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Nothilfe in Nordsyrien - "Sogar eine Hühnerfarm wird Corona-Klinik"

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Unter Kriegsbedingungen und mit äußerst limitierten Mitteln leisten Mediziner im Nordosten Syriens Corona-Nothilfe. Der deutsche Arzt Michael Wilk unterstützt sie vor Ort.

Michael Wilk behandelt in Corona-Schutzkleidung in einer Klinik in Nordsyrien.
Michael Wilk leistet als Arzt Corona-Nothilfe im Nordosten Syriens: Hier behandelt er in Schutzkleidung in einer Klinik in Nordsyrien.
Quelle: ZDF

ZDFheute: Covid-19 bringt das medizinische Personal aktuell selbst in reichen Industrienationen wie Deutschland an die Grenze der Belastbarkeit. Wie nehmen Sie die Situation im armen Nordosten Syriens wahr?

Michael Wilk: Es ist richtig, dass viele Intensivstationen in Deutschland am Limit sind. Allerdings sind die Behandlungsmöglichkeiten von Patienten im Nordosten Syriens sehr viel limitierter. Ich war hier zum Beispiel in der Nähe der Stadt Haseke in einer ehemaligen Hühnerfarm, die in der Not zu einer einfach ausgerüsteten Klinik umgewandelt worden ist.

Und ja: Auch in Deutschland ist die Pandemie mit ihren Konsequenzen für viele existenzbedrohend, in Rojava trifft sie jedoch mit ganz anderer vernichtender Wucht auf die Gesellschaft, die noch unter Kriegsbedingungen leidet. 
Michael Wilk

ZDFheute: Über welche Mittel verfügen die Kliniken, um schwer erkrankten Corona-Patienten helfen zu können?

Wilk: Die Ärzte können ihren Patienten in der Regel Sauerstoff aus Flaschen und Medikamente wie Cortison geben. Maschinelles Beatmen und eine Intensivbehandlung sind jedoch nur an einigen wenigen Plätzen möglich, was die Situation stark belastet. Es fehlt an Geräten und auch an ausgebildetem Fachpersonal.

Insgesamt nehme ich die Lage als sehr ernst wahr. Ich habe heute über 40 Menschen untersucht. Einige sind auf dem Weg der Besserung, viele jedoch in extrem kritischen Zustand. Bis zum Mittag sind bereits zwei Patienten gestorben. 

Das Assad-Regime hält am Kriegszustand fest, damit die Bevölkerung keine Energie hat, gegen die schlechte Versorgungslage im Land zu protestieren, meint Syrien-Experte Gerlach.

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ZDFheute: Was wird am dringendsten benötigt?

Wilk: Impfungen, ganz klar. Der schnelle und möglichst zahlreiche Einsatz der bis jetzt nicht vorhandenen Vakzine ist der mit Abstand entscheidende Faktor zur Lösung der gefährlichen Situation. An der Verbesserung der technischen und materiellen Situation wird auch mit Hochdruck gearbeitet.

FFP2-Masken und Schnelltests wären auch eine große Hilfe. Daran mangelt es stark. Embargo-Bedingungen und die andauernde militärische Bedrohung durch die Türkei kosten Ressourcen, erschweren die Beschaffung von Material und einen schnellen Ausbau der Infrastruktur.

ZDFheute: Aufgrund des Mangels an Medikamenten und Ausrüstung sterben viele Patienten: Wie verkraften das die Helferinnen und Helfer?

Wilk: Schwerkranke und sterbende Menschen gehören leider zum Alltag der Helfenden. Aber eine Pandemie ist nochmal etwas anderes, selbst für kriegserfahrene Pfleger und Schwestern. Für alle an der Versorgung von Erkrankten Beteiligten ist es jedoch besonders schlimm, mehr machen zu können, aber nicht über die materiellen Voraussetzungen zu verfügen.

Menschen sterben zu sehen, denen unter anderen Umständen geholfen werden könnte, ist extrem bitter und belastend.

Dazu kommt das Risiko der eigenen Infektion, das alle begleitet. Trotzdem geben alle ihr bestes, wie immer in diesem Beruf. 

Ein Mann rennt mit einem Kind auf dem Arm aus einer Ruine an einem brennenden Auto vorbei.

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ZDFheute: Sie unterstützen den kurdischen Roten Halbmond seit Jahren und sind regelmäßig persönlich in der Region. Wie hat sich dieser Teil Syriens aus Ihrer Sicht verändert?

Wilk: Ich bin seit 2014 immer wieder zum Teil mehrfach im Jahr hier. Die Menschen hier versuchen einen eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen, geprägt von basisdemokratischen Prinzipien und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Der Wille zum Aufbau ist trotz härtester Bedingungen ungebrochen.

Der erfolgreiche Kampf gegen den mörderischen IS, das Streben nach Selbständigkeit und die damit verbundenen Probleme mit dem Assad-Regime waren schlimm genug, dann kamen die Invasionen durch die Türkei 2018 und 2019 dazu, die Hundertausende erneut zur Flucht zwangen. Und jetzt Corona.

Und doch werden Schulen und eine Universität gebaut, Krankenhäuser und Wohnungen errichtet und vor allem an einem einzigartigen gesellschaftlichen Modell der Gleichberechtigung gearbeitet. Ich habe tiefen Respekt vor diesen Menschen. 

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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