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Interview

Ex-Vizepräsident Chen - Taiwaner trauen chinesischem Impfstoff nicht

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Eine Teestube im Rotlichtmilieu wird zum Hotspot - und Taiwan zum Corona-Sorgenkind. Japan und USA wollen helfen, China wolle das verhindern, so der ehemalige Vizepräsident Chen.

Menschen stehen mit Masken in einer Schlange am 21.05.2021 in Taipei (Taiwan).
Zunahme der Corona-Fälle in Taiwan
Quelle: picture alliance / NurPhoto

Taiwan galt lange als nahezu Corona-frei. Doch Mitte Mai wurde ein Teesalon im Rotlichtmilieu in der Hauptstadt Taipeh zum Hotspot. Schutz durch Impfungen - Fehlanzeige, denn Taiwan hat nicht ansatzweise genügend Vakzine.

Der ehemalige Vizepräsident und Epidemiologe Chen Chien-jen sieht im Interview mit ZDFheute einen Teil der Verantwortung bei China: Es hätte Lieferungen von Biontech/Pfizer nach Taiwan verhindert. Dabei ginge es doch vor allem jetzt darum zusammenzustehen. Denn laut Chen komme die nächste Pandemie bestimmt.

"Einer für alle, alle für einen." In der Pandemie ginge es darum zusammenzuhalten, fordert Epidemiologe und Ex-Vizepräsident von Taiwan, Chen Chien-jen.

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ZDFheute: Für eine lange Zeit hatte Taiwan nahezu keine Corona-Fälle. Was haben Sie besser gemacht als alle anderen?

Chen Chien-jen: Das ist nicht unsere erste Pandemie. Aufgrund unserer Erfahrungen im Kampf gegen die Sars-Cov-Pandemie im Jahr 2003 haben wir gelernt, dass es sehr wichtig ist, die Übertragung dieses Virus so schnell wie möglich zu unterbrechen. Wir haben sofort unser zentrales Epidemie-Kommandozentrum (CECC) aktiviert. 

Ich sage immer, wir müssen unseren Bürgern und Bürgerinnen, diesen unsichtbaren Helden und Heldinnen, danken. Denn weil sie sich an die staatliche Regulierung halten, können wir sie normal arbeiten, normal zur Schule gehen und normal leben lassen, und das ist sehr wichtig. Das Wichtigste in diesem offenen demokratischen Land ist Transparenz und Offenheit. 

ZDFheute: Mitte Mai schossen die Zahlen auf einmal nach oben. Ein Pilot hatte sich im Rotlichtmilieu Taipehs, in einem Teesalon, angesteckt. Wie konnte das passieren?

Chen: Als dieser Ausbruch im Mai plötzlich über uns kam, waren wir wirklich schockiert, weil wir realisierten: 'Oh mein Gott, wir haben eine kleine Gruppe in der Gesellschaft vergessen, die älteren Menschen, die zu diesen Vergnügungsstätten gehen.'

Die Leute in dieser Teestube halten sich nicht an Hygieneregeln, sie tragen keine Gesichtsmasken, sie waschen sich nicht die Hände. Dafür essen sie, trinken, unterhalten sich - und singen sehr viel Karaoke.
Chen Chien-jen, Ex-Vizepräsident Taiwans

Die Wahrscheinlichkeit ist also sehr hoch, dass sie sich anstecken, vor allem mit der weitaus infektiöseren Variante B.117.

Die Teilnehmer des G7-Gipfels beraten über Gesundheit, Wirtschaft und Außenpolitik. Schwerpunkt: Pandemiebekämpfung. Ärmeren Ländern wollen sie eine Milliarde Impfdosen spenden.

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ZDFheute: Was die Lage nicht besser machte: Es waren nur wenige Menschen in Taiwan geimpft, es gab viel zu wenig Impfstoff. Warum war das so?  

Chen: In Taiwan gibt es drei inländische Impfstoffunternehmen, die sich seit letztem Jahr mit der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen beschäftigen. 20 Millionen Dosen sollten aus dem Ausland kommen, zehn Millionen aus dem Inland.

Aber wir haben den Impfstoff nicht wie erwartet erhalten und konnten erst im März mit unserem Impfprogramm beginnen. 

ZDFheute: Einen Impfstoff hätte Taiwan wohl doch früher bekommen können - aus China. Aber den wollte Taiwan nicht? 

Chen: Ich denke, Chinas Absicht ist es, uns dazu zu drängen, den Sinovac- oder Sanopharm-Impfstoff zu verwenden. Aber die Menschen hier trauen dem chinesischen Impfstoff nicht. Also sagen die Taiwanesen und Taiwanesinnen 'Nein'.

Sie wollen diese Art von Impfstoff mit geringem Schutz nicht. Und sie wollen lieber auf andere Impfstoffe warten, mit mehr Effektivität, Sicherheit und weniger negativen Nebenwirkungen.

ZDFheute: Letztlich sprangen Japan und USA zur Hilfe, mit 2,4 Millionen bzw. 750.000* Impfdosen.

Chen: Wir sind so froh, dass Japan so ein guter Freund ist, der uns hilft. Aber wir sind immer noch empört von China, das forderte, Japan sollte Taiwan keinen Impfstoff geben. Wenn Japan Taiwan 1,24 Millionen Dosen Impfstoff geben möchte, sollte China sagen: 'Wow, das ist großartig!' Aber was wir hören, ist 'Nein, Japan sollte das nicht tun.'  

ZDFheute: Solidarität haben mit anderen in der Pandemie - das war auch ein großes Thema auf dem G7-Gipfel.  

Chen: Ja, es ist wirklich großartig zu hören, dass die G7-Länder eine Milliarde Impfstoffdosen für die ganze Welt spenden. Denn wenn wir diesen Impfstoff nicht an alle Länder der Welt geben können, wird sich das Virus weiter ausbreiten und dann mutiert es weiter. Vielleicht wird eines Tages eine Variante immun gegen den Impfstoff sein und dann werden alle wieder leiden müssen.

Es ist also sehr wichtig, sich gegenseitig zu helfen. Alle Länder der Welt sollten den Spirit haben 'Einer für alle und alle für einen'. 

ZDFheute: Die Infektionszahlen in Taiwan sinken momentan wieder. Wann wird das überstanden sein? 

Chen: Wir gehen davon aus, dass wir den Ausbruch hier Ende Juni überstanden haben. Aber Covid-19 wird nicht die einzige Pandemie bleiben.

Es werden noch eine Menge Infektionskrankheiten auftauchen. Deswegen ist es so wichtig, ein gutes System zu entwickeln, ein internationales Netzwerk, auch um den Entwicklungsländern zu helfen, diese Krankheiten einzudämmen.

Wir wissen doch: Wenn wir zusammenstehen, sind wir stark und können gegen jede Art von Pandemie kämpfen. 

* Anstatt den Anfang Juni angekündigten 750.000 Impfdosen, spenden die USA 2,5 Millionen Impfdosen an Taiwan. Sie sollen am Sonntag (20. Juni) eintreffen, teilte das American Institute in Taiwan (AIT) mit.

Das Interview führte ZDFheute-Redakteurin Jenifer Girke. Der Autorin auf Twitter folgen: @JeniferGirke 

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