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Interview

Katastrophenforscher zu Corona - "Die eigenen Warnungen auch ernst nehmen"

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Die Corona-Zahlen steigen so schnell wie seit Herbst 2020 nicht mehr. Ein Katastrophenforscher erklärt, wie man die vierte Welle in Deutschland stoppen könnte.

Viele Menschen drängen sich in der Kölner Einkaufszone Schildergasse am 29.05.2021.
Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen so schnell wie seit Herbst 2020 nicht mehr.
Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

ZDFheute: Die Corona-Zahlen in Deutschland sind noch niedrig. Aber sie steigen so schnell wie seit Herbst 2020 nicht mehr. Eine vierte Welle scheint zu beginnen. Was bedeutet das für Deutschland?

Andreas Schäfer: Das heißt, dass wir unsere Corona-Politik noch einmal umdenken sollten. Dass die Zahlen steigen, ist wenig überraschend. Wir haben schon in Großbritannien, Spanien und Frankreich gesehen, dass durch die Öffnungen und die Delta-Variante die Zahlen nach oben gehen.

Wir sollten jetzt überdenken, wie vertretbar es ist, jetzt wieder hohe Inzidenzen zuzulassen, um im schlimmsten Fall auf einen weiteren Lockdown zuzulaufen.

Hinweis in eigener Sache: ZDFheute verwendet für viele seiner Corona-Grafiken Zahlen der Firma Risklayer, die zusammen mit Mitarbeitern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mehrmals täglich Zahlen direkt aus Veröffentlichungen der Gesundheitsämter der Städte und Kreise sammelt.

ZDFheute: Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann haben sie große Ähnlichkeit mit den Anfängen der ersten, zweiten und dritten Welle. Hat Deutschland aus den Erfahrungen nichts gelernt?

Schäfer: Manchmal hat man das Gefühl, ja. Natürlich haben wir mit der Bundesnotbremse oder anderen Maßnahmen mittlerweile Instrumente, um dem Anstieg an Infektionen zu begegnen. Aber was wir definitiv nicht gelernt haben, ist frühzeitig auf Veränderungen in der Krise zu reagieren. Das sieht man jetzt sehr gut:

Die Zahlen gehen nach oben - das ist sogar schon länger klar - aber die Vorzeichen zu verstehen, das scheint in der Politik nicht angekommen zu sein.

ZDFheute: Vergangene Woche hat Gesundheitsminister Spahn vor 800er-Inzidenzen im Herbst gewarnt. Was muss außer warnen getan werden?

Schäfer: Die eigenen Warnungen auch ernst nehmen. Ganz einfach.

Ein konkretes Beispiel: Keine unnötigen Debatten über die Maskenpflicht zu führen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, welchen Wert und Nutzen die Maske in der Krise hat. Da ist diese Diskussion einfach unnötig.

Gerade jetzt sieht man, was am Horizont kommt, aber man macht einfach die Augen davor zu.

ZDFheute: Warum, glauben Sie, wird nicht konsequent gegengesteuert?

Schäfer: Ich kann es mir wirklich nicht erklären.

ZDFheute: Ein Blick ins Ausland: Australien fährt eine ganz andere Strategie. Dort wird in den Lockdown gegangen, sobald Corona-Fälle auftreten. Ist das der bessere Weg?

Schäfer: Ich persönlich halte das durchaus für sinnvoll. Klar ist Australien nicht vergleichbar, weil die Ausgangslage eine andere ist.

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Hier in Deutschland ist aber das Problem: Bei Corona schauen die meisten auf Hospitalisierung und Todesfälle, die sinken natürlich jetzt durch die Impfungen. Man könnte meinen, wir können mehr Infektionen zulassen, ohne dass unsere Krankenhäuser überlastet sind.

Aus meiner Sicht ist das aber die falsche Herangehensweise. Bei Corona geht es nicht nur um die Hospitalisierung, da kommen noch andere Effekte wie zum Beispiel Long Covid hinzu. 

Und so bekommt man eine Pandemie eben nicht eingedämmt, indem man einfach das Virus grassieren lässt.

Denn je mehr Infizierte, desto höher auch die Ausbreitungsgefahr durch weitere Mutationen, die dann wiederum den Impferfolg einschränken können.

Unser Ziel sollte sein, dass wir die Inzidenzen auch niedrig halten. Und wenn dann mal eine Stadt oder ein Landkreis kurzzeitig in den Lockdown muss, aber der Rest dafür weiter offen bleiben kann, dann ist das aus meiner Perspektive vertretbar.

ZDFheute: Sollte sich Deutschland daran ein Beispiel nehmen?

Schäfer: Ich denke, ja. Natürlich ist der Lockdown eine der letzten Maßnahmen, die man treffen will.

Das Ziel sollte aber schon sein, dass wir so viel Alltag und Normalität aufrechterhalten können, aber gleichzeitig so viel Sicherheit wie nötig garantieren.

ZDFheute: Auch mit Blick auf die Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gibt es viel Kritik. Kann Deutschland nicht mit Katastrophen umgehen?

Schäfer: Das würde ich nicht sagen. Wir können schon mit Katastrophen umgehen. Aber wir könnten es noch sehr viel besser machen. Vor allem kommt es auf die Daten an: Welche Daten wir haben, wie wir diese kommunizieren und dann damit umgehen.

Jens Spahn warnt eben vor einer 800er-Inzidenz, aber dann wird daraus keine Konsequenz gezogen.

Der Mut aus einer Warnung dann eine Konsequenz zu ziehen, der scheint nicht gegeben zu sein.

ZDFheute: Steuern wir denn bei Corona auf die nächste Katastrophe zu?


Schäfer: Ich würde sagen, wir haben die erste noch gar nicht verlassen. Wir haben sie zwar abgemildert, durch Impfungen und niedrigere Inzidenz. Aber die Corona-Katastrophe war eigentlich nie weg.

Das Interview führte Nils Hagemann

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17.09.2021
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