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Corona-Impfungen - Wieso die USA ihr Impfziel verfehlen

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Lange überschlugen sich die USA mit Impf-Rekorden. Jetzt geht es langsamer voran. Das könnte gefährlich werden, auch wegen der Delta-Variante. Drei Trends sind besorgniserregend.

Spritzen im Impfzentrum an der Jackson State Universität.
Spritzen im Impfzentrum an der Jackson State Universität.
Quelle: ap

Der 4. Juli sollte der Tag werden, an dem die USA die Corona-Pandemie überwunden haben. Menschen, die unbeschwert den Unabhängigkeitstag feiern, bei Feuerwerk, Barbecue, mit Familie und Freund*innen. So in etwa hatte sich das Präsident Joe Biden vermutlich vorgestellt, als er Anfang Mai verkündete: Bis zum 4. Juli sollen 70 Prozent aller Erwachsenen mindestens eine Impfung erhalten haben, 160 Millionen vollständig geimpft sein.

Am Stichtag haben 67 Prozent der Erwachsenen, knapp 173 Millionen, mindestens eine Impfung erhalten. Damit hat Biden sein Ziel verfehlt. Schaut man etwas genauer auf die Zahlen, zeigen sich zudem einige besorgniserregende Trends.

1. Große Unterschiede zwischen Nord und Süd

Der erste: Die 67 Prozent sind ein Durchschnittswert. Der ergibt sich aus unterschiedlichen Extremen und einer Art Nord-Süd-Gefälle. Im US-Bundesstaat Vermont, ganz im Norden, sind 85 Prozent der Erwachsenen geimpft. Im südlichen Mississippi sind es gerade mal 46 Prozent.

"Das Problem ist, dass das vermutlich nicht genug ist, um Herdenimmunität zu erreichen", sagt Stuart Ray, Experte für Infektionskrankheiten an der Johns Hopkins University.

Es wurden nicht genügend Menschen geimpft, um die Bevölkerung wirklich zu schützen, wenn der Winter kommt. Vor allem wegen genetischer Virus-Varianten wie der Delta-Variante, die übertragbarer zu sein scheinen.
Stuart Ray, Johns Hopkins University

Um vor der Delta-Variante geschützt zu sein, müssten 85 Prozent in der Bevölkerung immun sein - davon gehen Virolog*innen inzwischen aus. Und zwar der gesamten Bevölkerung, nicht nur der Erwachsenen.

2. Impfgeschwindigkeit nimmt ab

Damit wäre man bei Trend Nummer zwei: die Impfgeschwindigkeit. Impfen die USA weiterhin so schnell bzw. langsam wie im Moment, wären die 85 Prozent erst Ende Februar erreicht. Das errechnete die New York Times. Selbst 70 Prozent wären es demnach erst Ende Oktober. Die Gefahr, das nach Meinung von Expert*innen zu viele Menschen ungeimpft in den Winter gehen, ist also nicht unerheblich.

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Dabei wurden Anfang April noch täglich mehr als drei Millionen Menschen geimpft. Seit einiger Zeit schwankt dieser Wert um die eine Million pro Tag.

Ich denke, dass das Gefühl der Dringlichkeit nachgelassen hat. Die Menschen reagieren sehr reaktiv auf die Situation, in der sie leben. Das Positive daran ist, dass wir uns von einer Tragödie schnell erholen. Aber wir konzentrieren uns eben nicht sehr lange auf die Tragödie.
Stuart Ray, Infektionsarzt Johns Hopkins University

Dabei sei es wichtig, dass die Menschen aus der Tragödie lernten und Konsequenzen zögen. In dem Fall: Sich impfen lassen.

Tatsache ist, dass mehr als 99% der Menschen, die derzeit in den Vereinigten Staaten an Covid sterben, ungeimpfte Menschen sind.
Stuart Ray

3. Impfskepsis in den USA

Schließlich also der dritte Trend, der seinen Schatten auf die US-Impfkampagne wirft: Viele Menschen wollen sich nach wie vor nicht impfen lassen, sind zögerlich, skeptisch oder lehnen die Corona-Impfung rundweg ab. Mehrere Umfragen zeigen: Etwa 25 Prozent aller US-Amerikaner*innen wollen sich nicht impfen lassen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Gruppen ausmachen, auf die das zutrifft. Erstens, People of Color. In der Vergangenheit wurden Schwarze für medizinische Experimente missbraucht, ihre Skepsis dem US-amerikanischen Gesundheitssystem gegenüber ist historisch gewachsen.

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Und zweitens, eine ländliche, religiöse und oftmals republikanische Bevölkerungsgruppe. Die Gründe sind divers. Manche hängen Verschwörungstheorien an, andere Donald Trump, der sich wenn überhaupt nur sehr verhalten für die Corona-Impfung ausgesprochen hat.

Stefanie Friedhoff ist Expertin für Öffentliche Gesundheit an der Brown University. Sie plädiert dafür, den Skeptiker*innen Zeit zu geben, verständnisvoll zu sein.

Wenn man diesen Menschen Raum gibt, auch ihre falschen Vorstellungen zu erzählen, und ihnen die Möglichkeit gibt für ein Gespräch, in dem man erstmal zuhört und dann vielleicht Sachen aufklärt, ist es möglich, dass sie ihre Meinung ändern und sich aufklären lassen.
Stefanie Friedhoff, Brown University of Public Health

Ob die USA so viel Zeit haben, wird sich zeigen. Womöglich schon zwei Wochen nach dem 4. Juli, den viele Menschen wohl ausgelassen feiern werden - geimpft oder nicht.

Der Autorin bei Twitter folgen: @ninaniebergall

USA, Greenville

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