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Interview

Papstreise in den Irak - Mission Versöhnung und Geschwisterlichkeit

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Der Papst reist ins Ausland: erstmals seit der Pandemie, erstmals in den Irak. Pater Nikodemus Schnabel über die Bedeutung der Reise und die Mitschuld des Westens am Chaos im Land.

Im Jahr 2000 wurde ein Besuch von Johannes Paul II. im Irak von Saddam Hussein abgesagt. Heute ist Papst Franziskus als erstes katholisches Oberhaupt in Bagdad gelandet.

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ZDFheute: Schon Papst Johannes Paul II. hatte eine Reise in den Irak geplant, wegen des Konflikts mit Saddam Hussein wurde daraus damals nichts. Weshalb ist es Franziskus mit Blick auf die jahrelange militärische Konfrontation mit den USA und dem Terror des IS ein besonderes Anliegen?

Pater Nikodemus Schnabel: Ich glaube, wir haben das im Westen gerne verdrängt: dass dieser ganze Konflikt ja nicht etwas Hausgemachtes ist, sondern wir im Westen haben eine ganz große, massive Mitschuld.

Man erinnert sich: Gerade aus den USA kam ja eine Kreuzfahrer-Rhetorik, den Irak zu befreien. Da seien Chemiewaffen gelagert, was sich ja alles als nicht wahr entpuppt hat. Und das haben die Iraker bis heute nicht vergessen.

Das heißt, der Westen mit dieser Kreuzfahrer-Sprache hat durchaus dem Christentum einen sehr unguten Geschmack gegeben. Und man schaut kritisch auf den Westen und das Chaos, in das der Irak gestürzt ist - auch mit dem sogenannten "Islamischen Staat". Da hat der Westen massive Anteile. Und Franziskus ist - man kann sagen - der westliche Christ schlechthin als Papst von Rom, als Bischof von Rom bringt er Versöhnung.

Ich glaube, das ist auch die ganz große Überschrift dieser Reise - dass Papst Franziskus diesem gebeutelten, geschlagenen Land Versöhnung bringen und auch irgendwo vielleicht zeigen will: Wir im Westen können auch anders, als nur mit Waffen zu euch zu kommen.

ZDFheute: Welche Wirkung wird das Treffen mit dem Schiiten-Führer Großajatollah al-Sistani in Najaf entfalten? Was darf man davon erwarten?

Schnabel: Ich glaube, das wird ein ganz kostbarer Punkt dieser Reise, das ist ja ein großes Thema des Pontifikats von Franziskus. Wir erinnern uns, er war in Abu Dhabi und hat dort mit einer der ganz großen Gestalten des sunnitischen Islam, mit dem Großimam al-Tayyib von der al-Azhar Universität in Kairo, das Dokument der Geschwisterlichkeit unterzeichnet.

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von Jürgen Erbacher

Seine jüngste Enzyklika Fratelli Tutti ist diese Geschwisterlichkeit der gesamten Menschheitsfamilie, wo gerade der Dialog mit dem Islam eine ganz, ganz große Rolle spielt. Und die Schia - zehn bis 15 Prozent der Muslime weltweit sind Schiiten - bekommen jetzt auch dieses geschwisterliche Angebot dieses Dialogs, diese ausgestreckte Hand von Papst Franziskus.

Großajatollah al-Sistani ist noch älter als Papst Franziskus, seine ehrwürdige Figur ist hoch anerkannt im Irak. Er ist jemand, der für Frieden steht. Und ich glaube, wenn die beiden Männer sich begegnen, das strahlt ganz konkret Versöhnung, Frieden und Geschwisterlichkeit aus.

ZDFheute: Also man spürt das auch in den Signalen, die jetzt aus dem Irak gesendet werden: eher eine Willkommens-Atmosphäre als eine ablehnende Haltung?

Schnabel: Ich würde sagen, die Reise ist eine total schöne Reise. Das klingt jetzt ein bisschen komisch, weil viele denken: Ja, Gott, die Reise, Krieg, Terror, Corona. Aber Papst Franziskus trifft ja eigentlich auf Menschen mit geöffneten Armen und geöffneten Herzen.

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Egal, wen er treffen wird: Alle seine Gesprächspartner sind dankbar, dass er kommt, weil er eigentlich der Welt sagt: Ihr seid gerade so mit der Pandemie beschäftigt, aber es gibt da noch andere Themen - es gibt auch andere Regionen der Welt als immer nur Europa, USA, China, wo wir vielleicht gerne hinschauen. Auf den Irak schauen wir schon lange nicht mehr. Wenn da nicht wirklich pro Tag Hunderte sterben, ist es keine Meldung mehr wert.

Und der Papst macht klar: Ich habe euch nicht vergessen in dieser uralten Kulturregion. Und ich weiß, auch wir im Westen haben uns versündigt gegen euch, durch die Politik der letzten Jahre, wie wir euch behandelt haben.

Und das ist auch eine Verneigung vor dieser wirklich großartigen Kultur. Und ich glaube auch gerade uns Europäern tut es auch gut, mit Demut auf diese uralte Kultur zu schauen - die, die sie bis heute bewahren.

ZDFheute: Und ist es eine Möglichkeit, eine Brücke zu bauen zwischen Christen und Moslems in einer Zeit, in der es so starke Verhärtungen gibt?

Schnabel: Ich finde, das ist jetzt der große Sprung - die große, neue Öffnung dieses ökumenischen Herzens von Papst Franziskus, der sagt: Das Christum hat auch nichteuropäische Wurzeln, eben das orientalische Christentum - und dieses Christentum ist unberührt vom Römischen Reich. Das hat nichts mit dem Mittelmeerraum zu tun. Das ist wirklich ein ganz eigenes Christentum im Irak.

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Es hat sehr starke poetische Züge, lyrische Züge. Etwa Ephraim, der Syrer: Ein großer Name, er hat vor allem Lieder und Hymnen geschrieben. Das ist eine ganz andere Form, vom Glauben zu sprechen. Und das findet man besonders auch im Islam wieder. Das heißt, wenn der Papst jetzt auch bewusst diese Christen besucht, und das sind ja Katholiken, heißt das: Die gehören zu ihm.

Für mich persönlich als Ostkirchenkundler wird der Samstagabend ein Highlight sein. Wenn der Papst in Bagdad zum ersten Mal - das hat noch nie einer seiner Vorgänger vor ihm getan - im caldäischen Ritus, also im ostsyrischen Ritus Eucharistie feiern wird. Das ist ein ganz starkes Zeichen.

Er wird also in einer Liturgie feiern, die außereuropäisch entstanden ist, die ihren Kulturraum im Zweistromland und Zentralasien hat. Und ich glaube, das ist für Europäer nochmal ein Punkt, etwas demütig zu werden. Wir denken immer, die Kultur der Welt, das ist Athen, Rom, Jerusalem. Dabei geht es noch viel weiter östlich: Bagdad, Ur, Erbil, Kara Kosch und so weiter. Und ich glaube, wenn wir dieses östliche Christentum ernster nehmen, verstehen wir den Islam auch besser.

Das Interview führte Andreas Postel. Andreas Postel leitet das ZDF-Studio in Rom.

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