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Leiterin einer Intensivstation - "Kein Patient bekommt Heiligabend aktiv mit"

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Weihnachten auf der Covid-Intensivstation ist vor allem eins: einsam. Die Krankheitsverläufe seien schwerer geworden, die Kapazitäten ausgeschöpft. Eine Stationsleiterin berichtet.

Eine Ärztin behandelt einen Patienten auf einer Covid-Intensivstation im SRH Waldklinikum in Gera, Thüringen, am 16.12.2020
Covid-Intensivstationen kommen immer mehr an ihre Grenzen (Archivbild)
Quelle: dpa/Bodo Schackow

ZDFheute: Wie sieht es derzeit auf Ihrer Station aus?

Carolin von Ritter-Zahony: Wir haben unser volles Patientenkontingent ausgeschöpft. Wir haben zehn Patienten, von denen auch zehn beatmet werden. Zwei Lungenersatzmaschinen und viele, viele Bauchlagen. Tatsächlich hat sich die Situation deutlich zugespitzt. Ab jetzt wird es kritisch.

Was wirklich auffällt: Die Verläufe sind insgesamt bedeutend schlechter als noch in der ersten Welle. Wir haben tatsächlich noch nicht viele Patienten lebend rausgekriegt.

ZDFheute: Woran liegt das?

Von Ritter-Zahony: Wir wissen das leider nicht, was für uns alle sehr belastend ist. Auch die Situation in anderen Häusern ist sehr ähnlich. Es sind leider wenig erfolgsversprechende Verläufe, wenn die Patienten einmal intubiert sind.

ZDFheute: Wie blicken Sie auf die Weihnachtsfeiertage - eine Zeit, in der ja auch nochmal gelockert wird.

Von Ritter-Zahony: Wir sind uns alle einig, dass uns ab Anfang/Mitte Januar ein sehr schwieriger Zustand erwartet. Es ist ja jetzt schon so, dass wir an unsere Grenzen kommen, wir sehr viel Arbeit haben, auch psychisch viel belastender als bei der ersten Welle. Aber man kann es noch schaffen.

Ich persönlich habe Angst vor dem, was da auf uns zukommt.

ZDFheute: Zumal es ja auch bis hierhin schon sehr intensiv war. Wie schaffen Sie es, dieses Level über so einen langen Zeitraum zu halten?

von Ritter-Zahony: Durch mein fantastisches Team. Die sind einfach großartig und auf Höchstleistungen gepolt.

Und trotzdem merkt man jedem einzelnen an, dass er erschöpft ist.

Das ist auch klar sichtbar. Ich weiß nicht, wie lange wir dieses Niveau noch halten können. Vor allem, weil man ja kein Licht am Ende des Tunnels sieht, sondern eher noch die Verschlechterung.

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ZDFheute: Was bedeutet Heiligabend für sie als Team?

Von Ritter-Zahony: Weihnachten wird mit Sicherheit nicht besinnlich. Wir haben viele traurige Angehörige, die keinen Kontakt zu den Patienten, also zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter haben können. Das ist nochmal eine Ecke intensiver für uns, weil wir damit auch einen Job übernehmen, in dem wir viel mit den Angehörigen sprechen.

In anderen Jahren kommen die Angehörigen an Weihnachten vorbei, man hat zwischendrin auch gute, nette Gespräche. Man spürt, wie dankbar und gleichzeitig traurig die sind. Man kann sie auffangen, indem man ihnen auch was Gutes tut.

Das fällt komplett weg.

Viele meiner Mitarbeiterinnen sind nicht aus Deutschland und die können über Weihnachten nicht nach Hause.

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von Nicola Albrecht

ZDFheute: Eigentlich wollte ich auch fragen, was Weihnachten auf der Covid-Station für die Patienten bedeutet. Die Frage kann ich mir sparen, oder?

Von Ritter-Zahony: Tatsächlich ja, wir haben keinen einzigen Patienten, der Heiligabend aktiv mitbekommt.

ZDFheute: Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Von Ritter-Zahony: Sie machen ihren Job richtig gut, aber sind gleichzeitig auch sehr frustriert. Gerade wenn man weiß, dass viele Patienten vermutlich das ganze Prozedere nicht überleben werden.

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ZDFheute: Wie ist die Impfbereitschaft im Team? Was versprechen Sie sich von der Impfung?

Von Ritter-Zahony: Am Anfang war die Impfbereitschaft tatsächlich noch gar nicht so groß. Alle hatten etwas Bedenken, was die schnelle Zulassung angeht. Bei einigen Kollegen ist die Unsicherheit sicher noch da.

Aber mittlerweile reißen wir uns um die wenigen Impfdosen, die wir bekommen.

Ich werde direkt am 27. Dezember geimpft.

ZDFheute: Wie stehen Sie zu dem Vorschlag eines Ethikrats-Mitglieds, Impfgegner sollten auf Behandlungsanspruch verzichten.

Von Ritter-Zahony: Ich habe da eine sehr klare Meinung dazu.

Man darf niemandem aufgrund einer Gesinnung eine Behandlung versagen.

Ein ganz einfaches Beispiel: Viele alte Menschen schließen im Vorfeld eine Behandlung auf der Intensivstation aus. Wenn sie aber dann kurz davorstehen, wollen sie es meist doch.

Heißt: Eine Meinung darf sich durchaus auch ändern, wenn man selbst betroffen ist. Ich persönlich finde, dass man einen persönlichen Groll hegen darf, aber nicht im professionellen Umfeld. Da ist das nicht angebracht.

Das Interview führte Julia Lösch.

[Wir haben bereits Anfang November mit Carolin von Ritter-Zahony gesprochen. Lesen Sie das Interview hier.]

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