Kinder werden "am meisten drangsaliert", beklagt Jakob Maske vom Berufsverband der Kinderärzte. Maßnahmen wie Tests oder Maskenpflicht müssten sinnvoller eingesetzt werden.
Vor dem Hintergrund rapide steigender Corona-Infektionszahlen vor allem bei Kindern diskutieren Politiker, Lehrer, Mediziner und Schülervertreter über Corona-Maßnahmen an Schulen. Der Berliner Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbands der Kinderärzte, Jakob Maske, fordert im ZDFheute-Interview, Kinder in der Schule weniger durch Testungen und Maskenpflicht zu beeinträchtigen.
ZDFheute: Die Corona-Inzidenz ist bei Schülerinnen und Schülern ohnehin schon besonders hoch – und jetzt nach den Herbstferien drohen in den Schulen noch mehr Corona-Ausbrüche. Sie begrüßen aber den Wegfall der Maskenpflicht, sprechen davon, dass Kinder durch die Tests drangsaliert werden. Warum?
Jakob Maske: Wir müssen das Wohl der Kinder im Auge behalten. Kinder sind immer noch die einzige Gruppe, die so stark beeinträchtigt wird durch Testungen und Maske tragen. Es gibt eigentlich kaum eine andere Gruppe, die zwei bis drei Mal die Woche getestet wird. Oder kennen Sie eine?
ZDFheute: Da gibt es viele Beispiele – Personal in Pflegeheimen oder im Krankenhaus…
Maske: Sollen die oder müssen die? Selbst die Lehrer müssen sich nicht so oft testen lassen! Sie können! Und es wird vielleicht erwartet. Aber bei den Schulkindern heißt es: Sie müssen, drei Mal die Woche. Und deswegen ist es natürlich auch so, dass diese Gruppe die höchsten Inzidenzen zeigt, weil hier die meisten Tests gemacht werden.
Die aktuelle Studie zeigt, dass das Leben unter Corona-Bedingungen an den Nerven von Kindern und Jugendlichen zehrt. Schwere psychische Erkrankungen häufen sich.
ZDFheute: Der große Unterschied: Die sind auch zum größten Teil nicht geimpft.
Maske: Die Fünf- bis Elfjährigen ja. Aber bei den Zwölf- bis Siebzehnjährigen haben wir schon fast 50 Prozent erreicht bei den Impfungen, in einer rasant schnellen Zeit. Und auch andere Gruppen, die sich nicht impfen lassen, werden auch nicht gezwungen, sich drei Mal die Woche zu testen.
ZDFheute: Aber wenn sich Kinder anstecken, kann das zu Infektionsketten führen, die möglicherweise ungeimpfte Eltern oder Großeltern treffen können.
Maske: Aber sollen wir Kinder für Ungeimpfte quälen? Alle Kinder quälen, mit Masken und Tests, nur weil es eine Gruppe von Menschen gibt, die sich nicht impfen lassen will?
ZDFheute: Also Maskenpflicht und Tests an Schulen abschaffen?
Maske: Nein, das ist nicht unser Ansinnen. Wir müssen die Maßnahmen aber sinnvoll einsetzen. Wenn jetzt nach den Herbstferien die Infektionszahlen durch die Decke gehen, dann müssen wir natürlich zurück zur Maskenpflicht.
Psychische Störungen, Adipositas, Spielsucht: Die indirekten Schäden der Corona-Pandemie für Kinder sind dramatisch, sagt Jakob Maske vom Kinderärzte-Verband im ZDF.
ZDFheute: Was wären denn sinnvolle Maßnahmen? Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert zum Beispiel eine bundeseinheitliche Teststrategie an Schulen: Drei Mal die Woche testen.
Maske: Wenn man eine einheitliche Teststrategie fordert, dann muss man die Tests für die Schüler so angenehm wie möglich machen. Und man sollte PCR-Tests verwenden, weil die bereits anschlagen, wenn Kinder schon infiziert sind aber noch nicht ansteckend. Dann kann man positiv getestete Kinder isolieren, ohne alle anderen in Quarantäne schicken zu müssen.
Sinnvoll wären also Pool-Tests mit PCR, die sogenannten "Lolli-Tests". Die sind auch für die Kinder in der Durchführung nicht so unangenehm. Zwei Mal die Woche ist vermutlich sinnvoll. Drei Mal testen wäre sicherer, aber das ist natürlich auch eine Geldfrage. Kinder erkranken immer noch sehr selten schwer und es gibt sehr wenig Komplikationen. Da müssen wir uns überlegen: Welchen Preis wollen wir zahlen für unsere Kinder?
Das Interview führte Oliver Klein
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