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Prävention von Gesundheitskrisen - Wie können wir Pandemien künftig verhindern?

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Es ist um ein Vielfaches günstiger, Pandemien zu verhindern, als sie zu behandeln. Drei Wege, wie es nach Corona zu der nächsten Gesundheitskrise gar nicht erst kommt.

USA, Los Angeles: Leere 110 Arroyo Seco Parkway nach dem Lockdown.
Die leere 110 Arroyo Seco Parkway in Los Angeles nach dem Lockdown.
Quelle: ap

Die Welt hat in der Pandemie-Prävention kollektiv versagt. Die Tatsache, dass die erste Corona-Infektion am 31. Dezember 2019 gemeldet wurde und wir 379 Tage später immer noch exzessiv darüber sprechen und schreiben (an dieser Stelle mehr als 16.000 Mal), ist der Beweis.

Dieses Versagen ist teuer. Es hat bis dato fast zwei Millionen Menschenleben weltweit gekostet. Aktuell kommen jeden Tag im Schnitt 10.000 dazu.

Der Bund hat sich 2020 im Kampf gegen die Pandemie mit rund 160 Milliarden Euro zusätzlich verschuldet, im Haushalt für 2021 sind weitere 180 Milliarden Euro neue Schulden eingeplant, so viel wie noch nie.

Andere Schäden lassen sich mit Zahlen kaum beziffern: traumatische Krankheitsverläufe, Beerdigungen ohne Publikum, überforderte Familien, häusliche Gewalt, bedrohte Existenzen, zu wenig Hilfe bei psychischen Erkrankungen, Langzeitfolgen von Covid-19 und Shutdowns.

Brandrodung im tropischen Regenwald

Experten appellieren an Politik - Naturschutz als Mittel gegen Pandemien 

Künftig werde es mehr Pandemien geben und sie könnten noch verheerender ausfallen als Covid-19 - davor warnt jetzt der Weltbiodiversitätsrat. Ein Gegenmittel: mehr Naturschutz.

von Mark Hugo

Strategien gegen Pandemien

Derartige Gesundheitskrisen werden uns in Zukunft verstärkt beschäftigen, warnte der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) im vergangenen Jahr:

Ohne vorbeugende Strategien wird es häufiger zu Pandemien kommen, sie werden sich schneller verbreiten, mehr Menschen töten und der Effekt auf die globale Wirtschaft wird verheerender sein als je zuvor.
Weltbiodiversitätsrat

Drei mögliche Strategien, um Pandemien zu beenden, bevor sie Fahrt aufnehmen können:

1. Multinationale Gesundheitsbehörden stärken

Um Infektionszahlen einzudämmen, müssen Gesundheitsbehörden schnellstmöglich vor Ort eingreifen und die Infektionskette mit mobilen Teams unterbrechen können.

Dazu braucht es handlungsfähige Organisationen wie die WHO oder das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

WHO mangelt es an Geld und Vertrauen

Der WHO fehlt es aktuell sowohl an Geld als auch an Vertrauen. Ausgerechnet im Juli 2020 treten die USA offiziell aus der Organisation aus. Laut dem scheidenden US-Präsidenten Trump sei die Organisation zu "chinafreundlich".

International hagelt es Kritik an dem Vorgehen, was nichts daran ändert, dass die UN-Behörde inmitten der Pandemie einen ihrer größten Geldgeber verliert. [Mehr zur Kritik an der WHO lesen Sie hier.]

Trump wollte der WHO den Geldhahn zudrehen.

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Das Coronavirus hätte ebenso in Laos ausbrechen können, einem Land, das viel weniger Ressourcen habe als China, sagt Virologe Jonas Schmidt-Chanasit gegenüber ZDFheute. Das sei trotz Kritik Argument genug für die Institution.

Man braucht diese unabhängigen Organisationen, um in solchen Ländern etwas machen zu können. Wer soll es sonst machen?
Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe

EU will Seuchenschutz stärken

Auch die EU-Behörde ECDC sei "massiv kaputt gespart worden". 2020 hatte das ECDC ein leicht nach oben korrigiertes Budget von 68,3 Millionen Euro. Brüssel will den Seuchenschutz langfristig zwar stärken, unklar ist aber, was das finanziell bedeutet.

