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Kritik an Corona-Maßnahmen : War Lockdown sinnlos? Studie greift zu kurz

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Laut Ökonomen der Johns-Hopkins-Universität haben Lockdowns während der ersten Corona-Welle kaum Leben gerettet. Sie seien immer abzulehnen. Die Studie ignoriert wichtige Aspekte.

Menschenleere Innenstadt in München am 11.01.2021
Ausgangssperre während des Lockdowns im Januar 2021 in München (Archivbild)
Quelle: dpa

Lockdown-Maßnahmen während der ersten Corona-Welle sollen in den USA und Europa kaum einen Effekt auf die Zahl der Corona-Toten gehabt haben. Zu diesem Schluss kommt ein Team von Ökonomen um Steve Hanke von der Johns-Hopkins-Universität (JHU).

Lockdowns sind unbegründet und sollten als Maßnahme zur Pandemiebekämpfung abgelehnt werden.
Studie der Johns-Hopkins-Universität

"Lockdowns haben wenig bis keinen Effekt auf die öffentliche Gesundheit, verursachten enorme ökonomische und gesellschaftliche Kosten, wo sie eingeführt wurden", argumentieren die Autoren. Das klingt zunächst spektakulär - beim genaueren Hinsehen kommen aber Zweifel auf, wie belastbar so eine weitreichende Deutung ist.

Was wurde in der Studie untersucht?

Die Forscher haben in einer Meta-Analyse 24 Studien anderer Forscher ausgewertet. Je nach Studientyp hätten deren Untersuchungen ergeben, dass verordnete Lockdown-Maßnahmen lediglich eine Reduzierung der Covid-Todesrate um 0,2 bis 2,9 Prozent bewirkten - verglichen mit Ländern, in denen es lediglich empfohlene Maßnahmen der Regierung gab.

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Die untersuchten Studien geben jedoch kein einheitliches Bild ab, ihre Ergebnisse variieren deutlich voneinander. Die Autoren führen etwa auch eine Untersuchung an, der zufolge Lockdowns die Todeszahlen um 35,3 Prozent gesenkt haben. Auch konkrete Einzelmaßnahmen wie die Schließung von Einzelhandel und Gastronomie oder Vorschriften zum Tragen von Masken hätten laut einzelnen Studien Todesraten spürbar senken können - um 10,6, bzw. 21,2 Prozent.

All diese Zahlen basieren letztlich auf einer kleinen Zahl an Einzelstudien, deren Ergebnisse vom Forscherteam anschließend noch gewichtet wurden. Die Untersuchung wurde lediglich auf der Webseite des JHU-Instituts veröffentlicht, nicht in einem wissenschaftlichen Journal. Andere Forscher haben sie noch nicht begutachtet. Dennoch griffen zahlreiche Medien die Studie bereits auf.

Keine Maskenpflicht mehr, keine Abstandsregeln, keine Impf- und Testnachweise: Viele Dänen sind über die Lockerungen erleichtert und freuen sich auf das Nachtleben. Auch in Deutschland wird über erste Erleichterungen nachgedacht.

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Studie verwendet problematischen Index

Wie hart waren die jeweiligen Lockdown-Maßnahmen in Ländern weltweit? Die Studie nutzt dafür den Covid-Stringency-Index der Universität Oxford. Dieser ist vermutlich die weltweit umfassendste Datenbank für staatliche Corona-Maßnahmen, aber nicht ohne methodische Probleme. Immer wieder wurde Deutschland dort als Land mit den härtesten Maßnahmen geführt - obwohl andere Staaten deutlich restriktiver vorgingen.

Das liegt daran, dass der Index schlecht dafür geeignet ist, regional unterschiedliche Maßnahmen abzubilden. Es wurden stets die jeweils härtesten Maßnahmen eingetragen, selbst, wenn sie nur ein einzelnes Bundesland betrafen. Das verzerrt die Daten und lässt die Maßnahmen drastischer erscheinen, als sie tatsächlich waren.

Studie betrachtet fast nur die erste Welle

In ihrer Meta-Analyse betrachten die Autoren fast ausschließlich Daten zu Lockdowns während der ersten Welle im Frühjahr 2020. Zu diesem Zeitpunkt waren Regierungen mit einer unbekannten Krankheit konfrontiert. Selbst über simple Maßnahmen, wie das Tragen von Schutzmasken, herrschte teils noch Unklarheit. Harte Lockdown-Maßnahmen lassen sich so auch mit Vorsicht angesichts mangelnder Information erklären.

Viele stellen sich die Frage: Führt Covid-19 wirklich zu mehr Todesfällen als üblich? „Ja, und zwar ziemlich deutlich“, so das Statistische Bundesamt.

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Was etwa Lockdowns während der in Deutschland deutlich tödlicheren Winter-Welle 2020/2021 bewirkt haben, kann die Studie nicht sagen. Es ist also unklar, ob das weitreichende Urteil der Autoren angesichts begrenzter Daten angemessen ist.

