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Interview

Pandemie-Projekte - Shutdown: "Routinen geben Sicherheit"

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Der Corona-Shutdown ist für viele Menschen eine mentale Herausforderung. Eine Psychologin über die Herausforderungen der Selbstoptimierung, das Alleinsein und Selbstfürsorge.

Arciv: Passanten spazieren oder joggen am späten Nachmittag durch den Park am Schöneberger Rathaus in Berlin am 05.01.2021
Auch mal rausgehen, obwohl der Arbeitsweg entfällt, rät Verhaltenstherapeutin Julia Hocke-Gassmann. Symbolbild
Quelle: dpa

ZDFheute: Ist die Corona-Pandemie eine Zeit der Selbstoptimierung?

Julia Hocke-Gassmann: Ja. Und für einige Menschen haben diese Projekte zu Beginn wirklich gut funktioniert. Zunächst hatte das einen entschleunigenden Charakter. Aber für viele, vor allem für diejenigen, die an depressiver Symptomatik leiden, hat sich das Konzept dieser sogenannten Selbstoptimierung als Herausforderung erwiesen.

ZDFheute: Warum ist das so?

Hocke-Gassmann: Stellen Sie sich eine betroffene Person vor: Er oder sie hat kaum Antrieb. Alles ist mühsam, die Stimmung ist gedrückt und immer wieder kommt es zu Grübeleien und Selbstzweifeln. Vor diesem Hintergrund fallen Projekte schwer. Der Antrieb ist nicht da.

Julia Hocke-Gassmann
Julia Hocke-Gassmann
Quelle: Antje Seidel

ZDFheute: Fühlten sich die Menschen unter Druck gesetzt?

Hocke-Gassmann: Ja. Und dieser Druck steigt immer mehr, vor allem, wenn die Person merkt, dass sie diesen vermeintlichen Erwartungen nicht gerecht wird. Und im Falle einer Person mit Depression auch nicht werden kann, weil zeitweise einfach die Voraussetzungen fehlen.

ZDFheute: Warum machen die Menschen das dann?

Hocke-Gassmann: Wir suchen immer eine Art von Beschäftigung. Gerade jetzt, da wir uns viel zurückziehen müssen und nur wenige soziale Interaktionen haben. Gleichzeitig bekommen die Menschen vorgelebt, dass sie diese Zeit produktiv für sich nutzen können, auch in Social Media. Das klingt ja auch erst mal gut. Druck entsteht, wenn die Projekte gar nicht die eigenen sind. Menschen versuchen, mitzuziehen oder ihren Selbstwert darüber aufzubauen. Dann wird die Motivation, die hinter dem Projekt steht, nicht richtig beleuchtet.

"Eine wichtige Strategie ist die Akzeptanz", so Prof. Michèle Wessa, Forscherin am Leibniz-Institut für Resilienzforschung, über die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche.

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4 min
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ZDFheute: Wie können Menschen lernen, ihre Motivation denn ehrlich betrachten?

Hocke-Gassmann: Wenn die Motivation zügig sinkt, ist das ein Indikator dafür, dass man prüfen sollte, was man da tut und warum. Welche Projekte machen mir wirklich Freude? Was kommt aus meiner eigenen Motivation heraus? Und was kommt eher von außen, wo habe ich das Gefühl, ich müsse mitziehen? Rückblickend können wir lernen: Das war gar nicht mein Wunsch, mein Projekt. Das sortiere ich aus. Selbstfürsorge ist besser als Selbstoptimierung.

ZDFheute: Wie funktioniert gute Selbstfürsorge?

Hocke-Gassmann: Zu unserem Alltag gehören Pflichten. Das ist auch gut so, wir wachsen ja auch am Leben. Für eine gute Selbstfürsorge gleichen wir diese Pflichten mit angenehmen Aktivitäten aus. Es geht darum, sorgsam mit sich selbst umzugehen und eine Balance zu schaffen. Das bedeutet auch, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zuzulassen, die eigenen Ressourcen zu akzeptieren. Ich lade dazu ein, diese Zeit als Chance zu sehen und auf sich selbst zu schauen.

ZDFheute: Also können wir aus den Corona-Shutdowns etwas über uns selbst lernen?

Hocke-Gassmann: Unbedingt. Im besten Fall gehen die Menschen aus der Pandemie raus und stellen fest: Ich habe es geschafft. Mit einer soliden Tagesstruktur und mit meinen eigenen Routinen und vielleicht auch mit persönlichen Projekten. Auch wenn keine neue Sprache gelernt wurde oder die Künste perfektioniert oder Sport getrieben. Gleichzeitig gilt: So viel mit sich alleine zu sein ist eine Form der Selbsterfahrung. Und die kann schmerzhaft sein.

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29 min
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ZDFheute: Was macht das Alleinsein mit uns?

Hocke-Gassmann: Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen andere, um unsere Identität zu formen und zu festigen. Momentan ist dieser Kontakt eingeschränkt. Auf Dauer wirkt sich das drückend auf die Psyche aus. Jetzt ist es wichtig, so viel Normalität wie möglich in unserem Alltag zu schaffen.

ZDFheute: Wie geht das?

Hocke-Gassmann: Dabei hilft eine feste Tagesstruktur. Pausen einhalten, auch mal rausgehen, obwohl der Arbeitsweg entfällt. Oder zwischendurch um den Block laufen und einen Kaffee trinken. Wir brauchen Routinen. In dieser Zeit, in der die Zukunft nicht planbar ist, geben sie uns Struktur, sie geben uns Stabilität und Sicherheit.

Das Inteview führte Isabell Prophet.

Jogger: Sport - Kopfhörer

Shutdown - Eigene Projekte geben Hoffnung 

Sport, Weiterbildungen oder Sprachkurse - im Shutdown suchen sich viele Menschen neue Ziele. In der Krise können solche Projekte Struktur geben und das Durchhaltevermögen stärken.

von Isabell Prophet
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