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Inzidenz sinkt nur langsam - Was vom schwedischen Sonderweg bleibt

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Die Inzidenz in Deutschland sinkt unter 50, während sie in Schweden zuletzt bei 168 lag. Ist der schwedische Sonderweg gescheitert?

Shopping-Center in Gothenburg, Schweden
Seit einiger Zeit gibt es auch in Schweden weniger Todesfälle - doch die Infektionszahlen sind vergleichsweise hoch.
Quelle: ap

"Slow" steht auf dem Holzschild in dem dunklen Wald im mittelschwedischen "Säffle", nicht weit weg von der Grenze zu Norwegen. Einige wenige Blockhütten und Baumhäuser stehen hier im sogenannten Naturdorf, einem begehrten Urlaubsort für Menschen, die dem Trubel entfliehen wollen. Oder eben auch Corona.

Frische Luft und Einsamkeit suchen Elisabeth Flyman und Åse Bernling, Arbeitskolleginnen bei der Familienberatung der schwedischen Kirche. "Dass wir zwei hier sein können ist toll, hier gibt es keine Pandemie, hier sind wir draußen und alleine, aber fühlen uns sicher", sagt Elisabeth. Die beiden kommen aus Karlstad, einer der größeren Städte in Mittelschweden mit rund 62.000 Einwohnern.

Kaum Corona-Auflagen in Schweden

Dort sieht es eigentlich fast so aus wie vor Corona, sagen sie. Kaum einer trage Maske, wie überall in Schweden sind die Corona-Vorschriften vergleichsweise moderat. Schulen bis zur neunten Klasse und Gymnasien sind genauso geöffnet wie unter Auflagen Restaurants und Geschäfte. Eine Ausgangssperre gibt es in Schweden nicht. Das sieht die Verfassung nicht vor.

Keine Masken, geringe Testkapazität, dafür viele Menschen auf Pisten, in Gondeln und auf Hütten - die Gesundheitsbehörde sah kein Risiko im Winterurlaub.

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Inzidenz in Schweden weiter hoch

Kontaktbeschränkungen gelten nur im öffentlichen Raum, nicht im privaten Bereich - und gerade dort schätzen Experten das Infektionsrisiko als besonders hoch ein.

Elisabeth Flyman und Åse Bernling gehören zu jenen, die den viel beachteten Sonderweg Schwedens in Sachen Corona durchaus kritisch sehen.

In den meisten Ländern Europas sanken die Zahlen im Vergleich wesentlich deutlicher als in Schweden. Die 7-Tage-Inzidenz lag am Mittwoch bei 168, am Pfingstwochenende sogar bei 206 (in Deutschland liegt die aktuelle Inzidenz unter 50). Positiv getestet wurden 1.064.375 Menschen bei einer Einwohnerzahl von 10,2 Millionen. Gestorben sind 14.396 Menschen.

Ist der schwedische Sonderweg gescheitert?

Ob der schwedische Sonderweg gescheitert ist, ist eine schwierige Frage, sagen auch die beiden Frauen, denn es gab ja auch so etwas wie Normalität in den vergangenen Monaten, trotz der schwierigen Lage. Genau das war auch das Ziel von Schwedens oberstem Staatsepidemiologen Anders Tegnell, der am Anfang der Pandemie mit seiner Strategie durchaus Erfolg hatte. Kaum Einschränkungen vor allem für die Wirtschaft, viele wechselten ins Homeoffice, mehr Eigenverantwortung statt strenger Regeln. Und tatsächlich reisten die Leute weniger.

Im Herbst 2020 änderte sich die Lage. Die Todeszahlen stiegen rapide, gerade bei älteren Menschen, das Gesundheitssystem drohte zu kollabieren. Inzwischen sieht es zwar besser aus auf den Intensivstationen, doch das Personal arbeitet nach vielen Monaten am Limit. Stimmen werden laut, Schwerkranke ins Ausland zu bringen.

Schwedens Strategie in der Corona Krise weckte Bewunderung, Respekt und Skepsis, als Gegenbeispiel zum Rest der Welt: Kein Hausarrest, keine Ausgangssperre, kaum Maskenzwang – zunächst jedenfalls.

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Doch Tegnell bleibt bei seinem Kurs - trotz aller Kritik, trotz des Ergebnisses einer Untersuchungskommission, die anprangerte, Alte und Pflegebedürftige nicht genug geschützt zu haben. Tegnell sagte erst neulich, dass man mit Freiwilligkeit in Schweden mehr erreicht habe als mir Restriktionen. Einen harten Lockdown gab es nicht, anders als in den Nachbarländern Dänemark, Finnland und Norwegen, die unter dem Strich bessere Zahlen aufweisen.

Hätte ein härterer Corona-Kurs Leben gerettet?

Seit einiger Zeit gibt es auch in Schweden weniger Todesfälle. Tegnell und seine Behörde sehen darin einen Erfolg der aktuellen Impfkampagne, besonders bei den Risikogruppen. Tatsächlich geht es gut voran mit den Impfungen. 3.556.089 Millionen Schweden, also rund 43,3 Prozent der Bevölkerung bekamen bis Dienstag eine Erstimpfung. 14,8 Prozent sind zum zweiten Mal geimpft.

Und was ist mit der Frage, ob ein anderer, härterer Kurs hätte mehr bewirken können? Viele Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsbereich sehen das so. Bei einem Lockdown gerade in der ersten Welle hätte es wohl deutlich weniger Tote gegeben und auch insgesamt viel weniger Neuinfektionen.

Die beiden Urlauberinnen Elisabeth Flyman und Åse Bernling im Naturdorf im Wald glauben, dass viele Schweden Corona inzwischen einfach verdrängen wollen. Es ist nicht mehr überall das wichtigste Gesprächsthema, sagen sie. Und die meisten freuen sich einfach auf einen hoffentlich besseren Sommer.

Hermann Bernd leitet das ZDF-Studio Kiel. Skandinavien gehört zu seinem Berichtsgebiet.

Auch Kinder leiden unter den Langzeitfolgen von Corona-Erkrankungen. So auch die neunjährige Schwedin Julia, die seitdem sehr eingeschränkt ist.

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