Ziel der Corona-Maßnahmen in Deutschland war nicht nur die Vermeidung von Corona-Toten, sondern auch das Verhindern von Infektionen und einer Überlastung des Gesundheitssystems. Flatten the curve war die Strategie. Ob das auch dank Lockdown erreicht wurden, kann die Studie ebenfalls nicht sagen.

Auch die Autoren selbst weisen auf manche Einschränkung der Aussagekräftigkeit hin: Freiwillige Verhaltensänderung und Lockdown-Maßnahmen können oft nicht klar auseinandergehalten werden. So könnte bereits die politische Debatte über strenge Zwangsmaßnahmen eine Veränderung bei vielen Bürgern auslösen.

Was sagen andere Forscher zur Studie?

Die Kernaussage, Lockdowns verhinderten keine oder kaum Todesfälle, ist aus Sicht des Leiters des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Universität Marburg, Max Geraedts, "so nicht haltbar". Es gebe eine Fülle wissenschaftlich qualitativ hochwertiger Studien, "die aber auf der Basis der von den Autoren gewählten Auswahlkriterien nicht berücksichtigt wurden", so Geraedts gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Der Ökonom Andreas Backhaus von der Ludwig-Maximilians-Universität München analysiert, dass einige der untersuchten Einzelstudien "nicht übermäßig überzeugend" seien. Sie erhielten "in der Meta-Analyse jedoch ein sehr hohes Gewicht, treiben also das Gesamtergebnis", twitterte er über das US-Papier.

Der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig teilte ZDFheute mit, dass er es für "durchaus legitim" halte, sich auf einen Ergebnisindikator wie den der Mortalität zu beschränken. "Zumindest in Industrienationen ist hier keine Untererfassung zu befürchten." Die Güte der Studie und ihrer wissenschaftlichen Methodik könne Krause jedoch nicht bewerten.

Davon ausgehend, dass die Analysen methodisch korrekt durchgeführt wurden, sagt Krause:

Es ist sehr wohl berechtigt, die Wirksamkeit der Shutdown-Maßnahmen bezogen auf Mortalität zu bewerten und zu diskutieren, wie die Nutzen-Schaden-Balance war.
Gérard Krause, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig

Das würde keinesfalls bedeuten, dass man es vorher hätte wissen können und von Anfang auf die Lockdown-Maßnahmen hätte verzichten müssen. Analysen aus der ersten Welle seien nicht notwendigerweise auf die nachfolgenden Pandemiewellen übertragbar, so Krause. "Allerdings gehe ich eher davon aus, dass der Effekt der Lockdown-Maßnahmen auf die Mortalität bei den späteren Wellen eher noch geringer ausfällt."

In Deutschland hat Schleswig-Holstein als erstes Bundesland deutliche Lockerungen beschlossen und Bundesjustizminister Buschmann stellt eine Öffnung im März in Aussicht.

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WHO: Lockdowns sollten "allerletztes Mittel" sein

Einige Forderungen der Studie sind nicht revolutionär neu. Dass Lockdown-Maßnahmen im Kampf gegen Pandemien ein "allerletztes Mittel" sein sollten, ist eine Position von führenden WHO-Vertretern.

Er ist ein sehr extremer Eingriff in unser Zusammenleben und sollte nur das allerletzte Mittel sein.
David Nabarro, WHO-Sondergesandter gegen Covid-19, 2020 im "Spiegel"

Stattdessen müsste der Staat die Bedingungen dafür schaffen, dass die Menschen selbst Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen, so David Nabarro.

Fazit

Die Forscher liefern einen Beitrag zu einer hoch relevanten Frage, zu der bislang kein wissenschaftlicher Konsens besteht. Eine einzelne Studie, zumal eine mit gewissen wissenschaftlichen Limitierungen, kann jedoch unmöglich abschließend klären, ob Lockdowns tatsächlich kein sinnvolles Mittel der Pandemiebekämpfung sind. Man vergleicht höchst unterschiedliche Maßnahmen und Rahmenbedingungen, die Vermeidung von Toten war nie das einzige Ziel der Maßnahmen.

Dass Lockdowns nicht leichtfertig erklärt werden sollten, und die Bevölkerung bei Maßnahmen besser mitgenommen werden muss, wird nicht erst seit dieser Studie gefordert.

Ergänzung 03. Februar 2022, 13 Uhr : Expertenstimmen mit Einschätzungen zur Studie wurden im Text ergänzt.

Die Sinnhaftigkeit von Lock- und Shutdowns wurde in den vergangenen zwei Jahren immer wieder debattiert. Hier etwa im März 2021 angesichts der dritten Corona-Welle:

Das Wort "Lockdown" ist in einem Schaufenster zu sehen, aufgenommen am 17.03.2021

Dritte Corona-Welle - Was bringen zwei Wochen "harter Lockdown"? 

Können zwei Wochen "harter Lockdown", wie vielfach gefordert, die dritte Welle brechen? SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach erklärt, wie das funktionieren könnte.

von Kathrin Wolff

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