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Margot Käßmann und Bruder Paulus - "Stille Nacht darf stille Weihnachten werden"

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Trotz hoher Infektionszahlen soll ein "klassisches" Weihnachtsfest möglich sein. Für Kirchenvertreter geht Weihnachten mit Lockerungen aber am Ursprungsgedanken des Festes vorbei.

Margot Käßmann und Bruder Paulus
Margot Käßmann und Bruder Paulus
Quelle: dpa/Imago

Weihnachten könnte in diesem Jahr für viele anders aussehen: im kleinsten Kreis, ohne Umarmung, ohne großen Gottesdienst. Doch Kirchenvertreterinnen und -vertreter sehen dies gerade als Chance - als Rückbesinnung auf den wahren Wert von Weihnachten.

ZDFheute: Halten Sie geplante Lockerungen zur Weihnachtszeit für richtig?

Margot Käßmann: Wenn jetzt gesagt wird vom 23. bis zum 27. Dezember lockern wir die Maßnahmen und dann haben wir zehn Tage später aufgrund von Weihnachten eine Erhöhung der Infektionszahlen. Das hielte ich für sehr, sehr schwierig. Deshalb würde ich da eher ein wenig bremsen und sagen: Lasst uns ein bisschen die Erwartung aus dem Weihnachtsfest rausnehmen und in den Familien doch klären, was ist unbedingt notwendig, wo sind Menschen so einsam, dass sie es anders nicht aushalten.

An Weihnachten Lockerungen zu machen, heißt eigentlich, der Bevölkerung zu sagen, diese ganzen restriktiven Maßnahmen muss man gar nicht so ernst nehmen.
Bruder Paulus, Kapuzinermönch

Bruder Paulus: An Weihnachten Lockerungen zu machen, heißt eigentlich, der Bevölkerung zu sagen, diese ganzen restriktiven Maßnahmen muss man gar nicht so ernst nehmen, denn wir können sie einfach wieder dann auflösen, mit einem Datum, das mit einem Fest verbunden ist und nicht mit einer Sache. Und das finde ich schade. Dass Weihnachten dazu missbraucht wird, dass man irgendwelche Lockerungen in Aussicht stellt, um irgendwie besser dazustehen. Ich finde, Stille Nacht darf auch mal stille Weihnachten werden.

Weihnachten - das Fest der Liebe und der Familie. Die Politik möchte für die Feiertage dennoch Lockerungen beschließen, Vertreter der Kirche sehen das jedoch kritisch.

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3 min
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ZDFheute: Was denken Sie ist der Grund, weshalb viele Politikerinnen und Politiker sich so auf Weihnachten fokussieren?

Käßmann: Es ist der Deutschen liebstes Fest. Ich denke, dass Politikerinnen und Politiker spüren, da gibt es zunehmend Kritik an den Maßnahmen, da gibt es eine große Ungeduld. Und sie haben den Eindruck, wenn wir den Menschen jetzt das Weihnachtsfest "verderben", dann ist das zu viel. Dann lässt sich der Druck nicht mehr im Kessel halten und das Ganze explodiert. Das ist, denke ich, der Hauptgrund und die Motivation.

Bruder Paulus: Die Politikerinnen und Politiker fokussieren sich auf Weihnachten, weil sie denken, das sei das schönste Fest. Jetzt gibt man den Leuten ein bisschen Weihnachten und gibt ihnen ein bisschen Betäubungsmittel. 'Wenn ihr die drei Wochen im Advent aushaltet, dann kriegt ihr schöne Weihnachten von der Weihnachtsfrau Frau Merkel' - und das finde ich erstmal nicht in Ordnung.

"Stille Nacht darf auch mal stille Weihnachten werden.
Bruder Paulus, Kapuzinermönch

ZDFheute: Was ist denn der Ursprungsgedanke von Weihnachten? Ist dieser nur mit Lockerungen vereinbar?

Käßmann: Wir haben in Deutschland das Weihnachtsfest ziemlich überhöht und viel Kitsch und Druck aufgebaut. In den letzten Jahren war es ja so, dass viele gesagt haben, Weihnachten stresst sie. Und dann denke ich, ja vielleicht entstresst Corona jetzt auch die Weihnachtszeit.

Vielleicht können wir Weihnachten auch ein bisschen abspecken und fragen: Worum geht‘s? Es geht um die Geschichte der Geburt eines Kindes unter sehr schwierigen Umständen. Und die Engel sagen "Fürchtet euch nicht". Das ist eigentlich die relevante Botschaft, die gerade dieses Jahr doch hörbar ist.

Wir haben in Deutschland das Weihnachtsfest ziemlich überhöht und viel Kitsch und Druck aufgebaut.
Margot Käßmann, Theologin

Bruder Paulus: Ich glaube, dass es einfach ein Missverständnis da ist. Die Leute glauben, dass Weihnachten ein Familienfest ist. Das war es eigentlich nie so ganz richtig. Es war ein Kindheitsfest, ein Kindheits-Erinnerungsfest, was am Ende aggressive Stimmung macht, weil es zu Hause nie mehr so schön ist, wie es früher war.

ZDFheute: Welche Ideen gibt es, Weihnachten zu feiern ohne Maßnahmen zu missachten?

Käßmann: Also in der Kirche wird schon seit Wochen darüber nachgedacht, wie denn Weihnachten coronakonform stattfinden kann. Es gibt viele, viele Ideen. Das eine ist natürlich - für die Menschen, die nicht in den Gottesdienst kommen, weil sie sich nicht anstecken wollen - möglichst viel über das Fernsehen, das Radio, Streaming, Internet in die Wohnzimmer zu bringen.

Damit die Menschen mitsingen können, wenigstens im Wohnzimmer "Stille Nacht" und "Oh, du Fröhliche" und sie "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging" von ihrem Pfarrer oder ihrer Pfarrerin hören. Das andere sind coronakonforme Gottesdienste, die mit viel Fantasie geplant werden.

Bruder Paulus: Die Kirche will auf gar keinen Fall, dass Menschen sich gefährden und das Menschen wieder Wellen von Infektionen hervorrufen. Ich kann nur sagen, wir haben Ostern gefeiert, auch ohne große Feste. Es ist bedauerlich, schmerzlich, gar keine Frage. Aber es gibt 180 Millionen verfolgte Christen in dieser Welt, die können überhaupt nie Gottesdienst feiern.

An Weihnachten war Jesus mit Maria und Josef auch allein, da kamen ein paar Hirten und Ochs und Esel waren auch dabei. Von daher macht man diesmal richtig Weihnachten, indem wir die menschlichen Werte heiligen.

Bruder Paulus appelliert an die Christinnen und Christen: Sie sollen sich auch in Notlagen von der Gegenwart Gottes inspirieren lassen und nach Lösungen suchen.

Beitragslänge:
46 min
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Man kann seine Nachbarn einladen, Kerzen anzünden, im Garten eine Krippe aufbauen. Man kann Nachbarn einen Brief schreiben, den man noch nie geschrieben hat. Man kann viele Dinge schön machen, Leute beschenken, überraschen. Der Postbote freut sich auch, wenn er einen Weihnachtsgruß kriegt. Man kann sich ein ganz schönes Weihnachten machen, wenn man endlich mal loslässt.

Die Interviews führte Teresa Betz.

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