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Gewalt in Deutschland : "Tagtäglich beschimpft, bespuckt, bedroht"

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Beschäftigte im Handel, Rettungskräfte, Polizisten: Sie alle leiden zunehmend unter Angriffen. Die Gewalt geht aber nicht nur von Corona-Leugnern aus. Das Problem sitzt tiefer.

Nach dem tödlichen Angriff auf einen jungen Tankstellen-Mitarbeiter in Idar-Oberstein warnt die Polizeigewerkschaft GdP vor einer hohen Gewaltbereitschaft von Corona-Leugnern:

Die Tat in Idar-Oberstein zeigt, wie gefährlich es im Extremfall für jeden Einzelnen sein kann, wenn er versucht, auf die Corona-Auflagen hinzuweisen.
Jörg Radek, Vize-Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP

Besonders im Brennpunkt stehen Beschäftigte des Einzelhandels. Dort häufen sich die Konflikte, meldet die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW).

Gewalttätige Kunden bereiten bundesweit Sorge

Die BGHW bietet deshalb deutschlandweit Trainings für den Umgang mit "konfliktbereiten Kunden" an. Die Seminare sind gefragter denn je.

Kein Wunder, sagt Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzel- und Versandhandel bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di:

Vor allem im Einzelhandel beschäftigte Frauen werden tagtäglich beschimpft, bedroht oder bespuckt. Das ist traurige Realität.
Orhan Akman

Die Aussage wird von anderen Gewerkschaftsvertretern bestätigt. Es gebe keine Meldestellen für solche Aggressionen, kritisiert Akman im Gespräch mit ZDFheute: "So etwas taucht in keiner amtlichen Statistik auf. Da werden die Beschäftigten von den Unternehmen und von der Politik im Stich gelassen."

Tatsächlich bietet die Polizeiliche Kriminalstatistik keine Daten über Menschen, die während ihrer Arbeit im Einzelhandel zu Opfern von Gewalttätern wurden.

Ver.di sieht Angestellte im Einzelhandel "alleingelassen"

Stefan Hertel, Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE), will das Thema nicht kleinreden, meint jedoch, es gebe "keine flächendeckenden oder grundsätzlichen Probleme" in den Einzelhandelsgeschäften.

"Der Handelsverband hat an der Stelle ein völlig falsches Bild von der Realität", kontert Gewerkschaftsvertreter Akman. Er sagt:

Viele Kolleginnen an den Kassen und im Laden werden alleingelassen mit aggressiven Kunden, die meinen, sie müssten ihre Wut über Corona-Maßnahmen im Laden, insbesondere an der Kasse, rauslassen.
Orhan Akman

Akman verweist auf Umfragen unter Gewerkschaftsmitgliedern, wonach in vielen Geschäften die Sicherheitsdienste wieder abgezogen worden seien. "Dabei hat der Druck von aggressiven Kunden nicht nachgelassen", beklagt Akman.

In den Geschäften "echter Gefahr" ausgesetzt

Ver.di fordert deshalb mehr Schutz für die Beschäftigten durch zusätzliches Personal. Unternehmen und Politik sollten zudem dafür sorgen, dass die Beschäftigten nicht weiter in vorderster Front renitenten Kunden entgegentreten müssen, um die Corona-Maßnahmen durchzusetzen.

"Das machen sie jetzt seit mehr als einem Jahr unter enormem Stress, obwohl das nicht der Job der Verkäufer*innen und Kassierer*innen ist. "Das sorgt für psychische Belastungen und setzt nicht wenige Kolleginnen und Kollegen echter Gefahr aus", schreibt Akman in einer Mail.

"Aus Kostengründen auf Trainings verzichtet"

Unter hohem Druck stehen auch Busfahrer und Kontrolleurinnen. Zum Teil erhalten sie Trainings, um aggressive Fahrgäste zu beruhigen. Doch das ist nach ver.di-Umfragen nicht überall der Fall.

"Nach unseren Erkenntnissen finden Schulungen für das Bus- und Bahnpersonal in Deutschland nicht flächendeckend statt", berichtet Volker Nüsse, ver.di-Experte für den Bereich Bus und Bahn. "Zum Teil wird aus Kostengründen auf Trainings verzichtet; es herrscht also hoher Handlungsbedarf", konstatiert Nüsse.

Ämter und Rathäuser schützen sich vor Gewalttätern

Besser sehe es für die Beschäftigten in Ämtern und Rathäusern aus, sagt Alexander Handschuh, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes:

Die Städte und Kommunen versuchen ihr Personal in den potenziell schwierigen Bereichen wie etwa Job-Centern oder Sozialämtern durch Schulungen vorzubereiten.
Alexander Handschuh

Zudem gebe es zuweilen Zugangskontrollen und Sicherheitsschleusen. "Andererseits wollen wir Ämter und Rathäuser auch nicht zu Festungen umbauen", sagt Handschuh. Der direkte Bürgerkontakt müsse erhalten bleiben.

Deutliche Gewaltzunahme schon vor "Corona"

Zur für viele Menschen verstörenden Wahrheit gehört, dass es bereits vor "Corona" eine spürbare Zunahme von verbaler und körperlicher Gewalt gegen Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute oder Kontrolleure im öffentlichen Nahverkehr gegeben hat.

"Die Eskalation von Gewaltfantasien, die ihren Ausgangspunkt oft in Pöbeleien und Hetze auf anonymen Social-Media-Kanälen haben", bereite den Städten und Kommunen große Sorgen, berichtet Alexander Handschuh.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Gefahr

Polizeigewerkschaftsvertreter Jörg Radek teilt diese Sorge. Er sagt ZDFheute:

Wir müssen wieder dahinkommen, dass Gewalt und Hetze Tabus sind und wir müssen uns dessen bewusst sein, dass anonym übers Internet verbreitete Hetze und Gewaltfantasien zu Taten werden können.
Jörg Radek

Radek spricht von einer Entwicklung, die das friedliche Miteinander "in höchstem Maß" gefährde. Dagegen müsse sich die Gesellschaft wappnen.

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