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Auswertung von Gesundheitsdaten : Logiklücke statt Impftote bei der AfD

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Die AfD sieht einen Zusammenhang zwischen der Impfkampagne und einem Anstieg plötzlicher Todesfälle. In der Datenauswertung wurde jedoch ein entscheidender Logikfehler gemacht.

Archiv: Gesundheitskarten verschiedener Krankenkassen am 05.09.2016
Unter der Lupe waren Daten von knapp 73 Millionen gesetzlich Versicherten.
Quelle: Imago

Die Impfung gegen Covid-19 sorgt auch knapp zwei Jahre nach der ersten verabreichten Impfdosis noch für einige Aufregung. Am Montag hatte die AfD zu einer Pressekonferenz geladen, um über die "dramatische" Entwicklung von Sterbefällen seit Beginn der Impfkampagne gegen das Coronavirus zu informieren.

Die Partei habe Daten der gesetzlichen Krankenkassen ausgewertet und bei der Auswertung einen starken Anstieg der Todesfälle mit ungeklärten Ursachen seit Anfang 2021 festgestellt, teilte der gesundheitspolitische Sprecher der Partei, Martin Sichert, mit. Die AfD-Bundestagsfraktion forderte daraufhin eine Aussetzung der Corona-Impfungen.

Datenauswettung der AfD zu Daten der KVB
Die Datenauswertung der AfD soll einen sprunghaften Anstieg von Todesfällen ab 2021 belegen.
Quelle: AfD Bundestagsfraktion

Das Problem dabei: Der Partei ist ein Logikfehler unterlaufen. Die von den Krankenkassen angeforderten Daten können gar keine Aussage über eine Zunahme der Todesfälle in Deutschland belegen.

Die Logiklücke: Jeder Mensch stirbt nur einmal

Was die AfD vom Bundesverband der Kassenärztlichen Vereinigung bekommen hat, sind die sogenannten ICD-10-Codes von Patienten, die 2021 einen Arzt oder eine Ärztin aufgesucht haben. Das sind die Kodierungen für Behandlungsanlässe, die Ärzte an die Krankenkassen übermitteln. Diese gibt es für so ziemlich alle Symptomatiken: Kreislaufbeschwerden, Probleme mit der Verdauung und eben Codes für Todesfälle mit einer ungeklärten Ursache.

Genau diese Todesfälle hat die AfD untersucht und angeblich festgestellt, dass die Zahlen für Todesfälle, deren Todesursache unklar oder unbekannt ist, ab dem ersten Quartal 2021 stark gestiegen seien. Da es sich bei dem Datensatz jedoch um Patientendaten von allen Versicherten handelt, die 2021 einen Arzt aufgesucht haben, können diese Personen - rein logisch - nicht schon in früheren Jahren verstorben sein.

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Wie konnte es zu der Fehlinterpretation kommen?

Aber warum enthält der KBV-Datensatz dann überhaupt Todesfälle aus Jahren vor 2021? Der Vorstandsvorsitzende des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Dominik von Stillfried, erklärt dies im Gespräch mit ZDFheute mit "Eingabefehlern oder Fehlern bei der Übertragung der Daten:

Die Krankenkassen verarbeiten pro Jahr etwa 600 Millionen Abrechnungsfälle und Milliarden an ICD-Kodierungen. Und diese werden teilweise per Hand ausgefüllt und dann digitalisiert. Dabei kann es zu Fehlern kommen.
Dominik von Stillfried, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung

Das ZI hat mittlerweile auch eine eigene Auswertung der Versichertendaten gemacht. Diesmal habe man aber nicht nur die Daten von 2021 untersucht, sondern alle Daten aus den Jahren 2012 bis Ende 2021. Darin wird deutlich, dass die Todesfälle mit unbekannten Ursachen sich auf einem gleichbleibenden Niveau bewegen und teilweise ab 2020 rückläufig sind. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine Auswertung der AOK, die ZDFheute vorliegt.

