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Verkäufer*innen in der Pandemie - "Natürlich gehen wir auf dem Zahnfleisch"

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Im ersten Shutdown waren sie Held*innen an der Kasse, jetzt werden sie angepöbelt. Fünf Verkäufer*innen erzählen von ihrer Arbeit, die mehr an die Substanz geht denn je.

Eine Kassiererin an der Kasse. Symbolbild
Eine Kassiererin an der Kasse (Archivbild): "Im Frühjahr waren wir Alltagshelden, heute müssen wir uns rechtfertigen"
Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Isabel, 50, Passau, Bayern

Wir werden im Moment als Freizeitbespaßung benutzt. Da viele andere Geschäfte geschlossen sind, spazieren viele Menschen stundenlang durch die "Non-Food"-Abteilung im Markt und shoppen Fernseher, Geschirr und Unterhose - teilweise mit der ganzen Familie. Wie kann man so unvernünftig sein? Viele Ältere sagen: "Ich habe den Krieg miterlebt, Corona kann mir nichts anhaben." Für sie ist das Einkaufen eine Ablenkung, weil sie keine Familie oder Bezugspersonen haben. Das ist für uns ein Risiko: Auch wir haben Familien, auch wir haben Risikopatienten in unserem Umfeld.

Ein Gynäkologe in Passau stellt Corona-Gegnern Atteste aus, damit sie keine Masken tragen müssen. Dann kommen Männer und legen uns Atteste von einem Frauenarzt vor. Solche Dinge müssen meist vom Personal ausgetragen werden, weil kein Chef da ist. Solche Auseinandersetzungen haben wir im Schnitt alle 14 Tage, das geht an die Substanz.

Wir haben es aufgegeben, Leuten beizubringen, dass ihre Maske über die Nase gehört. Wenn sie mit heraushängender Nase durch den Laden laufen, sagt niemand mehr etwas, unser Personal hat im wahrsten Sinne des Wortes die Nase voll.

Es ist nicht unser Lebensziel, den ganzen Tag mit Kunden zu streiten. Wir können nichts für die Verordnungen. Wenn jemand überfordert ist, dann nehmen wir ihn oder sie aus der Verkaufszone und schicken ihn ins Lager. Im ersten Shutdown haben alle fünf Kilo zugenommen, weil ständig jemand Kuchen mitgebracht hat. Man will sich belohnen. Wir nehmen vieles mit Humor, der Zusammenhalt ist in der letzten Zeit gewachsen. Wir arbeiten gern miteinander und das andere - ja mei.

Daniel*, 28, Jena, Thüringen

Ich fühle mich von meinem Arbeitgeber allein gelassen in der Pandemie. Wir haben kein zusätzliches Personal und müssen alles in der gleichen Zeit schaffen. Wir verkaufen nicht nur mehr, wir müssen auch ständig darauf achten, dass die Leute den Laden mit Einkaufswagen betreten und ihre Maske richtig tragen. An der Kasse muss man den Eingang immer im Blick haben, das ist schlecht für die Konzentration. Oft stehen die Gänge voll, weil wir ein kleines Lager haben - so wird es noch schwerer, Abstand zu halten.

Jürgen Burkhardt, Bartträger und mehrfacher Bartweltmeister, demonstriert das Tragen einer FFP2-Schutzmaske, aufgenommen am 18.01.2021

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Ein anderes Problem: Man kennt sich. Manchmal treffen sich Kunden zufällig im Laden. Ich stoße dann dazu, mache sie auf die Regeln aufmerksam und sie sind sauer auf mich. "Wir kennen uns doch schon so lange", kommt dann. Das ist schwierig. Ich habe mir das ja auch nicht ausgesucht, im Gegenteil. Ich sehe jeden Tag tausend Menschen und muss mich daher privat extrem einschränken, weil ich meine Familie keinem Risiko aussetzen möchte.

Der Großteil der Kunden hält sich an die Regeln. Es sind immer einzelne, die es nicht tun und einem den ganzen Tag versauen. Man muss Strategien finden, um damit klar zu kommen, anders ist es nicht zu ertragen.

Es kostet viel Energie und Nerven, positiv zu bleiben. Aber wenn es klappt, steigt auch die Laune bei den Kunden. Dann merken wir, dass es ja doch noch schöne Momente gibt, obwohl sonst alles ätzend ist.

Ute, 58, Münsterland, Nordrhein-Westfalen

Natürlich gehen wir alle auf dem Zahnfleisch. Die Arbeitsbelastung ist viel höher als noch vor einem Jahr. Vor allem die seelische Belastung ist hoch, wir sind permanent angespannt, haben Sorge, uns das Virus einzufangen und an unsere Familien weiterzugeben. Einige Kolleginnen haben Schlafstörungen. Im ersten Shutdown wusste niemand, was auf die Gesellschaft zukommt. Die Leute waren diszipliniert und haben sich an die Regeln gehalten. Viele haben sich bei uns bedankt, das ging runter wie Öl.

