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Interview

Corona in sozialen Brennpunkten - "Nicht alles politisch lösbar"

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Nicht Migranten, sondern "Menschen in sozial benachteiligten Strukturen" seien von Corona besonders stark betroffen, sagt die Integrationsbeauftragte von NRW, Güler, im ZDF.

Besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund brauche es eine bessere Aufklärung beim Impfen und vor allem Vorbilder, sagt Serap Güler (CDU), Staatssekretärin für Integration in NRW.

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Vor allem in sozial schwächeren Stadtteilen, wo oft auch viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, steigen die Corona-Zahlen. Ein Grund, warum Öffentlichkeit und Politik nun stärker diskutieren, ob diese Gruppe in besonderem Maße von der Pandemie betroffen ist. Serap Güler, Integrations-Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen, sagt im ZDF heute journal, es gehe nicht um Migrantinnen und Migranten, sondern um sozial benachteiligte Bürgerinnen und Bürger. Oft lebten die Menschen in prekären Verhältnissen - das sei durch politische Maßnahmen nicht so schnell zu lösen, so Güler im Interview.

ZDF: Warum wird in der Öffentlichkeit nur wenig darüber geredet, dass Menschen mit Migrationshintergrund stark von Corona betroffen sind?

Serap Güler: Es ist ja in den letzten Tagen sehr viel Thema gewesen. Es war in den vorherigen Wochen ehrlich gesagt auch immer mal wieder Thema. Aber jetzt diskutiert man auch verstärkt darüber, weil wir mehr testen und die Inzidenzen eben auch in die Höhe geschossen sind. Gerade in den Stadtteilen, die man auch als soziale Brennpunkte bezeichnet und wo es eben auch viele Menschen mit Migrationsgeschichte gibt.

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von Nils Metzger

ZDF: Hätte man nicht mehr von der Politik erwarten müssen? Wir regeln ja gefühlt jedes kleinste Detail im Kampf gegen Corona. Und bei so einer wichtigen Sache, die so auffällig ist und auch so viele unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger betrifft in ihrer Gesundheit, ist doch in den letzten Monaten sehr wenig darüber geredet worden.

Güler: Das ist nicht ganz richtig. Die Experten haben schon viel darüber geredet, aber jetzt ist auch ein mediales, öffentliches Interesse da. Und die Politik hat schon reagiert, wir haben zig Informationen in verschiedenen Sprachen. Der Bund hat das gemacht, die Länder haben das gemacht ,und auch die Kommunen machen das nach wie vor. Insofern kann man nicht sagen, dass man das nicht im Blick hatte.

Wir haben letztes Jahr in Nordrhein-Westfalen mit einer landesweiten Kampagne auf Grundregeln aufmerksam gemacht, auch in verschiedenen Sprachen. Das Problem ist jetzt tatsächlich beziehungsweise die Erkenntnis ist jetzt da, weil mehr getestet wird und die Inzidenzzahlen sehr, sehr hoch in bestimmten Stadtteilen sind, was natürlich enorm ins Auge stößt.  

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ZDF: Erleben Sie in der Politik auch Menschen, die sagen: "Ich möchte das Thema lieber nicht anpacken", auch aus Angst, damit möglicherweise Extremisten in die Hände spielen zu können?

Güler: Das ist richtig, auch dieses gibt es, dass man sagt, damit schürt man Ressentiments und "lass uns das lieber nicht thematisieren". Auch das ist sicherlich ein Problem gewesen der letzten Wochen.

Aber auch das gehört zur Wahrheit dazu, dass eben nicht alles politisch lösbar ist.
Serap Güler, Integrationsbeauftrage NRW

Es sind ja oft prekäre Verhältnisse, in denen die Menschen leben, mit mehreren Menschen auf beengtem Wohnraum, und das ist eben nicht durch politische Maßnahmen ganz schnell zu regeln. Und jetzt schaut man eben genauer hin und stellt fest: Okay, das sind vor allem soziale Brennpunkte oder sozial benachteiligte Stadtteile. Es sind sozio-ökonomische Gründe, es sind viele Menschen, die in Dienstleistungsberufen arbeiten, wo Homeoffice nicht einfach möglich ist. Und insofern ist es wichtig, dass wir jetzt darüber reden und auch um Lösungen ringen, wie wir diesen Menschen oder diesen Stadtteilen schnell helfen können.

