Corona-Lage in Europa: Wie die Inzidenzen trügen

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    Corona-Lage in Reiseländern:86 oder 3.100? Wie Europas Inzidenzen trügen

    von Gary Denk
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    In vielen Ländern Europas sind die Inzidenzen abgestürzt - in Portugal seit Monatsbeginn von 170 auf 0. Woran liegt das? Und welche Hinweise gibt es noch zur realen Corona-Lage?

    Touristen mit und ohne Maske in Cozumel, Mexiko
    Weg mit Corona-Regeln, weg mit Tests: Die Inzidenzen sinken - aber nur auf dem Papier.
    Quelle: imago

    Viele, die zurzeit eine Reise planen, und die Corona-Zahlen in ihrem Urlaubsland googeln, dürften sich verwundert die Augen reiben: Während Deutschland eine Inzidenz von 625 ausweist, meldet halb Europa Zahlen unter 100. So kommt Spanien rechnerisch auf 51, Portugal auf 0. Was ist da los?

    Problem 1: Weniger Tests lassen Zahlen sinken - auf dem Papier

    In den meisten Ländern wird mittlerweile weniger getestet als noch zu Jahresbeginn. Beispiel Dänemark: Die Regierung hat zum 1. Februar 2022 alle Covid-Maßnahmen aufgehoben. Kurz danach begann scheinbar auch die Inzidenz zu sinken:
    Inzidenz in Dänemark (1.1.22-20.10.22, Wegfall der Corona-Regeln)
    ZDFheute Infografik
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    "Die dänischen Behörden empfehlen schon lange nicht mehr, nach einem positiven Schnelltest einen PCR-Test zu machen", erklärt Heike Kruse aus dem ZDF-Skandinavien-Studio in Kiel. "Nur, wer schwere Krankheitssymptome hat, älter ist oder zu einer Risikogruppe gehört, soll einen PCR-Test machen."
    Exakte Corona-Zahlen existierten nicht, da seit der Abschaffung der Corona-Maßnahmen viel weniger getestet werde, sagt Kruse. "Regelmäßig werden aber Abwasserproben untersucht, und zurzeit können die dänischen Behörden dadurch einen Anstieg der Infektionszahlen feststellen."
    Wie schnell sich politische Entscheidungen in den Zahlen niederschlagen können, zeigt aktuell auch das Beispiel Portugal: "Die Isolationspflicht ist seit Ende September abgeschafft, es gibt auch keine kostenlosen Tests mehr in den Apotheken, keine automatische Krankschreibung", sagt Tilo Wagner, ZDF-Mitarbeiter in Portugal.

    Das hat sich sofort auf die Testbereitschaft ausgewirkt.

    Tilo Wagner, ZDF-Mitarbeiter in Portugal

    Die Zahlen seien nicht mehr belastbar, sagt Wagner. Anfang des Monats lag die Inzidenz noch bei 170 - heute ist sie auf dem Papier auf 0 gesunken.
    Inzidenz in Portugal (1.8.22 bis 21.10.22)
    ZDFheute Infografik
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    Am Beispiel Großbritannien zeigt sich, wie groß die Differenz zwischen der rechnerischen Inzidenz auf Test-Basis - sie liegt derzeit bei 86 - und den echten Werten ist: Das Office for National Statistics lasse jeden Monat 300.000 PCR- und Schnelltests und 120.000 Bluttests im ganzen Land durchführen, erklärt ZDF-London-Korrespondent Andreas Stamm. Repräsentativ, also über alle Landesteile und Bevölkerungsgruppen hinweg und unabhängig davon, ob Symptome vorliegen oder nicht. Der aktuelle Report vom 21. Oktober schätzt den Anteil der Corona-Positiven in der Bevölkerung auf über 3,1 Prozent - das wären mehr als 3.100 Fälle pro 100.000 Einwohner.

    Problem 2: Die Berechnungsgrundlage

    Weil so wenig getestet wird, arbeiten viele Länder nicht mehr mit der Inzidenz der Gesamtbevölkerung. So gibt die Regierung in Spanien nur noch Schätzungen über die Inzidenz bei Menschen über 60 Jahren heraus. Sie liegt aktuell bei 112, während man beim Googeln eine Inzidenz von 51 findet. Der Grund: Viele Corona-Daten-Angebote rechnen weiter die Zahl der positiven Tests auf die Gesamtbevölkerung um. ZDFheute hat sich aufgrund der Probleme nun entschieden, in seinen Corona-Datenangeboten keine Übersicht über die weltweiten Inzidenzen mehr darzustellen.
    Auch Schweden und Norwegen arbeiten nicht mit einer Inzidenz der Gesamtbevölkerung: Hier wird die Corona-Lage anhand der Krankenhausfälle gemessen. Relevant ist dabei, wie viele neue Fälle auf die Intensivstationen eingeliefert werden.  

    Vergleichsweise hohe Inzidenzen in Deutschland und Österreich 

    "Die Inzidenz eines Landes hängt entscheidend von der Teststrategie ab", sagt Professor Erich Neuwirth, außerordentlicher Professor für Statistik an der Universität Wien. Wegen der unterschiedlichen Vorgehensweise der Länder seien die Zahlen kaum noch vergleichbar.
    So hat Österreich auf Basis der JHU-Daten rechnerisch zurzeit die höchste 7-Tage-Inzidenz in Europa: 770. Das liegt auch daran, dass hier noch vergleichsweise viel getestet und gemeldet wird - jeder hat Anspruch auf fünf kostenlose PCR-Tests im Monat.
    Auch in Deutschland wird mehr getestet als in anderen Ländern, die Inzidenz liegt zurzeit bei 625. Doch die Dunkelziffer dürfte auch bei uns hoch sein: Experten schätzen, dass etwa dreimal so viele Menschen infiziert sind. Denn wer keinen PCR-Test macht, taucht in den offiziellen Statistiken nicht auf. Und vielen reicht mittlerweile ein Selbst- oder Schnelltest.

    Statistiker: Vor einer Reise auf Inzidenz-Trend schauen  

    Wer diesen Herbst verreisen will, sollte trotz all der Probleme auf die Inzidenz im Zielland schauen, rät Neuwirth. 

    Die Inzidenzen sind dazu da, um die Entwicklungen innerhalb der einzelnen Länder zu beurteilen. Ob die Infektionszahlen innerhalb eines Landes steigen oder sinken, darüber geben die Inzidenzzahlen ganz gut Auskunft.

    Erich Neuwirth, Statistiker an der Universität Wien

    Wenn es nicht kürzlich - wie in Portugal - eine Änderung der Teststrategie gab, lässt sich an den Zahlen also in manchen Ländern ablesen, ob sich die Lage verschärft oder entspannt. Aber ob das Corona-Risiko im Urlaubsland höher ist als zu Hause - das verraten die Inzidenzen mittlerweile nicht mehr.
    Redaktion und Grafiken: Kathrin Wolff und Robert Meyer

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