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Corona-Pandemie im Alpenland - Der wirtschaftsfreundliche Kurs der Schweiz

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Laufen lassen so lange es geht: Das ist Devise der Schweiz bei der Pandemie-Bekämpfung. Das Land setzt auf Eigenverantwortung statt klarer Regeln. Doch die Sterberaten sind hoch.

Obwohl die Corona-Infektionszahlen in der Schweiz auf einem hohen Niveau sind, wurde von der Regierung erst spät ein Teil-Lockdown angeordnet. Viele Einwohner halten das Virus für ungefährlich.

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Man spricht nicht gerne über das Coronavirus in den Schweizer Bergen - das ist mein erster Eindruck. Meine Reise beginnt in Schwellbrunn, im Osten des Landes. Das kleine Dorf im Appenzeller Land macht im Oktober Schlagzeilen: Weil ein Brautpaar 200 Gäste zur Hochzeit lädt. Als sich die Infektionen häufen, schweigt das Dorf.

Corona polarisiert in der Schweiz

Warum das so war, will ich wissen, und merke: Viele hier halten Corona für ein Hirngespinst. "Das Ganze stinkt zum Himmel. Die wollen uns hier was aufdrücken, was nicht stimmt", erklärt ein junger Mann.

Ich höre viele solcher Aussagen, aber es gibt auch Menschen, die diese Leugnungs-Haltung ärgert. Ein älterer Mann erzählt mir, dass nach der Hochzeit noch ein Oktoberfest in einem Gasthaus stattgefunden hat:

Es ist schwierig, weil viele Menschen hier denken, Corona geht mich nichts an.
Alfred Sturzenegger

35 Infizierte nach einer Hochzeit in Schwellbrunn

Bei der ersten Welle waren die Zahlen in der deutschen Schweiz niedrig, im Sommer dann sowieso. Das hat den Leichtsinn befördert, gibt der Gesundheitsdirektor des Kantons Yves Noël Balmer zu. Erst als er persönlich auf den Tisch haut und das Hochzeitspaar auffordert, die Gästeliste offenzulegen, startet in Schwellbrunn das Contact-Tracing.

In Folge der Feierlichkeiten haben sich mindestens 35 Menschen infiziert, zwei Dorfbewohner sterben. Das war ein trauriger Weckruf, sagt der Gesundheitsdirektor. Die Zahlen im ganzen Kanton explodieren im Oktober, die 7-Tage-Inzidenz liegt zeitweise über 1.000. Trotzdem: Gastronomie, Geschäfte - alles bleibt offen.

Das Motto der Schweiz: Laufen lassen - solange es geht

Laufen lassen so lange es geht. Die Devise des Dorfes scheint die Devise der ganzen Schweiz. Nicht der Bund, sondern die 26 Kantone entscheiden. Beim ersten Lockdown im Frühjahr hat der Bund die Kompetenzen an sich gezogen, das halten im Nachhinein viele für einen Fehler.

Jetzt, trotz doppelt so hoher Infektionsraten wie in Deutschland, jetzt setzt man vor allem auf Eigenverantwortung.

In der Schweiz sind Krankenhäuser am Limit. Trotzdem setzt die Regierung auf Eigenverantwortung der Eidgenossen und Minimalmaßnahmen. Kann das gut gehen?

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Streit um Skisaison

Als Kanzlerin Merkel fordert, die Skigebiete sollten zu bleiben, kommt sofort die Schweizer Replik: "Die Skigebiete können offen haben. Das war immer das Ziel, das wir verfolgt haben," sagt Gesundheitsminister Berset.

Wir müssen an die Wirtschaft denken, das höre ich allerorten, und der Finanzminister eines der reichsten Länder der Welt sagt unumwunden, man müsse risikobasierte Maßnahmen treffen. Denn:

Wir können uns keinen zweiten Lockdown leisten, dafür haben wir das Geld nicht.
Ueli Maurer

Schweizer Kliniken schlagen Alarm

In der internationalen Metropole Genf erreichten die Zahlen im November europäische Spitzenwerte. Aber erst im letzten Moment reagieren West-Kantone mit einem Teil-Lockdown. Die Intensivstation an der Genfer Uni-Klinik war am Limit. Mitte November sind 20 Prozent des Personals an Covid erkrankt. Soldaten springen ein.

Ich spreche mit dem Leiter der Notfallmedizin an der Uniklinik, mit Martin Tramèr. Offene Kritik ist in der Schweiz selten, aber der wirtschaftsfreundliche Kurs seines Landes ärgert den Arzt. "Es gibt Politiker, die die Wirtschaft vertreten, und da hätte man schon ein bisschen Lust gehabt, die durchs Spital zu führen, damit die sehen, was hier eigentlich abläuft", sagt er - und wird für Schweizer Verhältnisse schon ziemlich deutlich.

Die Schweiz sei ein reiches Land und es stelle sich die Frage:

Was ist wichtiger, das Wohlbefinden der Patienten oder die Wirtschaft?
Martin Tramèr

Bevölkerung unterstützt Schweizer Kurs - noch

Tramèr zeigt mir den sogenannten Gebrechlichkeitsindex, Regeln für die Triage. In der Schweiz entscheidet der Gesundheitszustand nicht das Alter darüber, wer einen Platz auf der Intensivstation bekommt und wer nicht.

Meine Reise endet in Zürich. Restaurants, Bars, Kinos, Weihnachtsmärkte alles geöffnet und gefüllt. Obwohl die Infektionszahlen so hoch liegen, wie in deutschen Hotspots. Viele finden den liberalen Kurs der Regierung gut. Aber ich spüre auch leisen Widerstand.

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