Archiv, Hamburg: Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut (BNI), nimmt an einer Pressekonferenz im Kaisersaal im Rathaus teil.
Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut (BNI).
Quelle: dpa

Die aktuellen Mittel reichen nicht für eine adäquate Pandemie-Prävention aus. Aktuell sei die Behörde mit Sitz in Schweden eher ein Papiertiger als eine schnelle Eingreiftruppe, sagt Schmidt-Chanasit. "In internationale Einsätze zu gehen könne sie finanziell gar nicht leisten."

2. Den Planeten schützen

Wenn die globale Erwärmung in dem Tempo voranschreitet, wie es aktuell der Fall ist, nützen diese Maßnahmen wenig. 2020 war das zweitwärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881.

Immer mehr Naturkatastrophen werden weltweit durch den Klimawandel verursacht.

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Trotz verschärfter Klimaziele gilt es als unwahrscheinlich, dass es der EU durch eine 55-prozentige Reduktion von Treibhausgasen bis 2030 gelingen wird, unterhalb der 1,5-Grad-Marke zu bleiben. [Hier lesen Sie ein Interview mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg zu den Klimazielen der EU.]

Infografik: 2020 zweitwärmstes Jahr in Deutschland
Quelle: ZDF

Globale Erwärmung als Nährboden für Viren

Die Konsequenzen sind fatal. Je wärmer es wird, desto mehr Arten sterben aus. Je geringer die Biodiversität, desto mehr Monokulturen befinden sich in unseren Ökosystemen.

Je mehr Monokulturen es gibt und je höher die Temperaturen sind, "desto leichter haben es zum Beispiel Viren, die von Stechmücken übertragen werden", erklärt Schmidt-Chanasit. Ein Beispiel für eine solche Epidemie: das West-Nil-Virus. [Auch in Deutschland ist das durch Stechmücken übertragene West-Nil-Virus aufgetreten.]

Diese Krankheiten übertragen Stechmücken.

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Und dann wäre da noch der Mensch, der immer mehr in den Lebensraum von Wildtieren eindringt. Durch die Ausweitung der Landwirtschaft, Waldrodung, Massentierhaltung und Wildtier-Märkte wird der Kontakt zwischen Wildtieren und Nutztieren, also potentiellen Krankheitserregern, und dem Menschen verstärkt anstatt ihn zu verringern. Die Maßnahmen im Kampf gegen die Klimakrise kommen also auch der Pandemieprävention zugute.

3. Intensive Feldforschung betreiben

In Säugetieren und Vögeln gibt es geschätzt etwa 1,7 Millionen unentdeckte Viren, mit bis zu 850.000 davon könnte sich auch der Mensch infizieren. Der Ausbruch von Covid-19 wurde laut IPBES - wie alle bisherigen Pandemien, darunter die Spanische Grippe, Aids und Sars - durch menschliche Aktivitäten ausgelöst.

Umso wichtiger ist es, dass Forscher*innen konstant nach neuen Zoonosen Ausschau halten, also von Tieren stammenden Seuchen. Dieser Prozess nennt sich "Surveillance".

HIV, Ebola, Corona: Mindestens 70 Prozent menschlicher Infektionskrankheiten wurden von Tieren auf Menschen übertragen. Wir erklären, warum es vermehrt zu Zoonosen kommt.

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Katalog für Viren und Erreger

Schmidt-Chanasit untersucht zum Beispiel im Urwald in Ecuador Erreger von Stechmücken oder Fledermäusen, die zwar auf Menschen übertragen worden sind, es aber nicht in die Hauptstadt Quito geschafft haben. Eine Pandemie blieb aus. Wie gefährlich ein Virus ist, hängt also auch davon ab, wie es sich überträgt.

Je unbemerkter ein Virus durch die Welt reisen kann, desto besser - aus Sicht des Virus.
Jonas Schmidt-Chanasit

"Wenn man nicht weiß, wer erkrankt, kann es jeder sein. Wenn es hauptsächlich von Kranken übertragen wird, lässt es sich gut eindämmen. Das hat das erste Sars-Virus 2002/03 gezeigt", sagt Virologe Schmidt-Chanasit.

Die Erkenntnisse aus der Feldforschung sammeln Schmidt-Chanasit und sein Team am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in einer Art Erreger-Katalog, der unter anderem die Forschung an neuen Impfstoffen und Medikamenten erleichtern kann.

Je genauer die Vorstellung davon, welche Viren wo im Umlauf sind, desto schneller kann man im Ernstfall reagieren, entwickeln, eindämmen. Gerade zu Beginn einer Pandemie ist Zeit nicht nur Geld, sondern auch Leben.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

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