noch keine Schätzungen, weil die Daten bisher fehlen.

Infektiologe Peter Kremsner über die Gesundheitsrisiken von jungen Menschen bei hohen Corona-Inzidenzen.

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Stürmer: Genau das ist mein Problem in dieser Sache: Wir haben noch nicht genügend Informationen darüber, was nach einer Infektion passiert. Ich habe großen Respekt vor möglichen Folgeschäden, die wir bei hohem Infektionsgeschehen in Kauf nehmen und möchte hinterher nicht dem Vorwurf ausgesetzt sein, warum wir das zugelassen haben.

ZDFheute: Welche Corona-Strategie sollte die Politik für den Herbst verfolgen?

Stürmer: Was wir aus den letzten 1,5 Jahren Pandemie gelernt haben ist, dass man nicht gleich mit der Keule draufhauen muss, sondern die Ressourcen besser gezielt einsetzt. Dass man zum Beispiel eine Stadt nicht großflächig dichtmacht, sondern genau in die Viertel geht, wo die Infektionen stattfinden und dort entsprechende Maßnahmen sehr gezielt erlässt.

Dafür ist die Erfassung der Inzidenz als früher Parameter wichtig, weil sie zeigt, wo und in welcher Altersgruppe Infektionen stattfinden.

Virologe Martin Stürmer fordert bessere Hygienekonzepte an Schulen, um Kinder zu schützen, die zu jung für eine Impfung sind.

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Kremsner: Ich denke auch, dass so ein gezieltes Corona-Management von der Bevölkerung deutlich besser akzeptiert werden würde. Aber bei den Inzidenzen bin ich anderer Meinung: Sie sind ein äußerst schlechter Parameter. Sie werden rein zufällig erhoben und hängen stark von der Anzahl der durchgeführten Tests ab.

ZDFheute: Sie würden die 7-Tage-Inzidenz also abschaffen?

Kremsner: So, wie wir sie erheben, brauchen wir sie nicht. Es wäre viel aussagekräftiger, eine repräsentative Gruppe immer wieder zu testen. Man sollte die Hospitalisierungsrate und die PCR-Test-Positivrate zur Bewertung der Covid-19 Lage nehmen.

Infektiologe Peter Kremsner kritisiert die Inzidenz als "schlechten Parameter"

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Stürmer: Ich denke auch, dass die Inzidenz allein nicht taugt, um die Pandemie insgesamt bewerten zu können. Aber ich sehe sie als einen Parameter, der das Infektionsgeschehen gut beschreibt - schon allein, weil wir gelernt haben, sie zu interpretieren.

ZDFheute: Wann können wir wieder zur Normalität zurückkehren und alle Corona-Beschränkungen aufheben?

Stürmer: Spätestens, wenn ich jedem Bürger - sei es Baby oder Hochbetagter - einen Impfstoff anbieten kann, sollten alle Beschränkungen aufgehoben werden. Denn dann liegt es in der Eigenverantwortung eines Einzelnen, sich zu schützen.

Kremsner: Ich würde mir wünschen, dass wir schon jetzt ein bisschen lockerer bleiben. Natürlich befinden wir uns in einer schlimmen Situation. Aber ich halte einige der Maßnahmen für überzogen.

Wenn die Corona-Situation so bleibt, sich also keine ansteckenderen und tödlicheren Varianten bilden, dann sollten wir jetzt in der EU wieder ganz normal ins Theater oder Fußballstadion gehen können - und zwar ohne Mundschutz und Beschränkungen von Einlasszahlen.

Das Gespräch führte Johanna Sagmeister.

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von M. Hörz, R. Meyer, M. Zajonz
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