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Corona-Protokolle Soziale Arbeit - "Schaden kann nicht mehr gerichtet werden"

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Sozialarbeiter*innen halten die Gesellschaft zusammen, in Corona-Zeiten mehr denn je. Fünf Protokolle, was die Pandemie mit Suchtkranken, Geflüchteten und Schüler*innen macht.

DRK Wärmebus im Einsatz für Obdachlose
Im Corona-Shutdown ist die Hilfe von Sozialarbeiter*innen gefragter denn je.
Quelle: dpa

Waltraud, 52, Dortmund

Einsamkeit, Langeweile und eine fehlende Tagesstruktur sind Gift für die Abstinenz. Meine Klient*innen in der Suchthilfe-Tagesklinik mussten wir im ersten Shutdown ohne große Vorbereitung entlassen. Da sind Menschen dabei, die aus lebensbedrohlichen Lebenssituationen kommen und sich Rückfälle nicht mehr leisten können.

Baden-Württemberg: Mitglieder einer Gruppe für trockene Alkoholiker sitzen zum Therapiegespräch in einer Stuhlrunde zusammen. Archivbild
Im Shutdown dürfen sich auch Selbsthilfegruppen nicht treffen. Archivbild
Quelle: dpa

Das tägliche Brot der Selbsthilfe ist, dass man Betroffene in Kontakt miteinander bringt. Im besten Fall gehen die Menschen ihren Weg gemeinsam weiter und motivieren sich, auch, wenn jemand zwischendurch mal einknickt. Wegen der Hygiene-Regeln kann Gruppenarbeit aktuell nicht stattfinden.

Es gibt einige Klient*innen, die eine Zeit lang abtauchen und sich plötzlich aus heiterem Himmel melden und eine stationäre Entgiftung machen wollen. Bei vielen ist es ein Erfolg, wenn sie möglichst lange abstinent bleiben.

Ich habe dennoch den Eindruck, dass die Menschen aktuell schneller abstürzen als vorher. Wenn Anrufe nicht mehr beantwortet werden und die Mailbox gleich rangeht, dann ist das kein gutes Anzeichen.
Waltraud, Sozialarbeiterin in der Suchthilfe

Viele Anträge, zum Beispiel für ALG I, müssen derzeit online eingereicht oder bearbeitet werden. Viele Suchtkranke haben keine E-Mail-Adresse, geschweige denn ein Smartphone. Dann machen sie falsche Angaben oder sind zu spät und der Antrag wird abgelehnt, die Miete nicht bezahlt und man hat den Vermieter an den Hacken.

Es gibt auch Wunder: Manchmal sehe ich Menschen, die all ihre Kräfte zusammennehmen und die Hindernisse, die jetzt noch größer sind als vor der Krise, als Herausforderung annehmen und fast trotzig gegen alte Verhaltensweisen ankämpfen.

Markus*, 26, bei Stuttgart

Ein Mädchen macht während der Corona Krise Schularbeiten zuhause.
Kinder aus sozial schwachen Familien verlieren allzu oft durch Homeschooling den Anschluss. Symbolbild.
Quelle: Thomass, Anke

Ich bin Schulsozialarbeiter und habe viel mit Schüler*innen zu tun, die aus einem sozial schwachen Milieu kommen: viele Geflüchtete und EU-Migrant*innen. Die Familien leben auf engem Raum. Oft sind nur wenig finanzielle Mittel vorhanden, sodass im besten Fall ein Laptop zur Verfügung steht.

Ein gutes Beispiel war neulich eine afghanische Familie mit Sohn in der ersten Klasse. Die Schule hat eine Rund-Mail mit Hausaufgaben und aktuellen Corona-Infos verschickt. Die Familie konnte diese E-Mail nicht lesen. Erst durch das Engagement freiwilliger Helfer konnte die Problematik an der Schule gelöst werden.

24 Stunden zu Hause, oft sieben Tage die Woche: keine Schule, kein Sport, keine Freunde. Kinder haben in der Corona-Krise Sorgen, sind einsam, mit Folgen für die Psyche.

