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Corona-Mutanten : Sequenzierung: Hat Deutschland geschlafen?

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Das Coronavirus hat mit der südafrikanischen und britischen Mutante einen "Raketenantrieb" bekommen, sagen Virologen. Weltweit ist es wohl schon mehr als 3.000 Mal mutiert.

Schweiz, Bellinzona: Ein COBAS-Analysegeraet zur Erkennung von Mutationen des neuartigen  Coronavirus bei PCR-Tests in einem Forschungsinstitut für Mikrobiologie.
Ein Analysegerät zur Erkennung von Mutationen des Coronavirus bei PCR-Tests in einem Forschungsinstitut für Mikrobiologie.
Quelle: dpa

So viele Veränderungen zählt jedenfalls der Forscher Sebastian Maurer-Stroh, der in Singapur das staatliche Bioinformatik-Institut leitet. Singapur ist einer der Vorreiter bei konsequenter Sequenzierung der SARS-CoV-2-Genome, der Erforschung neuer Virus-Varianten durch das Studium ihrer Baupläne.

Viren mutieren permanent, und nur wer ihre wechselnde Angriffsstrategie kennt, kann ihnen gezielt etwas entgegensetzen. Vor allem, wenn der Erreger - wie bei der in Großbritannien entdeckten Variante B.1.1.7 - plötzlich um ein Drittel ansteckender wird.

Mutationen im Sommer 2020 kaum im Blick

Das Singapurer Bioinformatik-Institut zeigt in einer Grafik die Rolle von Mutanten bei der globalen Ausbreitung. Manche Mutanten sorgen für ein Hochschnellen der Infektionszahlen; oft fällt die Kurve aber auch schnell wieder in sich zusammen, weil neue Mutationen ihre Vorgänger verdrängen.

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So könnte es auch bei der "europäischen Ferienmutation" A222V gewesen sein, die nach dem vergangenen Sommer die Infektionszahlen in Deutschland mit hochgetrieben haben soll. Hierzulande wurde der Ausbruch nach oben im September letzten Jahres mit der größeren Mobilität in der Urlaubszeit begründet. Mutationen hatten wir zu dem Zeitpunkt kaum im Blick.

Mehr Genom-Sequenzierung seit Mitte Januar

In der Vorneverteidigung gegen das Virus setzt die Bundesregierung erst seit Mitte Januar auf mehr Genom-Sequenzierung. Künftig sollen Proben von fünf Prozent aller neuen Corona-Fälle auf diese Weise im Labor genau unter die Lupe genommen werden.

Eine Praxis, die in Dänemark und in Großbritannien schon längst selbstverständlich ist. In England beispielweise wird längst mindestens ein Fünftel aller Positivproben sequenziert und bionformatisch ausgewertet. So wurde die Mutation in Großbritannien aufgespürt.

In Großbritannien hat Sequenzierung Tradition

Führende deutsche Virologen wie Christian Drosten begründen den Vorsprung der Briten bei der Genom-Sequenzierung mit einer "andere Wissenschaftskultur". Tatsächlich haben die englischen Genom-Detektive davon profitiert, dass auf den britischen Inseln der Anteil privatwirtschaftlicher Forschungsförderung hoch ist.

Seit Beginn der Pandemie flossen zusätzliche zweistellige Millionenbeträge in die Genomanalyse. Große Aufmerksamkeit für das Erbgut kleinster Teilchen ist britische Tradition, seit der Engländer Crick und der Amerikaner Watson in den 50er-Jahren an der Universität in Cambridge die DNA entschlüsselt hatten.

Fokus in Deutschland lange auf Diagnostik

In Deutschland hielt Forscher Drosten in seinem viralen Corona-Podcast im letzten Jahr noch wenig von verstärkter Sequenzier-Anstrengung: "Es reicht aus, pro Woche einige Viren zu sequenzieren." Deutschland setzte mehr auf die Diagnostik, auf das Studium von Verhalten und Wirkung des Erregers.

Mit der höheren Ansteckungsfähigkeit der neuen Mutationen verschiebt sich allerdings der Fokus. Unter dem Namen DeCOI hatte ein Zusammenschluss deutscher Wissenschaftler schon im Frühjahr 2020 eine Initiative zur besseren Auswertung der Genomdaten gestartet.

Mutanten nicht automatisch gefährlicher

Ihr Förderantrag beim Bundesforschungsminsterium wurde anfangs abgelehnt – und jetzt nachträglich doch angenommen. DeCOI-Koordinator Prof. Joachim Schultze von der Universiät Bonn:

Die Möglichkeiten der Sequenzierung wurden anfänglich vielleicht unterschätzt, aber Deutschland holt jetzt schnell auf.

Mutanten sind nicht automatisch gefährlicher. Aber mit den südafrikanischen, britischen und brasilianischen Mutationen und einer gerade erst bestätigten, aggressiven Variante in Los Angeles potenziert sich das Infektionsrisiko.

In Großbritannien, Südafrika und Brasilien wurden neue Coronavirus-Mutanten gefunden. Aber was ist eigentlich an den neuen Varianten anders?

Beitragslänge:
2 min
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Forschung an Corona-Impfstoffen mit Breitenwirkung

Mit weltweiter Übersicht über das aktuelle Mutationsgeschehen lässt sich auch die Impfantwort besser anpassen. "Je länger die Pandemie dauert, desto wichtiger ist es zu wissen, wie weit neue Mutationen sich in Deutschland schon ausgebreitet haben", sagt Prof. Alice McHardy, Bioinformatikerin am Helmholtz-Institut für Infektionsforschung in Braunschweig.

Die Auswertung der Genomsequenzen von SARS-CoV-2 kann bei der Entwicklung "breit neutralisierender" Impfstoffe helfen, die auf mehreren Ebenen der Schlachtordnung zwischen Virus und Wirt wirksam werden:

Damit wir nicht auf 50 Mutationen mit 50 Impfstoffen reagieren müssen.

McHardy forscht an solch einer Impfantwort mit Breitenwirkung und wünscht sich generell mehr Gehör für die Bionformatik: "Bei Entscheidungen zur Corona-Strategie könnten Datenwissenschaftler mit ihrer Arbeit noch besser eingebunden werden."

Peter Kunz ist Leiter des ZDF-Studios Niedersachsen.
Dem Autor auf Twitter folgen:
@peterkunz

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