Daten zu Sterbefällen mit ausgewählter Diagnosekodierung
Die ICD-Codes, die hier ausgewertet wurden, stehen zum Beispiel für "plötzlicher Tod unbekannter Ursache" (R96) oder "Plötzlicher Herztod" (I46.1).
Quelle: Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi)

Grundsätzlich gebe es in den Daten ein großes "Grundrauschen":

Das Potential der Missinterpretation ist gigantisch.
Dominik von Stillfried, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung

Deswegen veröffentliche man die Daten auch nicht pro-aktiv selbst, die AfD hatte sie erst nach einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetzt erhalten:

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erklärte, aufgrund der von der KBV an die AfD übermittelten Abrechnungsdaten ließen sich keine Kausalzusammenhänge zwischen COVID-19-Schutzimpfungen und Todesfällen herstellen.

Diskussionen und Debatten müssen sein, aber nicht so, indem in Zahlen etwas hinein interpretiert wird, was sie einfach nicht hergeben.
Dr. Andreas Gassen

Lähmung, Schwäche, Gefäßkrankheiten und vieles mehr: So müssen Menschen mit Corona-Nachwirkungen leben. In Marburg wird zu Impfschädigungen und Long Covid geforscht.

Beitragslänge:
15 min
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Verwirrung auch durch Kommunikation der Krankenkassen

Für Verwirrung hat neben dem fehlerhaften Datensatz und der unlogischen Auswertung durch die AfD aber die Kassenärztliche Bundesvereinigung selbst gesorgt: In einer ersten Stellungnahme des Vorstands wurde gesagt, bei dem Anstieg der Todesfälle in den Jahren 2021 und 2022 handle es sich um "eine pandemiebedingte Übersterblichkeit".

Diese Übersterblichkeit gab und gibt es zwar, die Aussage vermittelt aber den Eindruck, als wäre sie auch aus den Daten der AfD abzulesen, was eben nicht möglich ist.

Auch wurde bei der Bereitstellung des Datensatzes nicht explizit darauf hingewiesen, dass es sich ausschließlich um Daten handelt von Patienten, die 2021 beim Arzt waren. Möglicherweise hat auch das zur Fehlinterpretation durch die AfD beigetragen.

Epidemiologe und Gremiums-Mitglied Stöhr kritisiert seine Kollegen. Unter anderem hätten die Daten zu Schulschließungen und Übersterblichkeit prägnanter formuliert werden müssen. 

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1 min
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AfD sieht nun einen Abrechnungsskandal

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD hat mittlerweile auch auf die Kritik an der Datenauswertung reagiert und spricht nun von einem "Abrechnungsskandal". Gegenüber ZDFheute vermutet er, dass "2021 Leistungen für über 100.000 in den Vorjahren gestorbene Menschen abgerechnet" wurden.

Die ICD-10-Codes haben aber keinen direkten Einfluss auf die Abrechnung bei niedergelassenen Ärzten oder Ärztinnen. "Abgerechnet werden Leistungen anhand der Gebührenordnung", erklärt von Stillfried vom ZI. Mit den ICD-Codes dokumentiere man lediglich die Behandlungsanlässe. Solle bei einer Prüfung auffallen, dass "im Einzelfall eine Leistung für einen bereits verstorbenen Patienten abgerechnet worden" sind, dann würde dies über einen Korrektur des Honorarbescheids angepasst werden, im Datensatz der BKV würde diese Korrektur jedoch nicht vorgenommen.

Fazit: Es gibt aktuell keine Anzeichen für einen Anstieg von Todesfällen mit unklaren Ursachen. Rückschlüsse auf die Sterblichkeit nach der Einführung der Covid-Impfung lassen sich aus den von der AfD ausgewerteten Daten nicht ziehen. Tatsächlich finden sich jedoch in den Daten der BKV einige, wohl fehlerhaft eingetragene, ICD-Codes. Dem sollten die Krankenkassen nachgehen, um derartige Verunsicherungen in Zukunft zu vermeiden.

Touristen mit und ohne Maske in Cozumel, Mexiko
Grafiken

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