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Corona-Tagebuch - Lächeln, aber bitte mit Abstand

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Daniel Biskup hat sich als Porträtfotograf von Politikern einen Namen gemacht. Seit dem Ausbruch der Pandemie veröffentlicht er jeden Tag ein neues Bild in seinem Corona-Tagebuch.

Im brandenburgischen Finsterwalde hat jemand mit Kreide auf die Werbetafel des lokalen "Canyon Country Club" geschrieben. "Abends gehe ich oft mit einer Schüssel Kartoffelsalat spazieren. Das gibt mir das Gefühl, ich wäre zu einer Party eingeladen." Klick. Genau solche Motive liebt Daniel Biskup. Seit einem Jahr streift der renommierte Fotograf durch unser Corona-Land. Jeden Abend veröffentlicht er ein neues Motiv auf Instagram. So entstand ein beeindruckendes Foto-Tagebuch seit dem 15. März 2020.

Biskups Bilder erzählen eindrucksvoll von einem völlig veränderten Land. Es ist ein Land im Krisenmodus. Zu sehen sind Menschen mit Abstand, Misstrauen und Masken. Es sind Momentaufnahmen zwischen Angst und Anpassung, Appellen und Auflehnung. Ein Streifzug von Bayern bis Berlin. Von Hamburg bis ins Erzgebirge. "Ich habe schon viele schwierige Situationen in meinem Leben fotografiert, in Russland, in Jugoslawien. Aber so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen."

Erschöpfte Ärzte und Pfleger - nicht inszeniert

Am 15. März 2020 veröffentlichte Biskup sein erstes Corona-Bild. Leere Regale in einem Laden in der Nähe von Augsburg, seinem Wohnort. "Kein Toilettenpapier mehr", notiert er. Eine erste Aufnahme, noch ohne Plan oder Drehbuch. Einfach so, um nicht untätig zu Hause herumzusitzen. Biskup fotografiert zu Beginn der Pandemie eine fröhliche Kassiererin hinter einer provisorischen Plastikfolie. Er zeigt erschöpfte Ärzte und Pfleger. Er hält Straßenverkäufer auf einem Parkplatz fest, die erste Schutzmasken feilbieten. "Es ist generell so, dass ich keine Bilder inszeniere - sie sind einfach da."

Krankenhausärzte in Deutschland schlagen Alarm. Viele Mediziner arbeiten am Limit, mit und ohne Corona. Fast jeder zweite denkt darüber nach, zu kündigen oder den Beruf aufzugeben.

Beitragslänge:
28 min
Datum:

Im Sommer verbreitet sich eine neue Gelassenheit mit immer weniger Abstand - "bis zur Sorglosigkeit". Biskup fotografiert in Ausflugslokalen, entdeckt am Rande einer Landstraße Jugendliche mit einem Bierkasten und dem Schild: "Ihr hupt - wir trinken". Je länger die Pandemie dauert, desto mehr tauchen frustrierte Menschen vor seinem Objektiv auf. Es sind Bilder von wütenden Protesten, von der Suche nach Schuldigen. Verschwörungstheorien machen die Runde.

Hunderte Särge stapeln sich

Im Winter mitten in der "zweiten Welle" fährt Biskup nach Meißen. Es ist Tag 299 seines Fototagebuches. Dort stapeln sich im städtischen Krematorium Hunderte Särge kreuz und quer. Apokalyptische Bilder. Die beiden Öfen sind am Limit, die Mitarbeiter rund um die Uhr im Dreischichtsystem im Einsatz. Meißen in Sachsen ist Mitte Januar 2021 ein trauriger Hotspot. Profi Biskup ist merklich angefasst: "Eine große Tragödie ist das hier. Hunderte von Menschen, die in den letzten Tagen verstorben sind, warten auf ihren letzten Weg in den Ofen."

Der 58-jährige reist unverdrossen weiter durch das Land. Tag für Tag. Im Frühjahr 2021 findet er immer häufiger Motive mit Botschaften irgendwo zwischen Hoffnung, Zynismus und Verzweiflung. Ein Bild aus Stuttgart kommt bei seinen Followern besonders gut an: "Wir werden bald wieder tanzen". Oder die Zeilen auf einem Schild vor einem bayrischen Bauernhof: "Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede!"

Hoffnung für das Leben nach dem Shutdown im Club Transit Bergamo Stuttgart
Tag 293 des Corona-Tagebuchs: Hoffnung für das Leben nach dem Shutdown.
Quelle: Daniel Biskup

Biskup fängt Kreativität und Witz der Bevölkerung ein

Wie lange noch will Biskup Corona-Krisen-Bilder festhalten? Wann ist Schluss? Der gebürtige Bonner überlegt. "Ich weiß es wirklich nicht. Ich hoffe aber nicht, dass ich Tag 1.000 schreiben muss." Biskup ist jeden Tag neu überrascht, wie viel Kreativität und Witz im Lande sichtbar werden - trotz der größten Krise der Nachkriegszeit. "Man muss nur genau hinschauen. Es lohnt sich." So entstand auch der Schnappschuss vor einem Kino in Berlin-Weißensee. Über dem Eingang des geschlossenen Hauses ist in großen Lettern zu lesen: "Corona verpiss dich, keiner vermisst dich!"

Spruch an der Brotfabrik: "Corona verpiss Dich, keiner vermisst Dich". Die Brotfabrik ist ein Kunst- und Kulturzentrum.
Auch das Kunst- und Kulturzentrum Brotfabrik hat während des Shutdowns geschlossen.
Quelle: Daniel Biskup

Biskup lächelt. Genau das Richtige, und drückt auf den Auslöser.

Mehr Bilder von Daniel Biskup aus seinem Foto-Projekt in der Bildergalerie.

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