Heute regen sie sich auf, wenn sie zwei Minuten warten müssen, bis ihre Waren auf das Band dürfen. Wir haben auch nur zwei Hände, was sollen wir denn machen?

Inzwischen ist unser "Non-Food"-Bereich zur Shopping-Destination geworden, weil der Einzelhandel größtenteils geschlossen ist. Es kann doch nicht sein, dass die Leute in ihrer Freizeit die SB-Warenhäuser stürmen und Fernseher vergleichen? Wieso gehen sie bei Langeweile nicht spazieren? Der Umsatz ist doch nicht das Wichtigste.

18.01.2021, Bayern, Neubiberg: Eine Frau trägt bei ihrem Einkauf in einem Supermarkt eine FFP2-Schutzmaske.
Die meisten Kunden und Kundinnen im Supermarkt halten sich an die Corona-Regeln, berichten die Kassierer*innen.
Quelle: dpa

Die Kunden sollen bei uns einkaufen, davon leben wir ja, aber etwas mehr Verständnis wäre schön. Ich mache mir große Sorgen um die Belegschaft. Man hat Angst - und gegen Angst kommt man schlecht an.

Volker, 61, Eckersweiler, Rheinland-Pfalz

Das Oster- und Weihnachtsgeschäft war sehr heftig. Wenn es um Lebensmittel geht, sind den Kunden die Abstandsregeln völlig egal. Wenn jeder auf den anderen achten würde, müssten wir uns keine Sorgen machen. Aber der Egoismus ist so groß. Das sage ich, obwohl wir ein Familienunternehmen sind und persönliche Beziehungen zu vielen Kunden und Kundinnen haben. Ich arbeite seit 39 Jahren hier.

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Anfang der Woche sind mir viele junge Menschen begegnet, die gar nicht mitbekommen haben, dass in Supermärkten jetzt medizinische Masken getragen werden müssen. Insgesamt wünsche ich mir eine klare Linie, bei den verschiedenen Regeln blickt niemand mehr durch.

Man merkt vielen Menschen eine riesige Anspannung und Gereiztheit an. Die Mehrzahl hat die Nase voll, der Zustand ist Routine geworden.

Normalerweise drehe ich nach einem Arbeitstag gern noch eine Runde durch den Markt und gehe selbst einkaufen. Für mich bedeutete das immer Entspannung - bis jetzt. Mir fehlt die Spontanität an allen Ecken und Enden, das ist das Belastende. Es gibt keine Perspektive.

Tommy, 29, Lunzenau, Sachsen

Im Frühjahr waren wir Alltagshelden - heute müssen wir uns oftmals gegenüber Kunden rechtfertigen. Normale Diskussionen wären okay, aber zum Teil geht dies deutlich darüber hinaus. Am Anfang war Corona für uns fast spannend, eine nie da gewesene Herausforderung, die es zu meistern galt. Da wurden Maßnahmen zum Infektionsschutz ganz anders mitgetragen und umgesetzt, als es jetzt der Fall ist.

Gerade um den zweiten Shutdown ist eine Müdigkeit entstanden, das Thema spaltet die Gemüter - auch Kollegen. Entweder man macht alles mit, was die Regierung beschließt oder man ist ein Verschwörungstheoretiker, wenn man einzelne Maßnahmen hinterfragt. Aber es gibt mehr als schwarz und weiß.

Wir kriegen den Frust darüber ab, dass zum Beispiel die Novemberhilfen schleppend oder gar nicht ausgezahlt werden, oder dass die Corona-Maßnahmen schlecht kommuniziert werden und die Bevölkerung nicht einbezogen wird.

Wir machen nur unseren Job, aber die Leute tun so, als hätten wir uns die Maßnahmen ausgedacht. Gerade in Sachsen gibt es viele Einschränkungen, z.B. Ausgangssperren, fast nichts ist mehr erlaubt. Wenn die Leute dann einen Nachbarn im Supermarkt treffen, wird ein Kaffeekränzchen gehalten und wir müssen sie dabei stören, was dann zu weiterem Unmut führt.

Teile Sachsens gelten seit Wochen als Corona-Hotspots, Inzidenzwerte zum Teil über 500. Kontrollen der Maskenpflicht, Polizeistreife in den Grenzregionen. Pendler müssen sich Schnelltests unterziehen. Langsam scheinen die Infektionszahlen zu sinken.

Beitragslänge:
4 min
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Es gibt aber auch Kunden, gerade während des ersten Shutdowns, die sich bei uns bedanken. Sie bringen Präsentkörbe für das Kollegium vorbei oder ein Päckchen Kaffee - manchmal ist es auch ein Lächeln, das trotz Maske hängen bleibt und motiviert.

Der Lebensmitteleinzelhandel generiert im Moment sehr viel mehr Umsatz, viele von uns sind seit Monaten an der Belastungsgrenze. Doch wir unterstützen uns gegenseitig. Das schweißt zusammen. Das ist das Positive an der Krise: Aus Zusammenhalt kann etwas Schönes wachsen.

* Name von der Redaktion geändert

Zu sehen ist ein Corona-Virus mit den erkennbaren Spike-Proteinen.

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