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Corona-Demonstrationen : Warum immer wieder Nazi-Vergleiche?

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Warum vergleichen Menschen die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mit Gesetzen aus dem Nationalsozialismus? Welche Folgen hat das?

Armbinde mit einem gelben Stern mit der Aufschrift "Ungeimpft"
Demonstrierende benutzen Symbole aus der Zeit des Nationalsozialismus und verbinden sie mit der heutigen Situation.
Quelle: dpa

Die einen vergleichen den Davidstern mit dem Tragen eines Mund-Nasenschutzes. Andere stellen durch den Ausspruch "Impfen macht frei" eine Analogie zur Nazi-Parole "Arbeit macht frei" her. Immer wieder tauchen auf Demonstrationen oder im Internet Bilder auf, die die Pandemiepolitik von heute mit der Politik im Nationalsozialismus gleichsetzen.

Der Magdeburger Soziologe Matthias Quent erklärt im Gespräch mit ZDFheute, mit welcher Absicht Analogien - sprachlich oder bildlich - hergestellt werden und was daran problematisch ist.

Was steckt hinter Nazi-Vergleichen?

Zum einen gehe es um Provokation, erläutert Quent. Auf der anderen Seite schwinge eine Form von Relativierung mit, wenn Menschen die Frage, ob sie sich impfen oder testen lassen sollen, mit der industriellen Ermordung von Millionen Menschen gleichsetzen. Damit gehe es auch um Verharmlosung von Geschichte.

Gleichzeitig versetzt man sich in die Position eines legitimen historischen Widerstandskämpfers.
Matthias Quent, Soziologe

Das ist Quent zufolge das zentrale Motiv für den Vergleich. Denn indem man sich selbst zum Opfer von quasi nationalsozialistischen Methoden erkläre, so wie das ja viele Gegner*innen der Corona-Politik tun, bringe man sich in eine Situation, in der man als Opfer - vermeintlich diskriminiert - in keiner rationalen Rechtfertigungspflicht mehr sei. So lässt sich dann in ihrer Argumentation auch Widerstand gegen die aktuelle Politik rechtfertigen.

Eine Frau demonstriert mit einem Zitat von Sophie Scholl gegen Coronamaßnahmen
Eine Frau demonstriert mit einem Zitat von Sophie Scholl gegen Corona-Maßnahmen
Quelle: imago

Wer wird bei solchen Vergleichen verletzt?

Geschädigt werden laut Quent die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus: sowohl die Jüdinnen und Juden aus den Communities, als auch die, deren Angehörige vernichtet wurden.

Ihr Leid wird im Grunde mit Füßen getreten.
Matthias Quent, Soziologe

Sie werden erneut zu Opfern gemacht und instrumentalisiert, indem eine völlig entgrenzte Gleichsetzung betrieben werde, mahnt Quent. Ihre Geschichte wird quasi uminterpretiert und die nationalsozialistischen Verbrechen an den europäischen Jüdinnen und Juden werden so rückblickend bagatellisiert.

Sehen Sie hier, warum sich die 29-jährige Carolin Heymann für das Erinnern der Holocaust-Geschichte einsetzt.

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2 min
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Was ist gesellschaftlich los, wenn solche Vergleiche zunehmen?

Die Vergleiche zielten derzeit in zwei verschiedene Richtungen. Einerseits, erklärt Quent, seien da diejenigen, die sich als Juden darstellten und als Opfer einer neuen Diktatur wahrnähmen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Fall Jana aus Kassel, die sich im November 2020 mit Sophie Scholl verglich. Andererseits gebe es auch die Vorwürfe an die Demonstranten, das seien alles "Corona-Nazis".

Da ist eine Gesellschaft schon sehr weit weg von einem rationalen Diskurs.
Matthias Quent, Soziologe

Man sehe, dass es derzeit nur noch um Polarisierung geht, um die höchstmögliche Steigerung mit der Bezugnahme auf den Nationalsozialismus, so Quent. Ein sachliches Abwägen, eine Argumentationsführung sei in einer so aufgeregten Stimmung kaum noch möglich. Was verloren gehe, sei der zivilisierte Diskurs.

Archiv: Ein Mitarbeiter bringt bei einem Besucher am Eingang ein Bändchen an, nachdem zuvor der Impfnachweis geprüft worden war.
Interview

Bagatellisierung der Geschichte - Wie umgehen mit NS-Vergleichen? 

Vergleiche mit dem Nationalsozialismus in der Corona-Auseinandersetzung: Wie geht man mit Äußerungen um, die die Geschichte relativieren?

Welche Folgen haben solche Sprachbilder?

In den vergangenen Wochen, war zu sehen, dass die Proteste gegen Corona-Maßnahmen zum Teil gewalttätiger wurden. Aber natürlich sind nicht alle, die auf die Straße gingen und demonstrierten, Gewalttäter, erklärt Quent. Und auch nicht alle, die solche geschichtsvergessenen, antisemitischen Vergleiche bedienen, seien Gewalttäter. Indem sie den Nationalsozialismus verharmlosen würden, äußerten sie sich jedoch antisemitisch.

Insgesamt dienen diese Narrative auch der Rechtfertigung von Gesetzesverstößen und Gewalt.
Matthias Quent, Soziologe

Auch andere soziale Bewegungen hätten gezeigt, dass eine Gemeinschaft, die sich angegriffen fühle, Gegner markiere, die als Aggressoren erschienen, so Quent. Und gegen diese Widerstand zu leisten, erscheine dann als ein "heroischer Akt".

Bei Protesten gegen die Corona-Maßnahmen kommt es immer häufiger zu gewalttätigen Ausschreitungen, wie am vergangenen Wochenende in Sachsen:

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Geschichtsbagatellisierung in der Corona-Pandemie?

Die Bezugnahme auf den Nationalsozialismus und die rhetorische Eskalation seien nicht neu, sagt Quent, werde aber im Zuge der Corona-Demonstrationen besonders offensichtlich. Der Vergleich werde genutzt, um das größte vorstellbare Grauen ins Heute zu übertragen.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) in Berlin konstatiert, dass die fortwährenden Bagatellisierungen auf Dauer die Grenze des Sagbaren verändern. Und sie unterstreicht: Öffentliche Relativierungen aber auch NS-Vokabular hielten zunehmend Einzug in die Mitte der Gesellschaft.

Um solche Grenzüberschreitungen zu dokumentieren, sammelt Rias Informationen über antisemitische Vorfälle und vermittelt Betroffenen Unterstützungsangebote.

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Geschichtsverfälschung: Ursache Bildungsmangel?

Quent sieht noch eine andere Ursache für scheinbar zunehmende Vorfälle von falscher Geschichtsdarstellung: Wenn Menschen derart verfälschende Vergleiche anführten, sei das für ihn auch Ausdruck eines Bildungsdilemmas.

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