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Interview

Corona-Pandemie - "Gesundheit hängt auch vom Einkommen ab"

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Sozial Benachteiligte haben vermutlich ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. Eine Expertin erklärt, was das konkret bedeutet und warum das nicht überraschend ist.

Köln: Satellitenschüsseln stehen im Stadtteil Chorweiler auf den Balkonen eines Hochhauses.
Armut und Herkunft scheinen eine bisher wenig beachtete Rolle in der Corona-Pandemie zu spielen. Das bestätigt auch eine aktuelle Studie.
Quelle: dpa

Der sozioökonomische Status eines Menschen entscheidet über seine Stellung in der Gesellschaft. Definiert wird er über Beruf, Einkommen und Bildungsgrad. Eine Studie zeigt, dass die Corona-Inzidenzen in Köln in ärmeren Stadtteilen höher sind als in reicheren Stadtteilen.

Zuvor wies eine andere Studie darauf hin, dass während der zweiten Welle der Corona-Pandemie höhere Inzidenzen in sozial schwächeren Landkreisen verzeichnet wurden. Laura Scholaske forscht zu sozialen Ungleichheiten und Gesundheit. Die Expertin erklärt, welche langfristigen Auswirkungen das auf unser Zusammenleben haben kann.

Die Faktoren Armut und Herkunft können die Ansteckungsgefahr beeinflussen.

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2 min
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ZDFheute: Warum haben Menschen mit einem niedrigeren sozialen Status oder solche, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, ein höheres Risiko an Corona zu erkranken?

Laura Scholaske: Menschen in schlechter bezahlten Berufen üben häufig Tätigkeiten aus, in denen das Arbeiten im Homeoffice nicht möglich und Kontakt zu Menschen unvermeidbar ist, zum Beispiel in der Pflege oder der Paketzustellung. Hinzu kommt, dass dieser Personenkreis häufiger den öffentlichen Nahverkehr nutzt und mehr Kontakte hat.

Zudem können finanzielle Aspekte eine Rolle spielen, wenn es um die Anschaffung von FFP2-Masken oder Desinfektionsmittel geht. Das ist ein Grund, der bei Arbeitslosigkeit sehr wichtig ist. Laut einem Urteil des Landessozialgerichts Stuttgart muss das Jobcenter keine Kosten für FFP2-Masken übernehmen. Und die Wohnsituation spielt eine Rolle.

ZDFheute: Inwiefern?

Scholaske: Wohnraum ist für viele Menschen kaum noch bezahlbar. Meist leben diese Menschen in Stadtteilen mit hoher Bevölkerungsdichte und beengt. Dann kommen die bekannten Risikofaktoren hinzu.

ZDFheute: Diese sind?

Scholaske: Sozioökonomisch benachteiligte Menschen haben häufiger bestimmte Krankheiten wie Diabetes, Adipositas oder kardiovaskuläre Erkrankungen. Das sagt nichts über das Ansteckungsrisiko aus, aber das Risiko für einen schweren Verlauf ist höher. Das zeigt eine Studie, nach der in der ersten Jahreshälfte 2020 Langzeitarbeitslose mit einer Corona-Infektion häufiger hospitalisiert wurden als Erwerbstätige.

ZDFheute: Eigentlich haben wir eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Scholaske: In den letzten Jahren ist viel über soziale Ungleichheiten bewusst geworden, im Bildungssystem, in der Arbeitswelt.

Soziale Ungleichheiten, die sich in der Gesundheit manifestieren, haben in den vergangenen Jahren keine mediale Aufmerksamkeit erhalten. 

Mittlerweile wird das Bewusstsein in unserer Gesellschaft größer, dass Gesundheit nicht nur von genetischen Dispositionen, Alter und Geschlecht abhängt, sondern auch von Einkommen, Bildungsstand und dem Job. Gesundheit wird zu einem Ausgangspunkt bei Fragen zu sozialer Gerechtigkeit werden.

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3 min
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ZDFheute: Hält uns die Pandemie einen Spiegel vor, dass die Gesellschaft noch stärker auseinander driftet?

Scholaske: Sie wirkt als Brennglas und stößt uns auf bereits vorhandene Problematiken.

ZDFheute: Was hat das für eine Auswirkung auf das Pandemie-Geschehen?

Scholaske: Es kann bedeuten, dass Menschen, die sozial benachteiligt sind, weiterhin stärker von der Pandemie betroffen sind. Ob sie auch einen schlechteren Zugang zu den Corona-Impfungen haben, ist bisher nicht untersucht. Diese Frage wird uns vermutlich noch stärker beschäftigen, wenn die Impfpriorisierung aufgehoben wird.

ZDFheute: Hat es Auswirkungen aufs gesellschaftliche Leben?

Scholaske: Die langfristigen Effekte der Pandemie werden uns in Zukunft beschäftigen. Ich denke zum Beispiel an Kinder und Jugendliche, die im Moment starke schulische Einbußen erleben, die auch ihren späteren Ausbildungserfolg beeinträchtigen könnten. Oder gesundheitliche Folgen aufgrund von Bewegungsmangel, der bei Kindern und Jugendlichen momentan nachweislich sehr groß ist. Zudem gibt es Menschen, die während der Pandemie ihre Arbeit verloren haben.

Auch werden langfristige gesundheitliche Probleme aufgrund überstandener Corona-Erkrankungen eine Rolle spielen. Das sind Problemlagen, die Menschen in der Gesellschaft in ungleich großem Ausmaß trifft. Wenn das häufig Menschen trifft, die sozioökonomisch benachteiligt sind, kann das den Eindruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft noch verstärken.

ZDFheute: Deutschland rühmt sich für seinen Sozialstaat. Eigentlich dürfte das nicht passieren.

Scholaske: Deutschland verdeutlicht, dass eine Krankenversicherung nicht reicht, um gesundheitliche Chancengleichheit zu gewährleisten. Im vergangenen Jahr sind bereits viele Defizite im Gesundheitssystem offenbart worden, die sich nicht allein auf die Krankenhäuser bzw. Intensivstationen beschränken. Es gibt auch eine Vielzahl struktureller Barrieren im Gesundheitssystem, die dringend abgebaut werden sollten.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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von Sarah Wagner

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