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Hilfe am Telefon und Online - Gespräche für die Seele

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Ein Jahr im Zeichen von Corona hinterlässt auch Spuren in unseren Seelen. Die telefonischen Hilfsangebote berichten von mehr Kontakten - und auch von anderen Sorgen als bislang.

Archiv, Hamburg: Eine ehrenamtliche Telefonseelsorgerin im Auftrag der Diakonie Hamburg telefoniert.
Die Telefonseelsorge hat 2020 einen Anrufanstieg von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet.
Quelle: dpa

"Ich kann nicht mehr!" Wer an diesem Punkt angelangt ist, braucht meist vor allem eines: jemanden, mit dem man über ein Problem reden kann. Aber mit wem, wenn Freunde und Bekannte einfach nicht greifbar sind?

"Wir haben für gewöhnlich ja auch eine Menge Anrufer, die sozial nicht so integriert sind", sagt Michael Hillenkamp, Vorstandssprecher der katholischen Konferenz für Telefonseelsorge. Im Corona-Jahr sei es auffällig, dass deutlich mehr Menschen anrufen, die eigentlich soziale Kontakte haben - diese aber in Zeiten von Social Distancing einfach nicht nutzen können.

Telefonseesorge 2020: Rund 4.500 Anrufer täglich

"Besonders im ersten Lockdown sind die Zahlen der Anrufe stark gestiegen", berichtet Hillenkamp. Im Vergleich zum Frühjahr 2019, als rund 3.100 Anrufer pro Tag Hilfe bei der Telefonseelsorge gesucht hatten, waren es 2020 bis zu 50 Prozent mehr, etwa 4.500 am Tag.

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Nun, im Shutdown im Dezember, gehen die Anruferzahlen wieder in die Höhe, wenn auch nicht ganz so stark. Aktuell gehe es bei vielen Anrufen um das Weihnachtsfest und das, was alles nicht möglich sein werde, so Michael Hillenkamp.

So wie bei dem Anruf einer Studentin aus Marburg, die über Weihnachten zu ihrer Familie fahren wollte, dies jetzt aber nicht kann, weil die Freundin ihres Bruders erst an Heiligabend ihr Coronatest-Ergebnis bekommt. "Sie war so voller Wut und Verzweiflung, obwohl sie natürlich wusste, dass sie der Frau eigentlich keine Schuld geben konnte."

Sorgen um das Weihnachtsfest dieses Jahr besonders groß

Jedes Jahr aufs Neue zeige sich, wie sehr sich alle Sehnsüchte nach einer perfekten Welt aufs Weihnachtsfest konzentrierten: "Auch die Politik hat ja ein Riesen-Bohei um dieses Datum gemacht. Wenn es da nicht gut wird, kann es ja nur eine Enttäuschung werden", sagt Hillenkamp.

In großen seelischen Nöten seien viele Anrufer aber nicht nur wegen der eigenen Einsamkeit, sondern auch weil sie nicht wüssten, ob sie Angehörige im Pflegeheim oder Krankenhaus über Weihnachten besuchen dürften.

"Nummer gegen Kummer" für Jugendliche und Eltern

Während die Telefonseelsorge der evangelischen und katholischen Kirchen traditionell eher Ansprechpartner für ältere Semester ist, hat die "Nummer gegen Kummer" vor allem Kinder, Jugendliche und mittlerweile auch Eltern im Blick. Auch hier haben sich im Laufe des Jahres klare Auswirkungen von Corona gezeigt.

"Bei Jugendlichen in der Pubertät geht es oft um Liebe, Sexualität und Freundschaft", sagt Anna Zacharias. "In diesem Jahr aber hatten wir eher eine Verschiebung hin zu psychosozialen Themen, zu Gesundheit und auch zu familiärer Gewalt", sagt die Diplom-Pädagogin.

Interesse an Onlineangebot der Hilfestellen nimmt zu

Mit rund 100.000 Beratungsgesprächen sei die telefonische Hotline in etwa bei den Vorjahreszahlen. Stark zugenommen habe allerdings das Onlineangebot der "Nummer gegen Kummer":

Wenn Kinder und Jugendliche Probleme in der Familie haben, aber alle zu Hause sind, ist ein vertrauliches Telefonat oft nicht möglich.
Anna Zacharias

Also weichen deshalb viele auf Chat und E-Mails aus. "Bei rund 80 Prozent der Gespräche habe ich das Gefühl, dass ich weiterhelfen konnte", berichtet die Pädagogin aus dem Online-Beratungsalltag.

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Eltern im Shutdown häufig überfordert

Probleme besprechen, Lösungsmöglichkeiten aufzeigen oder auch weiter führende Beratungsangebote und Ansprechpartner empfehlen: Dieses Prinzip verfolgt die Nummer gegen Kummer auch am Elterntelefon. "Hier haben wir von Januar bis September einen starken Anstieg mit 60 Prozent mehr Anrufen gesehen. Neben den alltäglichen Problemsituationen wie Überforderung und Hilflosigkeit haben uns Eltern aber auch kontaktiert, weil sie so verzweifelt waren wegen der Betreuungssituation im Lockdown", sagt Anna Zacharias.

Nicht alle Probleme können die Ehrenamtlichen der Sorgen-Telefone in Deutschland in einem Gespräch lösen. "Aber wenn ich am Ende eines Gesprächs höre: 'Es hat gut getan mit Euch zu reden. Ich habe wieder Kraft gesammelt, um den Tag zu überstehen', dann ist das für den Moment doch auch schon ein tolles Ergebnis", sagt Michael Hillenkamp.

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