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Interview

Risikoforscher Gerd Gigerenzer - "Corona ist auch eine Chance"

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Wir müssen lernen, Risiko wieder als Teil des Lebens zu akzeptieren - das fordert Deutschlands bekanntester Risikoforscher. Und wir sollten Zahlen besser verstehen.

Die Infektionszahlen für Deutschland sehen derzeit gut aus, aber es gibt neue Sorgen um die Delta-Variante. Was haben wir bisher in der Pandemie gelernt? Risikoforscher sagen, wir müssen ein neues Verhältnis zu allgemeiner Unsicherheit entwickeln.

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ZDFheute: Corona wird bleiben, heißt es. Und dass wir uns an eine "neue Normalität" gewöhnen sollten. Brauchen wir einen neuen Umgang mit Risiko und Ungewissheit?

Gerd Gigerenzer: Ja. Ungewissheit ist uns deutlich geworden während der Corona-Pandemie. Sie sollte uns auch vorher schon deutlich geworden sein, zum Beispiel während der letzten Finanzkrise oder Schweinegrippe oder Vogelgrippe oder SARS und so weiter. Aber wir denken oft, wir würden in einer Welt der Sicherheit leben.

Ich denke, dass die Illusion der Gewissheit uns allen von verschiedensten Seiten verkauft wird, von Versicherungen, von Finanzberatern und von vielen anderen.

Es ist auch ein Geschäftsmodell geworden. Dagegen leben wir in vielen Bereichen tatsächlich unter hochgradiger Ungewissheit. Und das betrifft unser persönliches Leben. Es betrifft Pandemien wie finanzielle Anlagen. Hier ist es wesentlich, dass wir wieder lernen: Nichts ist sicher in diesem Leben außer dem Tod und den Steuern, wie der kluge Benjamin Franklin sagte.

ZDFheute: Unser Pandemie-Barometer sind weiterhin die Zahlen. Sieben-Tage-Inzidenzen, R-Wert, Todeszahlen. Wir sind in unseren Stimmungen und Entscheidungen sehr davon abhängig geworden…

Gigerenzer: Das Besondere an der Corona-Krise ist, dass wir Angst und Hoffnung mehr an Zahlen binden als an Bilder. Aber die meisten von uns haben nie gelernt, Zahlen und Statistik zu verstehen. Jetzt hätten wir die große Chance, jungen Menschen - die über ein Jahr lang mit diesen Zahlen, die uns Angst und Hoffnung machen, konfrontiert worden sind und nun eine Motivation haben zu verstehen – beizubringen, die Risiken selbst zu begreifen statt sich nur zu ängstigen.

In den Schulen, in der Presse brauchen wir mehr Aufklärung über Zahlen, zum Beispiel in der Medizin. Es gibt immer noch Menschen, die sich die Frage stellen: Soll ich mich wirklich impfen lassen oder lieber abwarten, da jede Impfung auch bestimmte Risiken mit sich bringt wie schwere Thrombosen? Das ist die falsche Frage.

In Zusammenhang mit dem Impfstoff von Astrazeneca wurden in Deutschland über 60 Fälle von Hirnvenenthrombosen gezählt. Die seien therapierbar, erklärt der Forscher Arnold Ganser.

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Die richtige wäre die nach der Höhe des Risikos, wenn man nichts tut und abwartet. Das Risiko, etwa durch Nichtstun in einer Intensivstation zu landen und mit Covid-19 infiziert ums Leben zu kämpfen, ist deutlich höher.

Vergleichen wir das minimale Risiko bei einer Impfung mal mit Risiken, die Menschen sonst eingehen. Zum Beispiel, dass Sie durch einen abgelenkten Autofahrer ums Leben kommen. Also durch jemanden, der auf seinem Handy während des Fahrens textet oder etwas anderes tut. Solche Risiken akzeptieren wir, gehen wir ein. Auf der anderen Seite aber fürchten wir uns vor Risiken, die wesentlich kleiner sind.

ZDFheute: Können Sie ein Beispiel dafür geben, wo ein verständnisvollerer Umgang mit Statistik für uns alle sinnvoll wäre?

Gigerenzer: Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass an den meisten Universitäten die Medizinstudenten nicht wirklich lernen, statistisch zu denken, also etwa ein Corona-Testergebnis abschätzen zu können.

Das wäre jetzt der Moment - schon im ersten Semester am konkreten Beispiel der Pandemie zu lehren, wie man mit Risiko und Ungewissheiten umgeht. Nicht nur als abstrakte Disziplin. Die meisten Medizinstudenten verstehen bisher auch am Ende ihres Studiums die Zahlen nicht. Da möchte man nicht unbedingt Patient sein.

Was bedeutet zum Beispiel das Ergebnis eines Corona-Tests? Jeder sollte wissen, warum ein negatives Testergebnis wesentlich verlässlicher ist als ein positives Ergebnis. Weil falsch-positiv häufiger vorkommt. Oder es sollte jedem bewusst sein, dass die Testung der Gesamtbevölkerung in Deutschland zu mehr Fehlern führt, als wenn nur Personen getestet werden, die Symptome haben. Das sind einfache Einsichten.

Bald beginnen die Sommerferien, gleichzeitig breitet sich die Delta-Variante des Coronavirus aus. Dass Kinder in die Schule gehören und nicht ins Homeschooling, darin sind sich alle einig.

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ZDFheute: Die Ferien locken, die Delta-Variante droht. Wofür sollten wir uns nach dem Sommer wappnen?

Gigerenzer: Wir müssen lernen, mit dem Virus in der Zukunft zu leben. Wir werden vor September nicht wissen, wie es weitergeht.

Aber Corona ist auch eine Chance. Nämlich die Chance, mit Risiken generell umzugehen und sie zu verstehen, statt sich zu ängstigen oder in Verschwörungstheorien abzudriften.

Jede Katastrophe ist ein neuer Anfang.

Das Interview führte Peter Kunz.

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