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Pflegenotstand durch Corona - Warnung vor "Flucht von der Bettkante"

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Die Corona-Pandemie hat den Pflegenotstand in Deutschland verschärft. Experten haben Sorge vor einer "Massenflucht" von Arbeitskräften und fordern eine Pflegesystemreform.

Eine Pflegekraft am 22.01.2021 in der Intensivstation der Universitätsmedizin Rostock
Durch Corona haben sich die Belastungen für Pflegekräfte noch mal verschärft. Archivbild.
Quelle: dpa

Stefan Welbers steckt viel Herzblut in seinen Beruf. Er leitet das Seniorenzentrum "Gute Hoffnung" in Oberhausen und vertritt 26 Altenheime im Corona-Krisenstab der Stadt. Der 55-Jährige ist besorgt über die absehbaren Folgen der Pandemie: "Ich fürchte, dass wir einen starken Weggang von Pflegefachkräften sehen werden aufgrund der vielfältigen physischen und psychischen Belastungen in dem Job."

Es gibt viele, die sich in der Krise noch nach Kräften zusammenreißen und durchhalten, die aber eigentlich nur noch wegflüchten wollen von der Bettkante. Die schaffen es nicht mehr.
Stefan Welbers, Leiter eines Seniorenzentrums

Diese Eindrücke teilt Welbers mit vielen anderen Pflegeexperten: Sie erwarten einen stark wachsenden Personalmangel. Bereits heute fehlen circa 45.000 Fachkräfte in der Kranken- und Altenpflege.

Fachkräfte fordern solide Finanzierung der Pflege

Tenor der Experten: Die Krise der Pflege wird sich weiter vertiefen. Von der Politik fordern Fachkräfte deshalb dringend eine Reform des Pflegesystems.

Vor allem geht es dabei um einen Personalschlüssel, der sich am tatsächlichen Pflegebedarf orientiert und um eine solide Finanzierung des Pflegesystems, das auch in der Breite deutlich bessere Einkommen für die Arbeitskräfte ermöglichen würde.

Fast ein Drittel der Pflegekräfte denkt aktuell über den Berufsausstieg, kurz "Pflexit", nach. Vier Pflegekräfte erzählen, was ihren Alltag so schwierig macht.

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2 min
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Pflegerealität versus Hochglanzprospekt

Im Gespräch mit ZDFheute sprechen Leiter von Alten- und Pflegeheimen von "systemimmanenten Problemen", die dringend behoben werden müssten. Stefan Welbers bringt es deutlich auf den Punkt: "Wir bekommen durch die Pflegekasse 50 Prozent Fachkraft und damit Qualität bezahlt, es gibt aber 100 Prozent Qualitätserwartung an uns. Das kann nicht zusammengehen."

Wir versuchen hier fünf Sterne zu bieten und sind sehr zufrieden, wenn wir vier erreichen. Aber sieben Sterne, wie es die Pflegekassen in ihren Hochglanzbroschüren anpreisen, das geht einfach nicht.
Stefan Welbers, Leiter eines Seniorenzentrums

"Der Kollege hat 100-prozentig Recht", sagt ein Altenheimleiter aus Baden-Württemberg, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Er kommt zu dem Fazit: "Das aktuelle System ist nicht schlüssig, so kommen wir auf Dauer nicht weiter."

Mindestlohn in der Pflege reicht nicht aus

Viel zu lange habe die Politik durch "Untätigkeit" eine Abwärtsspirale befördert, konstatiert der Pflegeexperte Hanno Heil in einem aktuellen Aufsatz.

Der nach langer Diskussion eingeführte Mindestlohn reiche nicht aus, um gerechte Löhne in der Branche schaffen. Heil fordert: "Die Politik muss sich dazu durchringen, eine deutlichere ethische Rahmung dieses Marktes zu setzen."

Die Corona-Krise hat die Frage nach der Wertschätzung von Pflegerinnen und Pflegern wieder aufgeworfen. Was hat sich seither getan?

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1 min
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"Horrorheim" statt Seniorenresidenz

Ohne diesen Rahmen und konsequente Kontrollen, droht der Pflegenotstand zum flächendeckenden Missstand zu werden. Welche dramatischen Folgen daraus erwachsen können, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Oberbayern.

Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) zufolge sind Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenresidenz Schliersee offenbar jahrelang vernachlässigt worden. Der BR spricht von einem "Horrorheim". Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzungsdelikten in 88 Fällen und prüft 17 Todesfälle.

Pflege-Missstände als Armutszeugnis für Gesellschaft

Laut Ex-Manager Siro Bona habe der italienische Heimbetreiber Sereni Orizzonti (zu Deutsch: Heitere Horizonte) extrem gespart. Bona sagt in einem BR-Beitrag: "Du betreust mit nicht qualifiziertem Personal, du bietest weniger Essen an, du wechselst die Bettwäsche seltener. So läuft das." Das Unternehmen weist die zahlreichen Vorwürfe zurück und betont, dass die Heimaufsicht die Residenz bislang nicht geschlossen habe.

Schwerste Missstände in der Pflege sind furchtbar für die Betroffenen und ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Jenen, die lieber wegschauen, ruft Stefan Welbers zu: "Wir sollten bedenken, dass auch wir mal eine anständige Pflege für uns möchten - da müssen sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessern."

Kassiererin mit Mundschutz an der Supermarktkasse

Systemrelevante Berufe - Wie es den Corona-Helden wirklich geht 

Für systemrelevante Berufe hat sich durchaus einiges verbessert, sagt Professorin Klammer gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro. Trotzdem liege strukturell noch vieles im Argen.

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise

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