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Interview

Corona-Welle im Anmarsch? : Lehr: Aus für kostenlose Tests "fahrlässig"

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Bisher waren Corona-Bürgertests kostenlos. Ab Juli müssen fast alle eine Eigenbeteiligung von drei Euro zahlen. "Fahrlässig", so die Einschätzung von Covid-Experte Thorsten Lehr.

Covid-19-Testangebot in Bonn.
Covid-19-Testangebot. Archivbild.
Quelle: Oliver Berg/dpa/Archivbild

ZDFheute: Wir sprechen von einer Corona-Sommerwelle. Wie sinnvoll ist es mit diesem Hintergrund, die kostenlosen Tests abzuschaffen?

Thorsten Lehr: Man muss bedenken, dass diese kostenlosen Bürgertests bisher dafür gesorgt haben, auch symptomlose Infizierte aufzudecken und so Infektionsketten zu unterbrechen. Und jetzt, in dieser steigenden Sommerwelle, haben wir verschiedene Dinge, die zusammenkommen:

Maßnahmen werden aufgehoben, keine Maskenpflicht, 9-Euro-Ticket, überall treffen sich Leute. Wir haben wieder deutlich mehr Kontakte. Und dann treibt eine erheblich infektiösere Variante die Zahlen gerade nach oben. In dieser Phase die kostenlosen Tests aufzuheben ist fahrlässig. Man hätte damit noch warten sollen.

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ZDFheute: Betrachten Sie 3 Euro für einen Bürgertest als Hürde, so dass sich Viele nicht mehr testen lassen werden?

Thorsten Lehr: Bisher hat die "Sicherheit des Tests" nur Zeit gekostet, jetzt kostet sie Zeit und Geld. Drei Euro sind - in wiederholter Form - eine Menge Geld, vor allem für die sozial Schwächeren. Und dazu noch in Zeiten, wo alles teurer wird und das Geld eh bei Vielen knapp ist.

Ich befürchte daher schon, dass diese Kosten viele Menschen abschrecken werden und sie den Test dann nicht durchführen - vor allem, weil es keine Verpflichtung mehr gibt. Wie viele das sind, ist schwer vorherzusagen; ich glaube aber schon, dass es einen dramatischen Einbruch an Tests geben wird.

ZDFheute: Welche Folgen entstehen bei der Entwicklung der Corona-Zahlen, wenn sich weniger Menschen testen lassen?

Thorsten Lehr: Das Offensichtliche wird sein, dass wir durch weniger Testungen auch weniger PCR-Tests haben und damit wahrscheinlich auch erstmal ein Stagnieren oder Sinken der Fallzahlen sehen werden. Wir werden weniger positive Tests wahrnehmen.

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Das heißt gleichzeitig aber: im Hintergrund kommt zu einem deutlichen Anstieg der Infektionen, die Dunkelziffer wird massiv steigen. Da brodelt es quasi unteririsch. Der Effekt wird sein: eine Beschleunigung der Durchseuchung. Die Stagnation ist nur ein Schein.

ZDFheute: Befürchten Sie mit dieser hohen Dunkelziffer einen Kontrollverlust?

Thorsten Lehr: Wir haben schon jetzt weniger Tests und trotzdem eine relativ hohe Positivrate, die Dunkelziffer dürfte dementsprechend hoch sein. Insofern glaube ich, dass wir die Kontrolle schon verloren haben. Wieviel die Bürgertests dann noch ausmachen, das müssen wir sehen.

Wir dürfen nicht vergessen: wir haben Sommer. Das ist eigentlich die Zeit, in der Infektionszahlen niedrig sind und wir uns auf den Herbst vorbereiten sollten. Stattdessen sind wir schon auf einem ziemlich hohen Niveau mit einer neuen Variante, die sehr ansteckend ist. So gehen wir in den Herbst.

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ZDFheute: Was bedeutet das Ganze im Hinblick auf den kommenden Herbst?

Thorsten Lehr: Die Saisonalität wird eine Rolle spielen: das Wetter wird schlechter, die Tage dunkler. Dazu kommt der Effekt der Reiserückkehrer, der hat im letzten Jahr die Herbstwelle neu entfacht. In diesem Jahr werden wir besonders viele Reisende haben, die auch wieder viele Infektionen mitbringen werden. Der Anstieg wird kommen mit dem Ende der Sommerferien.

Und die Frage wird im Herbst sein: welche Variante kommt noch um die Ecke? Kommt eine Neue oder bleibt es bei BA.5? Wie ansteckend wird die sein? Diese Frage können wir natürlich nicht beantworten. Aber bisher sind neue Varianten im Schnitt jedes halbe Jahr aufgetaucht. Ist also nicht auszuschließen.

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Außerdem lässt der Impfschutz nach, die Impfbereitschaft tendiert gegen Null. Ich glaube, wir haben eine Kombination aus vielen Faktoren, die einen sehr ungünstigen Herbst-Winterverlauf vorhersehen lassen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Bürgertests dann nicht wieder verpflichtend eingeführt werden.

Das Interview führte Verena Garrett, ZDF-Studio Saarbrücken.

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