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Studieren in Pandemie-Zeiten - Jung, einsam, strebsam

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Unis und Hochschulen sind seit fast zehn Monaten im Shutdown. Das heißt: Distanzlehre statt Präsenz. Mit weitreichenden Folgen für die rund 2,9 Millionen Studierenden.

Ein Student organisiert sein Studium vom Wohnzimmer der Eltern aus und blickt auf die Webseite.
Ein Student organisiert sein Studium im Wohnzimmer.
Quelle: dpa

Das Tor zur Wissenschaft ist verschlossen: Die Gebäude der Humboldtuni in Berlin sind zu. Seit Monaten hat Jerome Gondlach keinen Vorlesungssaal mehr von innen gesehen. Manchmal spaziert der Student vorbei, denn zum Glück hat er seinen Hund Tanne, der ihn zwingt unterwegs zu sein.

Sonst hängt er wie alle Studierenden zurzeit viel allein vorm Computer und fühlt sich pandemiebedingt eingesperrt.

Man könnte schon von einem geklauten Jahr sprechen.
Jerome Gondlach, Student

Gondlach studiert Regionalwissenschaften im fünften Semester. Seine Jobs in einer Nachtbar, einer Kunstgalerie und einer Agentur sind weggebrochen, wegen der Corona-Pandemie.

Studierende kritisieren, dass ihnen der Staat nicht hilft

Gerade wurde sein Antrag auf staatliche Überbrückungshilfe abgelehnt. Ohne nachvollziehbare Gründe, erklärt er, denn auf seinem Konto seien nur noch 50 Euro - und die Semestergebühren von 300 Euro stehen an. Er sei am Limit, sagt Jerome Goldbach und werde nun versuchen, mit einem dieser prekären Lieferanten-Jobs seine Situation zu retten, sagt er.

Akute Geldnot und mangelnde staatliche Unterstützung beklagen Studierendenvertreter deutschlandweit. Vor der Pandemie haben sich zwei Drittel ihr Studium mit Nebenjobs finanziert. Davon gibt es aktuell nicht mehr viele.

Bei vielen junge Leute liegen die Pläne von Ausbildung, Nebenjob, Praktikum oder Auslandsaufenthalt derzeit auf Eis. Die Pandemie hat alles verändert. Wie gehen junge Leute damit um? Lisa Jandi hat Berliner*innen getroffen.

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Psychische Belastung für viele groß

Nur ein kleiner Teil der Studierenden wird mit Bafög gefördert. Und die staatliche Corona-Nothilfe von maximal 500 Euro pro Monat sei viel zu bürokratisch, so Carlotta Kühnemann, vom Freien Zusammenschluss der Studierendenschaften (FZS). Sie sieht die Situation nach fast zehn Monaten Shutdown angespannt.

Ein Großteil leide psychisch unter den Belastungen. Die Verschuldung durch Studienkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau hätte sich 2020 im Vergleich zum Vorjahr fast vervierfacht. Eine verlässliche Abbrecherquote gäbe es noch nicht, jedoch meldeten Unis vermehrt nicht bestandene Prüfungen.

Wir sind einfach nicht laut, weil wir alle einsam vor unseren Computern sitzen.
Carlotta Kühnemann, FZS

Studien-Frust wächst, Motivation sinkt

Die Forderungen der FZS: Eine grundlegende Reform des Bafög-Gesetzes, Verlängerung der Regelstudienzeit, mehr Kalkulierbarkeit bei Prüfungen. Der Prüfungsmonat Februar wird zeigen, wie online Prüfungen überhaupt zu stemmen sind. Welche Technik-Tücken Prüfungen ausbremsen oder in folgende Semester schieben.

Seitenweise Pflichtlektüre, aufgezeichnete Vorlesungen, Tutorien im Netz – bei manchem rutscht die Motivation in den Keller mit dem Gefühl das nichts mehr voran geht. Der Frust wächst.

Ulrike Jote wäre eigentlich fertig mit ihrem Studium, wenn nicht Corona gekommen wäre. Sie ist inzwischen sehr frustriert. "Es gibt einfach keinen Sinn mehr, keinen Inhalt mehr."

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Psychologin: Struktur im Alltag kann helfen

Psychologin Brigitte Reysen-Konstudis kennt Motivationsprobleme bei Studierenden. In letzter Zeit berichten jedoch immer mehr von Einsamkeit, extremer Unsicherheit und Ängsten.

Was fehlt, ist der Austausch mit anderen Kommilitonen, die Bestätigung im Alltag, Teil eines großen Ganzen zu sein, das Gefühl: meine Uni, mein Hörsaal, meine Mensa, alles fällt weg.
Brigitte Reysen-Konstudis, Psychologin

Sie rät: eine Struktur in den Alltag zu bringen, Arbeitsjournale anzulegen, um einen Sinn zu sehen, soziale Kontakte auch im Netz aufzunehmen. Um gemeinsam durch die dunkle Zeit zu kommen, veranstalteten Studierendenvertreter "Dark Week Festivals" zum Kennenlernen und gegen das "lost in digitalisation"-Gefühl.

Studienabschluss pandemiebedingt verzögert

Aber auch wer glaubt, dass er es fast geschafft hat, steht vor Problemen wie Ulrike Jote. Sie will ihr Studium mit einem Master im fünften Semester endlich abschließen, aber pandemiebedingt verzögert sich alles um weitere drei Semester. Alle Türen bleiben nun verschlossen. Es gibt keine Praktika, kein Geld, keine Betreuung in Firmen.

Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf Universitäten und Studierende. Ein leerer Hörsaal (Symboldbild).

Uni in Corona-Zeiten -
"Viele haben ihr Studium abgebrochen"
 

Prüfungen, Praktika, Auslandsstudium: Nichts davon vermittelt Normalität im zweiten Corona-Semester. Viel liegt auf Eis. Wie gehen Studierende damit um? ZDFheute hat nachgefragt.

von Marcel Burkhardt

"Ich fühl mich vergessen, von der Politik, von meiner Uni, von der Gesellschaft", meint sie, "weil kein Wert darauf gelegt wird, was mit uns gerade passiert." Dabei hat sie sich doch zehn Jahre durch das Hochschulbildungssystem gekämpft, mental, finanziell alles gegeben. Nun, wo sie endlich ankommen will, fühlt sie sich wie im Stau.

Sylvia Bleßmann ist Korrespondentin im ZDF-Landesstudio Berlin.

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