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Notfallmediziner und Politiker - "Sind zum Verschlepper der Pandemie geworden"

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Janosch Dahmen ist als Notfallmediziner unlängst in den Bundestag nachgerückt. Im Interview spricht er über Versäumnisse der Politik und was sich im Gesundheitswesen ändern sollte.

Janosch Dahmen
Janosch Dahmen war von 2018 an Medizinaldirektor und Oberarzt in der Ärztlichen Leitung des Rettungsdienst Berlin für die Berliner Feuerwehr. Seit diesem November ist er als Nachrücker Mitglied der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen.
Quelle: Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen, Fotograf: Stefan Kaminski

ZDF: Wenn Sie auf das Jahr 2020 zurückblicken: Wann war für Sie, in Ihrer vorherigen Position als Notfallmediziner, klar: "das wird ein anderes Jahr"?

Janosch Dahmen: Ich habe das erste Mal am 5. Januar dieses Jahres davon gehört, dass es den "Emergency Call" der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab. Zu einem Zeitpunkt, wo die allermeisten Menschen im Land noch gar nicht davon gehört hatten, dass es da ein Problem gibt.

Ich war am Anfang - weil es nicht die erste Pandemie ist, die wir im Gesundheitswesen erlebt haben - noch der Auffassung: Wir können Pandemie.

Aber spätestens ab Ende Februar, Anfang März war klar: Diesmal ist es anders, ist es größer. Und auch die Besonderheiten des Coronavirus und die Erkrankungen, die es hervorruft, sind so speziell, dass es uns die Arbeit sehr schwer machen wird.

Die Zahl der Corona-Toten steigt. Die Intensivstationen sind teilweise am Limit. Entlastung ist, erst recht mit Blick auf die Feiertage, nicht in Sicht. Die Hoffnungen liegen auf den Corona-Impfungen, die bald zugelassen werden sollen.

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Im April, in der ersten Welle, habe ich angefangen, mir extrem große Sorgen zu machen. Nicht nur aus persönlichem Respekt, sondern auch einfach aufgrund der Arbeitslast, die rund um uns herum in Europa immer größer wurde - aber ganz konkret im Gesundheitswesen im Frühjahr erheblich spürbar war.

Mit den ersten kranken Kolleg*innen, mit den ersten jungen Menschen, ist mir sehr schnell klar geworden, dass das wirklich eine teuflische Erkrankung ist.

ZDF: Deutschland hat die erste Welle relativ gut überstanden. Jetzt sind wir mitten in der zweiten Welle. Hat sich das jetzt geändert?

Dahmen: Wir sind vom Vorreiter zum Verschlepper der Pandemie geworden. Mich und viele Kolleg*innen hat es sehr umgetrieben, dass wir die Sommermonate nicht als Chance genutzt haben, uns vorzubereiten. Es war ja nicht so, dass das nicht absehbar war, dass es eine zweite Welle geben wird. Und dass die mit großer Wahrscheinlichkeit im Herbst kommt. Das war alles vorhergesagt.

Was viele nicht so im Blick haben: Es gab in den Sommermonaten im Gesundheitswesen nie so was wie eine Verschnaufpause.

Faktisch war es so, dass viele Operationen und Eingriffe, die im Sommer nicht gemacht werden konnten, nachgearbeitet werden mussten. Sodass die Menschen voll durchgearbeitet haben, teilweise 150 bis 200 Prozent von dem gemacht haben, was im Vorjahr im gleichen Zeitraum gemacht wurde.

Die sind dann eigentlich auch entsprechend erschöpft in die zweite Welle gegangen. Das hat mich sehr besorgt. Im September gab es die ersten Warnungen von der Kanzlerin, dass wir jetzt aufpassen müssen. Da wussten wir im Gesundheitswesen schon: Das wird sehr schlimm und hart werden.

Die zweite Corona-Welle über das Land. Die Intensivstationen füllen sich. Die Versorgung der Patienten muss ausreichend qualifiziertes Personal übernehmen. Das ist kaum zu leisten.

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ZDF: Sie haben dann vor wenigen Wochen den Anruf bekommen, dass Sie ins Parlament nachrücken können. Wie war das für Sie, vom Medizinier auf die andere Seite, in den Bundestag?

Dahmen: Ich persönlich hatte eine ganze Menge an Dingen nach acht Monaten Pandemie-Management auf dem Zettel, über die ich gesagt habe: Die müssen konkret und schnell geändert werden, damit es besser läuft. Entsprechende Ungeduld und einen dringenden Änderungswunsch hatte ich im Gepäck.

Als ich dann meinen ersten Tag im Parlament hatte, war es der Tag mit der Abstimmung über das dritte Bevölkerungsschutzgesetz. Draußen tobte eine Demo von Menschen, die nicht wahrhaben wollten, dass es dieses Virus und diese Erkrankung gibt.

Als ich dann hoch zum Plenarsaal kam, spielte sich da diese inzwischen berühmt gewordene Szene mit Peter Altmaier (CDU) ab, in der er bedrängt wurde. Da konnte ich nicht fassen, wo ich hier hineingeraten bin und was hier los ist.

Für jemanden, der Menschen in Luftnot hat sterben sehen und mitbekommen hat, wie schlimm das nicht nur für den Patienten, sondern auch für die Angehörigen ist, war es sehr schwer auszuhalten, wenn die Existenz des Virus infrage gestellt wird und letztlich politisch versucht wird, daraus Kapital zu schlagen.

Covid-19-Patienten sterben oft einsam, gerade auf Intensivstationen oder in Pflegeheimen. Viele Hinterbliebene wollen von ihren Liebsten Abschied nehmen - doch das geht oft nicht.

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ZDF: Was ist für Sie der politische Moment, der für Sie das Jahr 2020 ausmacht?

Dahmen: Für mich ganz persönlich hat das Jahr eins gezeigt: Dass Aufeinander-Achtgeben, dass sich Menschen um andere kümmern, eins der zentralsten Elemente von Zusammenhalt, von Funktionsfähigkeit der Gesellschaft und des Gesundheitswesens ist. Für mich ist völlig klar, nach der Pandemie darf es nicht weitergehen wie vor der Pandemie.

Da reicht Klatschen nicht aus. Was ich mitnehme und was die Menschen im Gesundheitswesen umtreibt: Wir müssen gehört werden.

Und wir müssen nach der Pandemie unser Gesundheitswesen stärker nach Kümmern, nach menschlicher Versorgung ausrichten. Das muss ein echter Auftrag werden.

Das Interview führte Florian Neuhann, Korrespondent im ZDF-Hauptstadt-Studio in Berlin. Dem Autoren auf Twitter folgen: fneuhann

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