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Interview

Kinder und Jugendliche - Einem Drittel geht es "richtig schlecht"

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Die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen sehen die Corona-Krise als "Brennglas für soziale Ungerechtigkeit". Sie fordern einen Reformruck im Schulwesen.

Schüler im Unterricht während Corona mit Masken auf
Fehlender Unterricht, zu wenig Hilfe zu Hause. Einem Drittel der Schüler*innen geht es nach Ansicht der Bildungsforscher schlecht. (Symbolbild)
Quelle: dpa/Matthias Balk

Die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen untersuchen die Folgen der Corona-Pandemie für Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Ihr Fazit: Es gibt keine "Generation Corona", aber einem Drittel der Kinder und Jugendlichen geht es "richtig schlecht".

ZDFheute: Viele Eltern fragen bang, wie stark ihre Kinder durch die Folgen der Corona-Pandemie geprägt werden. Wie lauten Ihre Befunde?

Bildungsforscher Dieter Dohmen
Bildungsforscher Dieter Dohmen
Quelle: privat

Dieter Dohmen: Die Eltern haben zu Recht Sorgen, wobei ich keine Panik machen will. Wie sehr Kinder beeinträchtigt werden, hängt sehr von den familiären wie schulischen Rahmenbedingungen ab. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder vergleichsweise gut unterstützen können und es gibt Familien, die das aus unterschiedlichsten Gründen nicht können.

Es gibt Schulen und Lehrer, die sich sehr engagieren, bei anderen ist das weniger der Fall. Wir müssen deshalb differenzieren:

Es gibt keine Generation Corona, aber es gibt eine große Gruppe von Kindern und Jugendlichen, um die wir uns Sorgen machen.
Dieter Dohmen

Die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen sehen die Corona-Krise als "Brennglas für soziale Ungerechtigkeit". Sie fordern einen Reformruck im Schulwesen.

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Mann mit kurzen Haaren und Brille.
Klaus Hurrelmann, Jugendforscher
Quelle: dapd

Klaus Hurrelmann: Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas: Sie hat in dramatischer Weise die Lage von zuvor bereits sozial benachteiligten jungen Menschen verschlechtert. Sie fallen zurück, rutschen richtig weg, weil ihnen der Kontakt zur Schule fehlt und sie daheim nicht die Unterstützung bekommen, die sie bräuchten. So wird die Ungleichheit in Bildungsfragen und der Persönlichkeitsentwicklung größer.

Aufgrund der Studien, die wir ausgewertet haben, schätzen wir, dass es rund einem Drittel der Kinder und Jugendlichen richtig schlecht geht.  
Klaus Hurrelmann

ZDFheute: Das sind Millionen junger Menschen. Haben Sie ein Gefühl dafür entwickeln können, wie es der jungen Generation wirklich geht?  

Hurrelmann: Die psychische Belastung betrifft alle, das zeigen die Studien. Als Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener hat man das Gefühl: Ich werde alleingelassen, zurückgeworfen, meine sozialen Beziehungen frieren ein, sind nur noch digital da. Das zieht sich durch alle sozialen Gruppen.

Schülerinnen und Schüler haben nicht das Gefühl, dass sie bei der Politik Priorität haben.

Auf der anderen Seite fühlen sie: Für die Älteren, da wird enorm was gemacht, da fließen die Milliarden, da gibt es Unterstützung von vorne und von hinten, dass die Wirtschaft läuft.   

Die psychischen Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche sind verheerend.

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ZDFheute: Immerhin soll ein bundesweites Nachhilfeprogramm Schülern bald dabei helfen, Lernrückstände auszugleichen.

Hurrelmann: Ja, das ist auch eine wichtige Maßnahme, aber den jungen Leuten ist auch nicht verborgen geblieben, welche Summen dafür aufgewendet werden - und welche Summen zur Stützung der Wirtschaft und einzelner Unternehmen.

Dohmen: Es braucht weitaus mehr als eine Milliarde Euro für Nachhilfe. Ich hoffe sehr auf eine Initialzündung für grundlegende Reformen im Bildungswesen, dass unsere Schulen endlich fit gemacht werden für das 21. Jahrhundert und dass wir auch dafür Sorge tragen, dass es eine übergreifende Zusammenarbeit von Kitas, Schulen und Organisationen wie Sport- oder Musikvereinen und der Kinder- und Jugendhilfe gibt. Das Ganze mit dem Ziel, dass uns insbesondere die jungen Menschen mit schlechterer Ausgangsposition nicht verlorengehen. 

ZDFheute: Sie fordern eine bessere Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen, um das Schulwesen auf Vordermann zu bringen. Sehen Sie Anzeichen der erhofften Initialzündung?

Dohmen: Ob die Politik den Schuss gehört hat? Ich kann den großen Aufbruch bisher nicht erkennen. Aber wann, wenn nicht jetzt?

Wir haben die letzten 20, 25 Jahre – wenn nicht noch mehr – im Bildungssystem massiv verpennt.

Wenn wir nicht höllisch aufpassen, dann läuft Deutschland Gefahr, nicht nur im Bildungswesen von der Weltspitze sukzessive abzurutschen in die Zweitklassigkeit.

Knapp 1.000 Schüler aus über 60 Nationen sind an Gesamtschule am Körnerplatz in Duisburg. Seit Corona musste der Betrieb in den Onlineunterricht wechseln - eine Mammutaufgabe für eine Schule, die kein WLAN hat.

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ZDFheute: Sehen Sie es genauso düster, Herr Hurrelmann?

Hurrelmann: Ja, ich muss das leider in der gleichen Linie ergänzen: Wir hatten vor der Pandemie etwa sechs Prozent Schulabbrecher. Das heißt: überwiegend junge Männer ohne Hauptschulabschluss. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen und wird in Zeiten der Pandemie weiter ansteigen. Das sind Hunderttausende junge Menschen, die auf der Strecke bleiben.

Wer heute keinen Schulabschluss hat, der hat ganz, ganz schlechte Karten. Das Ziel, das vor zehn, 15 Jahren von der Bundeskanzlerin und den Ländern ausgegeben worden ist, nämlich die Zahl der Schulabbrecher zu halbieren, ist nicht erreicht worden.

Die Bildungsrepublik Deutschland, die damals ausgerufen wurde, haben wir bis heute nicht geschafft.

Die Pandemie verschärft die Probleme nun noch einmal sehr deutlich. Die Jugendlichen zahlen einen sehr hohen Preis. Ich vermisse wie Dieter Dohmen einen Ruck im politischen System. Kindern und Jugendlichen fehlt die Lobby.

Das Interview führte Marcel Burkhardt

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