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ZDF: Gibt es darüber hinaus aus Ihrer Sicht bei Migrantinnen und Migranten auch das Problem, dass sie sich einfach nicht genug Teil dieses Staates fühlen und demnach auch nicht genug verpflichtet, diese Corona-Regeln umzusetzen?

Güler: Wissen Sie, das ist ja keine deutsche Pandemie, die findet ja nicht nur bei uns statt. Und auch die Regeln sind keine deutschen Regeln, die werden weltweit gleichermaßen versucht, an den Bürger zu bringen – was die Hygieneregeln betrifft, was die Abstandsregeln betrifft. Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Und wenn man sich jetzt auf Menschen mit Migrationsgeschichte konzentriert, muss man dann auch sagen:

Es sind nicht die Migranten, die dieses Problem haben. Es sind besonders Menschen in sozial benachteiligten Strukturen oder aus sozial benachteiligten Schichten, die besonders hart von dieser Pandemie getroffen sind.
Serap Güler, Integrationsbeauftrage NRW

Das RKI hat ja schon in seinen Studien darauf aufmerksam gemacht, dass diese Pandemie vor allem Ärmere trifft. Und insofern halte ich es hier für eine Schieflage, sich auf die Migranten ausschließlich zu konzentrieren. Es sind vor allem arme Menschen, es sind Menschen in sozial prekären Situationen, die von der Pandemie härter betroffen sind. Und das ist auch kein deutsches Phänomen.

Dieselbe Entwicklung hatten wir in den USA, wo es überwiegend Schwarze waren, die von der Pandemie betroffen waren, oder auch in Großbritannien. Und deshalb glaube ich nicht, dass es hier um ein Sprachproblem oder dass es hier um Teilhabe geht. Menschen mit Migrationsgeschichte halten sich genauso oder aber auch genauso wenig an die Regeln, wie viele andere eben auch.

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ZDF: Wie sehen Sie die Situation beim Impfen? Auch da gibt es keine wirklichen statistischen Belege, aber immer wieder Berichte aus Zentren, wo Ärztinnen und Ärzte sagen: Wir treffen eigentlich von unseren Bürgern mit Migrationsgeschichte sehr wenige hier. Die scheinen doch noch mal mehr Vorbehalte zu haben als möglicherweise andere Menschen in Deutschland. Sind das alles Einzelfälle oder würden Sie sagen, da ist in der Tat etwas dran?

Güler: Nein, ich glaube, es liegt vor allem an der Information. Die Briefe, die von den Impfzentren oder von den Landräten, den Oberbürgermeistern an die Mitbürgerinnen und Mitbürger geschickt wurden, waren ja für deutsche Ältere schon schwer zu verstehen. (...) Ich hoffe darauf, dass das jetzt über die Hausärzte viel besser funktioniert, weil viele Hausärzte eben einen ganz anderen direkten Zugang zu ihren Patienten haben, als das über die Impfzentren bisher möglich war.

ZDF: Jetzt scheinen auch viele Ängste im Umlauf zu sein, falsche Gerüchte, der Impfstoff sei unrein, im Ramadan dürfe man nicht geimpft werden. Wie kommt man denn gegen so was an?

Güler: Gut, wir brauchen hier einerseits Vorbilder. Vorbilder, die sich impfen lassen, sich bereit erklären, sich impfen zu lassen. Aber eben auch eine bessere Aufklärung, gerade was die Gerüchte rund um das Thema angeht - was bei jüngeren Frauen oft existiert, dass Impfen zu Unfruchtbarkeit führt. Da brauchen wir vor allem Aufklärung von Medizinerinnen und Mediziner. Deshalb sage ich ja, dass hier Hausärzte noch mal eine ganz besondere Rolle spielen, was den Zugang zum Patienten betrifft.

Wir haben unter anderem auch bei Flüchtlingen, es ist jetzt keine große Gruppe, über die wir sprechen, aber bei Flüchtlingen das Gerücht, dass derjenige, der als erstes geimpft wird, als erstes abgeschoben werden soll, und deshalb da Vorbehalte existieren. Insofern müssen wir tatsächlich an verschiedenen Fronten kämpfen.

Aber wenn man sich die Impfzahlen in den arabischen Ländern oder auch in der Türkei anschaut, dann ist es nicht so, dass man sagen kann, pauschal daraus schließen kann: Muslime - weil Sie den Ramadan angesprochen haben - möchten per se nicht geimpft werden.

Das Interview führte ZDF-heute-journal-Moderator Christian Sievers.

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