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FAQ

Artikel zu Infektiosität - Was ist dran an der Kritik am PCR-Test?

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Wieder gibt es eine Debatte um die Zuverlässigkeit von PCR-Tests. Anlass ist ein Fachartikel, der kritisiert: Die Test würden nichts zur Infektiosität sagen. Eine Einordnung.

Bayern, Kirchenlamitz: Die Utensilien für einen Gurgeltest stehen auf einem Tisch.
Utensilien für einen Gurgeltest: Dieser wird mit PCR ausgewertet.
Quelle: dpa

Wie aussagekräftig ist ein PCR-Test? Diese Frage wirft eine Veröffentlichung der Universität Duisburg Essen auf, die aktuell auch unter Corona-Gegnern viel geteilt wird. Ihr Erstautor ist Andreas Stang, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikums Essen.

Sein Artikel im "Journal of Infection" kommt zu dem Schluss, dass mehr als die Hälfte der Personen mit positiven PCR-Testergebnissen wahrscheinlich nicht infektiös waren. So fordert Stang:

Die am Ende errechnete Zahl von Sars-CoV-2-positiv Getesteten sollte daher nicht als Grundlage für Pandemiebekämpfungsmaßnahmen wie Quarantäne, Isolation oder Lockdown benutzt werden.
Andreas Stang, Uniklink Essen

Was ist dran an der Kritik am PCR-Test? Und was lässt der Artikel dabei außer Acht? Ein Überblick.

Der PCR-Test gilt als bislang zuverlässigstes Corona-Testverfahren. Experten schätzen seine Zuverlässigkeit auf nahezu 100 Prozent. So funktioniert der Test.

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Was hat die Forschergruppe um Andreas Stang untersucht?

Zunächst einmal ist die Veröffentlichung keine Studie, sondern ein Brief an den Herausgeber des Journals. Der Artikel bezieht sich aber auf eine Studie, in der Forschende von März bis Dezember 2020 Daten von über 160.000 PCR-Getesteten aus Münster ausgewertet haben.

Bei den positiven Fällen haben sie sich den sogenannten Ct-Wert angeguckt, der Auskunft darüber gibt, wie hoch ihre Viruslast ist. Je höher der Ct-Wert ist, desto niedriger die Wahrscheinlichkeit, dass jemand infektiös ist.

Liegt der Ct-Wert bei positiv Getesteten bei 25 oder höher, geht man derzeit davon aus, dass diese nicht mehr ansteckend sind, weil die Viruslast zu gering ist.
Artikel im "Journal of Infection"

Dabei kamen die Forschenden zu folgenden Ergebnissen:

  • Nur 40 Prozent der positiven Tests wiesen Ct-Werte unter dem Schwellenwert von 25 auf, der eine Ansteckungswahrscheinlichkeit der Person anzeigt.
  • Asymptomatische Personen mit positiven PCR-Testergebnissen haben höhere Ct-Werte und eine geringere Wahrscheinlichkeit, infektiös zu sein, als symptomatische Personen mit positiven Ergebnissen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen die Forschenden?

"Ein positiver RT-PCR-Test allein ist nach unserer Studie kein hinreichender Beweis dafür, dass Getestete das Coronavirus auf Mitmenschen auch übertragen können", erklärt Andreas Stang.

Anstatt allein auf die Zahl der Neuinfektionen zu schauen, die auf den PCR-Tests fußt, sollten andere Zahlen herangezogen werden, um die Pandemielage zu bestimmen. Aussagekräftiger seien "verlässliche Angaben zur Intensivbetten-Belegung sowie zur Mortalität", so Stang.

Zudem schlussfolgern die Forschenden, dass der Ct-Wert bei den Testergebnissen künftig stärker miteinbezogen werden sollte.

Auch das Abfragen von Covid-19-Symptomen bei Getesteten würde helfen, die Ergebnisse von RT-PCR-Tests besser bewerten zu können.
Andreas Stang, Uniklink Essen

Beim Thema Corona-Tests wird leicht einiges durcheinandergebracht. Schnelltest oder PCR? Ein Überblick über die derzeit verfügbaren Testverfahren.

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Sind die Erkenntnisse zu den PCR-Tests neu?

"Es ist nicht neu, dass die PCR keine Aussage über die Infektiosität macht. Im Gegenteil: Das wurde von Anfang an so kommuniziert, weil jeder, der PCR-Diagnostik macht, das weiß. Und zwar unabhängig von SARS-CoV-2", erklärt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer ZDFheute.

Ähnlich sieht es sein Gießener Kollege, der Virologe Friedemann Weber. "Was offenbar schwierig zu kommunizieren ist, ist, dass eine PCR immer eine Momentaufnahme darstellt", erklärt er und gibt dabei zu bedenken:

Woher soll man denn wissen, ob die niedrige Viruslast (hoher Ct-Wert) sich nicht einige Zeit später hin zu einer hohen infektiösen Viruslast entwickelt? Das Virus, das man sich eingefangen hat, muss sich ja erst mal vermehren bis man ansteckend wird. 
Friedemann Weber, Uni Gießen

"Wir müssten eigentlich bei den positiven PCR-Tests versuchen, mitzuerfassen, wo könnte es passiert sein", so Prof. Gerd Antes, Medizinstatistiker, zu den fehlenden Pandemie-Daten.

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Wie sind die Forderungen von Stang einzuschätzen?

Die Forderung, den Fokus nicht allein auf die Zahl der Neuinfektionen zu richten, ist nicht neu. Zuletzt erklärte auch der Baseler Virologe Richard Neher:

Ein Fokus auf tagesaktuelle Inzidenzen macht, so wichtig diese Kennzahl im Moment noch ist, vermutlich bald keinen großen Sinn mehr.
Richard Neher, Uni Basel

Zudem wäre es Expert*innen zufolge natürlich wünschenswert, den Ct-Wert beim Test immer mitangeben zu können. Allerdings müsse dafür ein einheitlicher Grenzwert und vor allem eine Standardisierung der Testung in den Laboren etabliert werden, um die Werte zu vergleichen, sagt Martin Stürmer. Zudem könne es passieren, dass der Abstrich nicht gut gemacht worden sei und das den Ct-Wert verfälsche.

Darauf muss man sich eigentlich auch beziehen, wenn man Ct-Werte und Infektiösität bewerten möchte. Es ist also noch einiges an Standardisierung notwendig für eine optimale Nutzung des Ct-Wertes als Marker in der Pandemie.
Martin Stürmer, IMD Labor Frankfurt

Friedemann Weber gibt zudem zu bedenken, dass eine Wiederholung der PCR-Test sinnvoll wäre, weil sich die Infektiosität im Laufe der Infektion verändern kann.

Nur wird dann alles doppelt teuer und mindestens doppelt aufwändig. Angesichts des momentanen Testaufkommens halte ich eine breite Anwendung der Verlaufstestung für wenig realistisch.
Friedemann Weber, Uni Gießen

Trotz allem halten Weber und Stürmer an der Bedeutung der PCR-Tests fest. Sie seien das sensitivste Mittel, "um möglichst viele Infizierte (und potenziell Ansteckende) zu identifizieren", so Weber. Und Stürmer fügt hinzu: "Die PCR kann und muss weiterhin der Goldstandard sein, aktuell gibt es keinen besseren Test."

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