Beitragslänge:
28 min
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Das merkt man vor allem bei Schüler*innen, die psychisch belastet sind und wenig Unterstützung und Halt in der Familie finden. Für diese fällt jetzt ein wichtiges Hilfesystem und ein Großteil ihrer sozialen Kontakte weg. Das ist oft nicht mehr aufzufangen.

Wenn Schüler*innen zu Hause Probleme haben oder psychisch leiden, dann merkte man das früher daran, dass sie nicht zur Schule kommen. Im Online-Unterricht sagen sie jetzt einfach: "Sorry, das WLAN funktioniert nicht."
Markus*, Schulsozialarbeiter

Ich habe den Eindruck, dass viele meiner Schüler*innen durch die Pandemie stark vereinsamen und depressiv werden. Was ist der Grund, aufzustehen? Die Lehrer*innen erzählen, die Schüler*innen machen Homeschooling im Schlafanzug im Bett. Die meisten haben die Kamera aus. Viele zocken die ganze Nacht oder schauen Serien. Natürlich auch im Online-Unterricht. Das merkt man recht schnell. Vorwerfen möchte man es ihnen nicht immer.

Viele Familien haben nicht die technischen oder finanziellen Mittel, um ihren Kindern Homeschooling zu ermöglichen. Die Initiative „Hey Alter“ aus Brandenburg repariert gespendete Computer und verteilt sie an bedürftige Schulkinder.

Beitragslänge:
1 min
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Mich selbst kostet diese Zeit auch viel Kraft. Ich vermisse den persönlichen Kontakt, den Austausch mit Kolleg*innen. Es braucht viel Professionalität und gute Selbstfürsorge, um in dieser Zeit leistungsfähig zu sein.
* Name von der Redaktion geändert.

Svenja, 36, Berlin 

Bei vielen Obdachlosen ist der Beratungsbedarf in der Pandemie gestiegen. Vor allem EU-Bürger*innen kommen her und suchen Arbeit, meist im Niedriglohnsektor, zum Beispiel in der Schulreinigung - das waren die ersten Jobs, die weggefallen sind.  

Kleiderspenden sind im Hofbräuhaus Berlin abgebildet, das tagsüber seine Türen öffnet, damit sich Obdachlose aufwärmen können.
Das ehemalige Hofbräuhaus Berlin steht tagsüber Obdachlosen offen.
Quelle: Reuters

Ich leite aktuell die Obdachlosenhilfe im Berliner Hofbräuhaus, das pandemiebedingt schließen musste. Das ist viel Arbeit, aber extrem spannend. Wir bekochen und beraten 200 Menschen am Tag. Es geht selten um Corona. Die Menschen haben ganz andere Probleme: Hartz IV ist ausgefallen, sie brauchen eine Meldeadresse oder ganz dringend eine Arbeit.  

In der Obdachlosenhilfe insgesamt hat sich einiges getan. Es wurden viele neue Einrichtungen eröffnet, in denen Menschen während des Shutdown Tag und Nacht bleiben können. Wo sollen sie auch hin, wenn es heißt "Bleiben Sie zu Hause"?
Svenja, Sozialarbeiterin Obdachlosenhilfe
Obdachlose schlafen im Winter in U-Bahn-Station in Frankfurt

Winter und Corona - Obdachlos zwischen Kälte und Infektionsgefahr 

Für obdachlose Menschen birgt jeder Winter Gefahren. Durch die Corona-Pandemie ergeben sich neue Herausforderungen - nicht nur für die Obdachlosen, auch für Städte und Kommunen.

Videolänge
1 min
von Florence-Anne Kälble

Auf der Straße konnten sie sich nicht mehr versorgen, bekamen nicht genug Flaschen zusammen und niemand spendete. Bibliotheken, Einkaufscenter und kostenlose öffentliche Toiletten sind alle geschlossen.  

Die Stigmatisierung in der Bevölkerung ist ein akutes Problem: Gerade in der Pandemie grenzen viele Menschen Obdachlose einmal mehr aus, aus Angst, sie könnten das Virus übertragen. Aber wenn jemand streng riecht, liegt das auch daran, dass es aktuell weniger Duschmöglichkeiten gibt.  

