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Interview

Corona-Lage in Russland - "Die Zahlen spiegeln nicht das Ausmaß wider"

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Die Corona-Zahlen in Russland brechen Negativrekorde, vor allem die Todesfälle. Ein Gespräch mit dem Biologen Kuprijanow über falsche Zahlen, Impfskepsis und Maskenverweigerer.

Intensivmediziner kümmert sich um Patienten im Stadtkrankenhaus von Moskau
Corona in Russland: Ein Intensivmediziner kümmert sich um Patienten im Stadtkrankenhaus von Moskau.
Quelle: reuters

ZDFheute: Wie würden Sie die aktuelle Corona-Situation in Russland einschätzen?  

Alexej Kuprijanow: Die Zahlen sind erschreckend, doch sie spiegeln nicht das gesamte Ausmaß des Problems wider. Öffentlich bekannt sind die operativen Kennzahlen zu den Todesfällen, die nicht in allen Regionen sorgfältig erfasst werden. Die Zahlen unserer Statistik sind stark untertrieben. Die aktuellen Zahlen sind drei bis dreieinhalb mal höher. Das heißt: Dass jetzt rund 3.000 Menschen pro Tag sterben, nicht weniger. 

Die echten Sterblichkeitsraten kann man durch die Daten des Standesamtes sehen, doch sie werden immer mit einer Verspätung veröffentlicht. Das Ausmaß der heutigen Situation werden wir also im Dezember sehen, wenn die Daten vom Oktober zugänglich sind. 

ZDFheute: Was sind die Gründe für diese hohe Sterblichkeit? 

Kuprijanow: In Russland hat man nie ernsthaft die Regeln des Lockdowns verfolgt. Das, was bei uns als Lockdown bezeichnet wurde, erinnert nur schwach an das, was in Europa eingeführt wurde. Außerdem haben wir eine sehr niedrige Impfquote. In den Regionen sind es jetzt etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung und das ist nicht genug. Wenn wir ganz genau hingucken, haben wir nicht mit einer neuen Welle zu tun, sondern immer noch mit der Delta-Welle, die seit dem Frühjahr 2021 andauert.  

ZDFheute: Warum ignorieren die Menschen in Russland die Sicherheitsmaßnahmen? 

Kuprijanow: Einer der Hauptfaktoren ist meiner Meinung die archaisch geprägte Männerkultur. Ein sehr ausgeprägter Genderaspekt. Russland ist vom Einfluss des Feminismus sehr weit entfernt, es herrscht immer noch der Kult der starken Männer, die vor nichts Angst haben. Und es ist klar, dass einer der Aspekte dabei die Ablehnung übermäßiger Sorge um die Gesundheit ist. Eine Maske zu tragen ist also in keiner Weise gerechtfertigt für sie. 

ZDF-Korrespondent Christian Semm sieht in Russlands Corona-Rekordständen ein Versagen der Politik: "Die Menschen misstrauen dem russischen Impfstoff". Ob der bevorstehende Lockdown helfe, sei zweifelhaft.

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ZDFheute: Gibt es noch weitere Gründe für die Ablehnung der Maßnahmen und der Impfung? 

Kuprijanow: Die politischen Freiheiten in Russland werden werden stark unterdrückt. Aber gleichzeitig nehmen die Menschen ihre persönliche Freiheit sehr seltsam wahr: Das Tragen einer Maske und die Impfpflicht sind für sie ein Angriff auf diese Freiheit. Das ist ziemlich paradox, weil dieselben Leute sich nicht um die Fragen kümmern, wie man Wahlen wieder unter ihre Kontrolle bringt oder die Macht der Oligarchen und des Präsidenten begrenzt. Aber sie glauben, dass sie ihre kleine Insel der Freiheit verteidigen können, indem sie keine Maske tragen und sich nicht impfen lassen. 

ZDFheute: Wie kommt es dazu, dass sich die Menschen in Russland so verhalten? 

Kuprijanow: Es liegt an der widersprüchlichen Bildungspolitik in Russland. Durch die staatliche Propaganda wurde schon sehr lange die Idee eingeführt, dass das Coronavirus nicht schlimmer ist als eine Grippe sei, es gibt also keinen Grund zur Panik. Es ist wie ein militärischer Appell: Panik ist schädlich, man muss zuerst den Panikmacher erschießen, wie in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs.  

ZDFheute: Warum gibt es so viele Impfgegner in Russland? 

Kuprijanow: Wir hatten eine sehr lange Kampagne, um ausländische Impfstoffe zu diskreditieren, was völlig unverständlich war, da diese Impfstoffe in Russland sowieso nicht erlaubt sind und daher keine Konkurrenz zu Sputnik V sind. Aber das Fernsehen hat viel Zeit investiert, um alle davon zu überzeugen, dass sie die europäischen Impfstoffe ungewöhnlich gesundheitsgefährdend sind. Wir haben eine riesige Schicht von Impfgegnern nicht nur unter normalen Bürger, sondern auch unter Ärzten.  

Das Interview führte Christian Semm, Redakteur im ZDF-Studio Moskau

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