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Interview

RS-Virus bei Kindern - Notarzt: "Wie ein Tsunami"

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In einer Münchner Klinik sind die Intensivbetten belegt. Schwerkranke Kinder können nicht behandelt werden. Ein Kinderarzt spricht über die Situation vor Ort.

Universitätsklinik Ulm - Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.
Viele Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin sind überlastet.
Quelle: Christoph Schmidt/dpa

ZDFheute: Herr Hoffmann, was beschäftigt Sie als Intensivmediziner für Kinder und als Vertreter der DIVI in diesen Tagen?

Dr. Florian Hoffmann: Von Seiten der DIVI beschäftigen uns vor allem die explodierenden Corona-Fallzahlen bei den Erwachsenen und die Belegung der Intensivstationen. Als Pädiater, innerhalb der DIVI, beschäftigt mich vor allem die RSV-Pandemie, die Atemwegssinfektionen bei Kleinkindern hervorruft. Wir haben aktuell wirklich sehr, sehr viele betroffene Kleinkinder und in ganz Deutschland sind in den Kinderkliniken kaum noch freie Betten für die Kinder zu finden.

ZDFheute: Erklären sie uns bitte, was RSV genau ist und mit welchen Symptomen Neugeborene und Kleinkinder zu kämpfen haben.

Hoffmann: Das RS-Virus ist ein Atemwegsvirus, das die kleinsten Bronchien der Lungen befällt und zu einer Infektion führt. Die Kinder fallen durch deutliche Atemnot auf. Die Sauerstoffsättigung geht bei den betroffenen Kindern deutlich nach unten, weshalb einige schließlich beatmet werden müssen.

Die Welle nimmt immer mehr Fahrt auf, rollt wie ein Tsunami über unsere Klinken hinweg. Man vermutet, dass die Kinder in diesem Jahr schwerer erkranken, da sie durch unsere Coronamaßnahmen lange vor Virusinfektionen geschützt wurden und das Immunsystem der Babys und Kleinkinder so nicht trainiert wurden.

[Warum sich Kinder gerade stark erkälten: Immunabwehr fehlt Training.]

Durch die Pandemie konnten Kinder keinen eigenen Immunschutz aufbauen. Nun steigt die Zahl an RSV-Infektionen, eine schwere Atemwegserkrankung.

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ZDFheute: Könnten Sie uns ein Beispiel nennen, einen ihrer jüngsten Versuche einem Kind ein Bett und damit eine medizinische Versorgung in einem Krankenhaus zu organisieren?

Hoffmann: Wenn ich die letzten zwei Wochen Revue passieren lasse, sah die Lage in etwa so aus: In jedem der sieben Behandlungszimmer hatten wir einen Notfall. Die Kinder lagen zehn bis zwölf Stunden in der Notaufnahme. Wir mussten sie dann mit dem Hubschrauber weit weg transportieren, weil wir selbst und auch die umliegenden Kliniken einfach kein Bett mit Personal frei hatten. Das sind enorme Situationen, die zu schweren Eskalationen mit den Eltern führen. Dinge, die wir ertragen müssen, aber es hat sich nichts geändert.

Wir fahren Vollgas in die Sackgasse, weil das Pflegepersonal überall seit Jahren fehlt.
Dr. Florian Hoffmann, Kindernotfallmediziner

ZDFheute: Ist es dem Covid-Virus geschuldet oder ist es ein grundsätzliches Problem in der Pflege?

Hoffmann: Es ist ein grundsätzliches Problem. Und die Situation hat sich weiter über die letzten zehn Jahre kontinuierlich verschlechtert. Wir haben immer gemahnt, dass in der Kindermedizin etwas nicht richtig läuft, dass die Kleinsten keine Lobby haben.

Es ist wenig passiert, was uns geholfen hat. Im Gegenteil: Die spezifische Kinderkrankenpflege ist als Beruf abgeschafft worden. Es gibt jetzt nur noch die generalisierte Ausbildung zum Krankenpfleger. Es lernen also alle dasselbe und das führt dazu, dass viele, die gerne und explizit in der Kinderkrankenpflege arbeiten würden, diese Ausbildung nicht mehr beginnen.

ZDFheute: Wie könnte diese desolate Situation der Kindermedizin entschärft werden?

Hoffmann: Durch eine bessere Finanzierung der Kindermedizin! Das Abrechnungssystem der Fallpauschalen (DRG) bildet nicht das ab, was wir in den Kliniken an Aufwand haben, um eine gute Kindermedizin an zu bieten.

Wir müssen unseren Kindern die bestmögliche Medizin ermöglichen!
Dr. Florian Hoffmann, Kindernotfallmediziner

ZDFheute: Was fordern sie von der Politik?

Hoffmann: Eine sofortige Verbesserung der Pflege und eine bessere Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten. Für die Kinder fordern wir bessere Intensivtransporte. Ich bin an vielen Abenden und Nächten mit den Patienten gefahren und geflogen, das mache ich wie viele Kollegen in meiner Freizeit.Telemedizin benötigen wir, um im Netzwerk arbeiten zu können. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Das Interview führte ZDF-Reporterin Claudia Vogelmann.

Der Mediziner Christoph Spinner erklärt, warum unser Immunsystem keinen vollen Schutz gegen Atemwegserkrankungen bilden kann und warum nach einer schwachen Grippewelle meist eine starke im nächsten Jahr droht - im Video:

Dr. Christoph Spinner erklärt, warum gerade nach einer schwachen Grippewelle die Gefahr einer starken im folgenden Jahr besonders groß ist.

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