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Interview

Biontech-Mitgründerin Türeci - "Mut und Demut" auf dem Weg zum Erfolg

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Biontech-Mitgründerin Özlem Türeci spricht im Interview über Hürden und wichtige Eigenschaften auf dem Weg zum Erfolg - und über die Zukunft der mRNA-Technologie.

Berlin:  Özlem Türeci, die Mitgründer des Mainzer Corona-Impfstoff-Entwicklers Biontech.
Özlem Türeci, die Mitgründerin des Mainzer Corona-Impfstoff-Herstellers Biontech.
Quelle: dpa

ZDF: Frau Dr. Türeci, Sie bekommen gemeinsam mit Ihrem Mann, Prof. Sahin, und Prof. Katalin Karikó den Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstädter-Preis. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Özlem Türeci: Der Preis ist eine sehr große Ehre für uns. Mit diesem Preis wird traditionell Grundlagenforschung geehrt - und zwar mit Blick auf das Anwendungspotenzial - also tatsächlich zum Wohle der Menschen, in diesem Fall eben gegen eine Pandemie. 

Die Arbeit, die hier geehrt wird, das sind jahrzehntelange Investitionen von Kraft in einen Forschungsbereich hinein, der lange Zeit unter dem Radar von anderen war. Er hat ein sehr großes Potenzial, an das ich stark geglaubt habe. Dass das jetzt ausgezeichnet wird, darüber freue ich mich mit meinen Mitpreisträgern sehr.

ZDF: Und was bedeutet die Auszeichnung für den Forschungszweig mRNA-Technologie?

Türeci: Die mRNA-Technologie ist sehr neu. In der Arzneimittelentwicklung hatte sie es bisher noch nicht geschafft, Medikamente hervorzubringen. Und mit dem Covid-19-Impfstoff ist das erste Arzneimittel basierend auf mRNA zugelassen worden. Die Innovation und die Erfindungen, die in dieser Technologie zusammengekommen sind, um das möglich zu machen, sind über die letzten zwei Dekaden entwickelt worden.

Ugur Sahin und Özlem Tureci erhalten für die mRNA-Technologie ihres Corona-Impfstoffs den Paul-Ehrlich-Preis. Damit könnten auch Krebs-Impfstoffe möglich werden, so Tureci.

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Und dass das jetzt ausgezeichnet wird, unterstreicht, wie Innovation funktioniert, und zeichnet damit die mRNA-Technologie, die transformativen Charakter auch für andere Bereiche der Arzneimittelentwicklung hat, noch einmal besonders aus.

ZDF: Was sind Ihre weiteren Ziele in der Entwicklung der mRNA-Technologie - welche Medikamente kommen als nächstes?

Türeci: Sie müssen sich die Technologie vorstellen wie einen Werkzeugkasten. Wir haben über die letzten 20 Jahre sehr viele unterschiedliche Werkzeuge für diesen Kasten entwickelt. Und je nach Krankheit und Indikation kann man unterschiedliche Werkzeuge herausnehmen.

Seit heute wird in Deutschland der Impfstoff von Moderna verabreicht. Ein mRNA-Impfstoff, wie der von BioNtech/Pfizer. Zudem hat Astrazeneca die Zulassung seines Vektor-Impfstoffs bei der EU beantragt. Beide wirken ähnlich, aber es gibt Unterscheide.

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Was uns bewegt in der unmittelbaren Zukunft sind zum einen Krebsimpfstoffe - an denen arbeiten wir hier schon sehr lange. Und wir denken, dass wir mit der mRNA-Technologie in ein paar Jahren dort Unterschiede machen können. Und das Zweite - als wichtige zusätzliche Säule - sind weitere Schutzimpfungen gegen die wichtigen und großen Infektionserkrankungen, wie zum Beispiel Malaria, Tuberkulose und HIV.

Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist laut einer Studie für 5- bis 11-Jährige wirksam und sicher. Bundesgesundheitsminister Spahn rechnet Anfang 2022 mit einer Zulassung.

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ZDF: Mit der Entwicklung Ihres Impfstoffs ist Mainz zur Apotheke der Welt geworden. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit es in Zukunft mehr solcher Erfolgsstorys aus Deutschland geben kann?

Türeci: Vieles, was wir brauchen, haben wir hier in Deutschland schon. Wir haben sehr gut ausgebildete Fachkräfte, Grundlagenforschung wird gut gefördert, und es gibt Anschubfinanzierungen für Unternehmen. Dann gibt es wieder Bereiche, in denen wir besser werden können - nämlich Unternehmen nach dieser ersten Startphase zu unterstützen, die Verfügbarkeit von Risikokapital zu verbessern und auch Expertise in diesem Bereich.

