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Kinderarmut und Shutdown - "Kinder entwickeln sich zum Teil zurück"

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Der Shutdown überfordert viele Familien, sagt der Leiter des Kinderhauses Malstatt (Saarbrücken). Ganz hart treffe es ohnehin benachteiligte Familien. Schnelle Hilfen seien nötig.

Ein Kind sitzt frustriert vor seinen Hausaufgaben. Symbolbild
Die Schule und damit der Kontakt zu anderen fehlt den Kindern besonders.
Quelle: Eduardo Parra/Europa Press/dpa/Archivbild

ZDFheute: Wie erleben Sie die Situation aktuell für die Kinder und Familien, die Sie im Kinderhaus Malstatt betreuen?

Carsten Freels: Die aktuelle Situation im Shutdown ist für die meisten Familien hier belastend. Es ist eine komplett neue Situation, mit der viele dieser Eltern, aber auch viele der Kinder überfordert sind.

ZDFheute: Worunter leiden die Kinder besonders?

Freels: Was sie immer sagen ist: Ihnen fehlt die Schule. Schule ist viel mehr als nur ein Ort der Wissensvermittlung. Es ist ein Ort, wo Freundschaften gepflegt werden und wo Konflikte ausgetragen werden. Und all das fehlt im unmittelbaren Umgang miteinander.

ZDFheute: Haben Sie das Gefühl, die politisch Handelnden haben die Probleme sozial schwacher Familien im Blick?

Freels: Das glaube ich nicht. Zumindest hat das während des ersten Shutdowns auf mangelhafte Art und Weise stattgefunden. Was tatsächlich gefehlt hat und auch jetzt fehlt: Es ist zu sehen, dass viele Familien sehr wenig Geld monatlich zur Verfügung haben, um eben auch diese veränderte Bildungssituation bewältigen zu können. Das kostet alles mehr Geld. Und das hatten die politisch Verantwortlichen nicht im Blick.

ZDFheute: Bundesarbeitsminister Heil sagt: "Der Sozialstaat ist da, wenn man ihn braucht." Erleben Sie das auch so?

Freels: Wir erleben, dass jetzt eine Hilfe anläuft, die tatsächlich auch ankommt. Aber nicht in der Geschwindigkeit, die notwendig wäre. Was wir jetzt schon wissen, ist, dass Kinder bis zu einem halben Jahr einfach keine adäquate Bildungshilfe hatten und die Lerninhalte, die da verpasst wurden, auch bislang noch nicht aufgeholt wurden. Das kann Schule nicht leisten. Und das ist hochproblematisch, weil eben auch neuer Lernstoff dazukommt - und weil die Kinder sich zum Teil tatsächlich auch zurückentwickelt haben.

Im Kinderhaus in Malstatt wird deutlich, wie schwer das Leben in der Krise für Familien mit wenig Einkommen ist.

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ZDFheute: Wie denken Sie über die aktuelle Debatte um Coronazuschläge?

Freels: Das haben wir vor Corona schon erlebt, dass im Grunde genommen die Lebenshaltungskosten gestiegen sind. Aber die Sätze für Hartz IV eben nicht. Und es ist häufig so, dass Eltern zu uns kommen, die am Ende des Monats wirklich drastische Probleme haben, ihre Kinder über das Monatsende zu kriegen. Und wenn jetzt zusätzliche finanzielle Aufwendungen notwendig sind, stellt das die Familien vor schier unlösbare Probleme. Insofern ist so ein Zuschlag dringend notwendig.

ZDFheute: Welche Mehrkosten haben die Menschen, die sie betreuen, durch den Shutdown?

Freels: Ich denke, dass durch den Shutdown die Mehrbelastung für diese Familien bei mindestens 200 bis 300 Euro monatlich liegt. Das ist für diese Menschen sehr viel und in vielen Fällen nicht stemmbar.

ZDFheute: Was heißt es für die Familien, mehr zu Hause zu sein, teils auf sehr beengtem Raum?

Freels: Durch die Enge steigt das Stresslevel für die Eltern, das überträgt sich auf die Kinder. Die Eltern sind oft überfordert mit Homeschooling. Die Schulen geben sich im zweiten Shutdown viel Mühe, dass eben eine adäquate Beschulung irgendwie stattfinden kann. Aber viele Eltern wissen nicht, wie sie das bewältigen sollen.

Wegen der Corona-Pandemie sollen Schulen und Kitas weitestgehend geschlossen bleiben. Viele Eltern stellt das vor große Probleme.

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ZDFheute: Woran machen sie die Not der Familien fest?

Freels: Die Not besteht darin, dass sich die Familien oft allein gelassen fühlen mit dieser Situation. Es wird für diese Familien deutlicher spürbar, dass sie quasi abgehängt sind. Sie merken, dass sie nicht auf dem Schirm von politischen Maßnahmen sind, die dringend notwendig wären, um eben keine Benachteiligung insbesondere für die Kinder entstehen zu lassen. Es wurde einfach angenommen, dass in allen Familien digitale Infrastruktur besteht, was eben nicht der Fall ist. Und dadurch entsteht strukturelle Benachteiligung, die am Ende für die Familien katastrophal ist.

ZDFheute: Sind die Kinder psychisch anders belastet als vorher?

Freels: Die psychische Belastung ist größer. Diese Kinder haben in den Familien weniger strukturelle Vorgaben, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Sie brauchen Gewohnheiten, die sie leben können. Und die ganz wichtige Struktur, die der Schulalltag gibt, ist weggefallen. Das schafft in den allermeisten Familien eine Stresssituation, die zu einer erhöhten psychischen Belastung führt.

Das Interview führte Verena Garrett. Sie arbeitet als Reporterin im ZDF-Landesstudio Saarbrücken.

Kind sitzt allein im Hof einer Plattensiedlung, eine Puppe ist heruntergefallen.

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von Meike Hickmann

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