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Lungenintensivstation - Situation "hochgradig frustrierend für alle"

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Die Corona-Pandemie belastet die Intensivmedizin. Bei allen Öffnungen dürfe man die Zahl der freien Betten nicht außer Acht lassen, erklärt Oberarzt Philipp Lepper im Interview.

Pflege von Corona-Patienten.
Pflege von Corona-Patienten.
Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild/Archiv

ZDFheute: Sie behandeln seit über einem Jahr Menschen, die schwer an Covid erkranken. Wie unterscheiden sich diese Patienten von denen, die sie normalerweise haben?

Philipp Lepper: Mein Eindruck ist, dass alle hier sehr lange liegen. Ungewöhnlich lang, egal ob jung oder alt. Bei uns ist aktuell die Zeit auf der Intensivstation im Durchschnitt um die 30 Tage vor allem bei den Schwerkranken. Und das heißt bei Weitem nicht, dass die alle überleben.

Alle Organersatzverfahren, die wir haben, zum Beispiel Dialyse oder ECMO als Lungenersatzverfahren, das sind immer Krücken, die nie so gut sind wie die Natur selber. Das darf man nicht vergessen.
Philipp Lepper

Diese Krankheit hat eine hohe Sterblichkeit unter diesen schwer erkrankten Patienten. Manche sind 30, 40 Tage bei uns, bekommen dann eine Komplikation, verschlechtern sich und sind vielleicht nicht mehr zu retten. Das ist hochgradig frustrierend für alle.

ZDFheute: Wie belastend ist das?

Lepper: Der lange Erkrankungsverlauf, wieder und wieder, macht unsere Arbeit zäh. Wenn das so lange dauert, dann häufen sich einfach die Probleme, es häuft sich die Zahl der Organe, die versagen. Viele Patienten haben nach sechs Wochen massive Komplikationen und dann wird es für uns immer schwieriger, die Situation unter Kontrolle zu halten.

ZDFheute: Hat sich das Krankheitsbild der Patienten verändert? Wie viele ihrer Patienten sind an einer Mutation des Coronavirus erkrankt?

Lepper: Wir wissen es nicht von allen Patienten, wobei es aus intensivmedizinischer Sicht auch keinen wahnsinnig großen Unterschied macht, mit was für einer Mutante man es zu tun hat. Das spielt natürlich eine große Rolle für die Infektionsdynamik, aber für die Intensivbehandlung ist es erstmal von untergeordneter Bedeutung.

Die Patienten ähneln sich alle von Beginn: Sie sind alle sehr schwer erkrankt, sie sind lange bei uns. Was man sagen muss: Wir haben mittlerweile einen sehr hohen ECMO-Anteil. Aber an der Sterblichkeit hat sich nichts geändert.

Intensivmedizin und Corona - Letzter Ausweg: Lebensretterin ECMO 

Wenn Beatmungsmaschinen einem Patienten mit Covid-19 nicht mehr helfen können, haben Intensivmediziner noch eine Chance: ECMO. Extrakorporale Membranoxygenisierung.

Videolänge
3 min
von Christan von Rechenberg

ZDFheute: Wie viele ihrer Patienten sterben?

Lepper:

Knapp 60 Prozent der Menschen, die an der ECMO-Maschine liegen, überleben das nicht. Das war vor einem Jahr so und es ist auch heute so.
Philipp Lepper

ZDFheute: Das saarländische Öffnungsmodell wurde trotz steigender Inzidenzzahlen eingeführt. War das richtig?

Lepper: Die Inzidenzzahlen spielen für das Gesundheitssystem nur eine relevante Rolle, wenn sie sich auch auf die Bettenbelegung niederschlagen. Ich kann verstehen, dass man dieses Modell versucht. Dass den Menschen eine Perspektive gegeben wird. Man kann ja nicht im Dauerlockdown bleiben. Und noch können wir schwer erkrankte Patienten bei uns auffangen.

Prof. Philipp Lepper und sein Team kämpfen auf der Intensivstation um die Leben von Covid-Erkrankten. Mit den steigenden Zahlen könnte es hier wieder voller werden.

Beitragslänge:
3 min
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ZDFheute: Wenn eine Überlastung des Gesundheitswesens droht, soll die Notbremse gezogen werden: Die Öffnungen werden kassiert, es folgt ein Lockdown. Was heißt das für sie?

Lepper: Die Definition "Überlastung des Gesundheitssystems" ist schwammig. Weil man sie, glaube ich, auch nicht richtig packen kann. Man kann keine harten Indikatoren festmachen, wann man wirklich von einer Überlastung spricht und bis wann eine Überlastung tolerabel ist. Ist das bei 90 Prozent oder bei 105 Prozent? Das ist immer schwierig.

ZDFheute: Sollte man das nicht schärfer eingrenzen können?

Lepper: Im Moment ist es so, dass wir sehr engmaschig an die saarländische Landeregierung Rückmeldung geben, wie die Kapazitäten sind, wie sie sich verändern und wie die aktuelle Lage ist. Es ist aber ohne Zweifel so: Das Gleichgewicht, das sich im Arbeitsalltag vor der Pandemie eingependelt hat, also, dass man ausreichend offene Intensivbetten zur Verfügung hat, dieses Gleichgewicht verschieben die Covid-19-Patienten erheblich. Es sind durchgehend wenig Betten frei. Das darf man bei allen Öffnungen nicht vergessen. Und erstmal wird das nicht besser werden.

Das Gespräch führte Verena Garrett

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