Die Antwort ist gar nicht so einfach, man kann nicht quasi einen Punkt aufzeigen, an dem man drehen kann und hat damit optimale Bedingungen. Sondern ich denke, dass es eine technische Aufgabe ist, die wir als Gesellschaft zusammen angehen müssen. Ein wichtiger Leitpunkt ist, dass wir alle Akteure von Arzneimittelentwicklung an einen Tisch bringen und die Frage stellen sollten: 'Wie schaffen wir das technisch, dass wir alle zusammen diesen Sinn für Dringlichkeit haben?' Nicht nur in der Pandemie, sondern auch, wenn es zum Beispiel um Krebstherapien geht. 'Und wie schaffen wir das dann, dass das unser gemeinsames Ziel ist - über die partikulären Aufgaben jedes dieser Akteure hinaus?'

ZDF: Welche Faktoren für den Erfolg von Forschungsunternehmen in Deutschland sind nach Ihrer Erfahrung besonders wichtig?

Türeci: Für Unternehmen unserer Art, also für Start-Up-Unternehmen, die Medikamentenentwicklung machen möchten, ist Kapital ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor. In der Medikamentenentwicklung ist es so, dass man, um wirklich erfolgreich zu entwickeln, über alle klinischen Phasen hinweg, ein hohes Risiko eingeht. Einer von 1.000 Wirkstoffen, die man angeht, kommt überhaupt durch bis zum Markt. Es werden dreistellige Investitionen benötigt. Es dauert im Schnitt acht bis 15 Jahre, bis man diesen ganzen Weg gegangen ist.

Und da ist es natürlich ganz wichtig, über diesen Zeitraum die  notwendigen Gelder zu erhalten. Das läuft in der Regel durch Risikokapitalgeber, und da können wir hier in Deutschland sicherlich eine noch stärkere Szene gebrauchen.

ZDF: Der Bedarf an Impfstoff ist weltweit riesig. Wie steht es um Ihre Produktionskapazitäten und wie beurteilen Sie die Debatte, den Patentschutz für Corona-Impfstoffe aufzuheben?

Türeci: Wir haben unsere Produktionskapazitäten dramatisch erhöht und rechnen damit, dass wir drei Milliarden Dosen liefern können. Auch im nächsten Jahr. Und auch andere Impfstoffentwickler arbeiten daran, ihre Kapazitäten zu erhöhen. Wenn man sich das in der Gesamtheit anschaut, kann man, wenn alles so wie geplant läuft, davon ausgehen, dass über das nächste Jahr hinweg alle, die geimpft werden wollen, auch tatsächlich versorgt werden können - von den Kapazitäten her. Das heißt, ich bin da optimistisch, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Biontech hat als eines der ersten Unternehmen einen Corona-Impfstoff auf den Markt gebracht. Die Gründer, Sahin und Türeci, haben dafür den Sonderpreis des Gründerpreises erhalten.

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Auch Verteilungswege und Zulassungsaspekte sind wichtig, wenn es vor allen Dingen darum geht, in die ärmeren Regionen dieser Welt zu gelangen. Da arbeiten wir intensiv mit den entsprechenden Behörden und Organisationen - diese Regionen der Welt werden 40 Prozent unserer Produktionskapazitäten bekommen. Also insofern bin ich optimistisch.

Patent-Freigaben haben das Risiko, dass man Qualitätseinbußen hat. Das ist nicht so einfach umzusetzen. Sie müssen sich vorstellen, das sind 50.000 Schritte. Da braucht man Mitarbeiter mit Know-how und Expertise in diesem noch neuen Verfahren. Das ist ähnlich, als wenn Sie ein Soufflé machen wollen und noch nie gekocht haben. Wenn Sie dann ein Rezept aus dem Internet ziehen, wird Sie das nicht befähigen, dasselbe Soufflé wie ein Sternekoch herzustellen. Das heißt, da vertrauen wir eher auf unser Vorhaben, die Produktionskapazitäten zu expandieren - auch in andere Länder - und dort Menschen anzulernen.

ZDF: Sie werden als Forschungs-Trio ausgezeichnet, zwei Frauen, ein Mann. Wie beurteilen Sie die Bedingungen für Frauen in der Wissenschaft? Und welche Rolle spielt die Einwanderungsgeschichte Ihrer Familien für Sie und Ihren Werdegang?  

Türeci: Es ist ganz wichtig, sich vor Augen zu halten, dass gerade in der Wissenschaft Vielfalt eine große Rolle spielt. In unserem Team arbeiten viele Frauen und etwa 60 Nationalitäten. Herkunft sollte weniger eine Rolle spielen, sondern es sind ganz andere Eigenschaften wichtig wie Mut und Demut, die wir am Tisch brauchen. Und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, Mut aufzubringen und gegen den Strom zu schwimmen. Das hat für uns drei eine ganz, ganz wichtige Rolle gespielt. 

Das Interview führte Marion Geiger.

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