Frank, 45, Brandenburg

Sachsen, Dresden: Eine Frau läuft durch eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Archivbild
Menschen in Geflüchtetenunterkünften sind im Shutdown zunehmend isoliert. Archivbild
Quelle: dpa

Als Sozialarbeiter in Geflüchtetenunterkünften betreuen wir Menschen mit Suchterkrankungen, Traumata, psychischen Problemen und teilweise suizidalem Verhalten - und müssen trotzdem dafür kämpfen, als "systemrelevant” eingestuft zu werden.

Der Schaden, der gerade angerichtet wird, kann nicht mehr gerichtet werden. Ich habe das Gefühl, dass ein Vertrauensbruch stattgefunden hat. Die Menschen sind überzeugt davon, nichts wert zu sein. Wir haben noch nicht mal Internetzugang in den Heimen - wie sollen sie also per Handy Bewerbungsgespräche führen?

In Geflüchtetenunterkünften ist das Leben noch schwieriger geworden durch den Shutdown.

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1 min
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Ein großes Problem in der Pandemie ist, dass die Infobroschüren zum Beispiel zur Impfung nicht kultursensibel verfasst sind. An all diesen Stellen muss Aufklärungsarbeit stattfinden, im besten Fall von fremdsprachigen Ärzt*innen.

Gerade Menschen mit Fluchtwegen haben Angst davor, Zwangsbehandlungen unterworfen zu werden. Sie haben Panik vor dem Arzt, der ihnen eine Spritze setzen will, weniger vor der Impfung selbst.
Frank, Sozialarbeiter in Geflüchtetenunterkunft

Ein Afrikaner sagte vor Kurzem: "Von einem weißen Mann lasse ich mir nichts sagen". Ist das Rassismus? Natürlich nicht. Er leidet unter seiner Familiengeschichte, die von der Kolonialzeit geprägt war. Natürlich hat er Angst, wieder bedroht zu werden. Eigentlich müssten wir uns demonstrativ vor den Menschen impfen lassen, damit sie sehen, dass nichts passiert. 

Paul, 35, Chemnitz

Streetworker Peter Gaudig
Durch den Shutdown erreichen Streetworker nur noch wenige Klient*innen. Symbolbild.
Quelle: Imago

Für mich als Streetworker ist es deprimierend, den öffentlichen Raum so leer zu sehen und zu wissen, dass Menschen ihn nicht als Sozialisationsraum wahrnehmen können. Gesellschaftliche Debatten liegen seit einem Jahr brach. Die Alternative ist, dass sich junge Menschen in private Räume zurückziehen. Dort werden die Hygienemaßnahmen selten berücksichtigt und das Infektionsrisiko steigt.  

Viele meiner Klient*innen leben seit Jahren auf der Straße und haben plötzlich keinen Zugriff mehr auf Tafeln und können ihre Wäsche nicht mehr waschen und sich nicht mehr duschen. Es gab und gibt keinen geeigneten Schutz und nicht genug Schlafräume in Chemnitz, aber das ist nicht erst seit Corona ein Problem.  

Mit Corona hat sich die Nachfrage bei den Tafeln verändert: Menschen bitten um Hilfe, etwa weil sie wegen der Pandemie den Job verloren haben. Auch die Arbeit ist schwieriger.

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3 min
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Ich fühle mich oft machtlos und habe das Gefühl, im halb-legalen Raum unterwegs zu sein, wenn ich raus gehe und versuche, Leute anzusprechen. Auch die Beziehungsarbeit ist eine Herausforderung. Wenn man sich vorher schon kannte, kann sie aufrechterhalten werden, aber es ist fast unmöglich, neue Beziehungen über Social Media aufzubauen.  

Die Zukunftsperspektive wird immer pessimistischer. Wir können nicht feststellen, dass Menschen sich an die Situation gewöhnen, im Gegenteil. Die Zahl psychischer Auffälligkeiten nimmt merkbar zu.
Paul, Streetworker

Mir graut es vor den Kürzungsdebatten, die Corona-Hilfsmaßnahmen müssen ja refinanziert werden. Das wird auch auf dem sozialen Sektor ausgetragen werden. 

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise

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