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Interview

Infektiologe Wendtner mahnt - "Impfen ist erste Bürgerpflicht"

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Impfen und Kontaktreduzierung seien "erste Bürgerpflicht", um der vierten Corona-"Monsterwelle" zu entkommen, warnt Infektiologe Wendtner bei ZDFheute.

Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner. Archivbild
Professor Clemens Wendtner ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie an der München-Klinik Schwabing. Er hat 2020 die ersten Covid-19-Patienten in Deutschland behandelt.
Quelle: --/München Klinik Schwabing/dpa/Archivbild

ZDFheute: Herr Professor Wendtner, die Intensivstationen vieler Krankenhäuser sind in Not. Was würden Sie sagen, wie nahe ist das Thema Triage bereits?

Clemens Wendtner: Wir haben bereits jetzt einen schleichenden Prozess der Triage in den Hotspot-Regionen, insbesondere in Südost-Bayern. Das heißt, die Regelversorgung ist reduziert. Aber wir haben eben auch schon Einzelberichte von Fällen, bei denen Notfallpatienten nicht mehr zwingend wohnortnah versorgt werden können. Zum Teil müssen längere Transportzeiten mit dem Notarztwagen oder auch mit dem Helikopter in Kauf genommen werden.

ZDFheute: Was heißt das denn auch für Nicht-Covid-Patienten, die eine intensive Betreuung brauchen?

Wendtner: Es kann zu zeitlichen Verzögerungen in der Notfallversorgung bereits jetzt kommen. Wir hoffen, dass wir trotzdem allen Patienten noch helfen können, in der jetzigen Situation ist das noch weitgehend möglich. Allerdings, wenn die Intensivkapazitäten sich weiter verengen, ist nicht auszuschließen, dass auch Patienten zu Schaden kommen.

Zwar habe es schon höhere Inzidenzen gegeben, aber im Vergleich zum Januar 2021 gebe es in Deutschland knapp 4.000 Intensivbetten weniger. Das verschärfe die Situation. Die Einschätzung von Prof. Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing.

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ZDFheute: Sie sind ein Fachmann, schon lange dabei und immer ruhigen Mutes. Inzwischen haben wir rund 50.000 Neuinfektionen täglich, wie wird das weitergehen?

Wendtner: Das sind einfach Höchststände, die wir so noch nicht hatten. Ich neige nicht zu Alarmismus, aber ich hebe doch auch meinen warnenden Finger, wenn ich denke: "Jetzt wird es eng". Und ich sehe noch nicht Land in Sicht. Das ist auch das Problem. Wenn ich wüsste, wir haben das in wenigen Tagen hier in einer gemeinsamen Anstrengung geschafft und haben den Wendepunkt erreicht, wäre ich hoffnungsfroher.

Ich glaube, es muss jedem klar werden, dass wir hier eine ernsthafte Situation haben in der klinischen Versorgung, die wir so in Deutschland noch nicht erlebt haben und die es einfach erforderlich macht, dass jeder seine eigenen - zum Teil egoistischen - Interessen in den Hintergrund rückt und an das Gemeinwohl denkt, an die Versorgung insbesondere der Schwächsten in unserer Gesellschaft.

Deswegen sage ich: Impfen ist keine Privatangelegenheit, Impfen ist erste Bürgerpflicht und jeder sollte das ernst nehmen.

Eine Impfpflicht wäre sonst die logische weitere Konsequenz.

ZDFheute: Was ist denn der entscheidende Unterschied im Vergleich zur ersten, zweiten und dritten Welle?

Wendtner: Es ist so, dass wir von virologischer Seite andere Voraussetzungen haben. Delta ist ja viel aggressiver, das erleben wir zur Zeit. Wir haben eine Verknappung der klinischen Ressourcen, insbesondere der kostbaren Intensiv-Ressourcen. Und natürlich haben wir auch eine gewisse Corona-Müdigkeit. Das heißt, wir müssen es auch weiter ernst nehmen und entsprechende Maßnahmen auch ergreifen.

Die Impfung ist das schärfste Schwert.

Professor Clemens Wendtner, einer der führenden Experten in der Behandlung von Covid-Patienten, spricht sich für Corona-Warnstufen aus, die auch Hospitalisierungs- und Intensivquoten mit einbeziehen. Die 7-Tage-Inzidenz solle aber "Seismograph" bleiben.

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ZDFheute: Fühlt man sich da auch ein bisschen als "Rufer in der Wüste“?

Wendtner: Es gibt durchaus diese Momente, in denen man sagt, man ist der Mahner in der Wüste und steht alleine da. Die Entwicklungen zeichneten sich bereits im Sommer ab, es gab sehr fundierte, auch epidemiologische Simulationen in dem Bereich, die ganz klar belegen, wir brauchen eine sehr hohe Impfquote, mindestens 75 Prozent, eher 85 Prozent bezogen auf die Gesamtbevölkerung.

Und wir brauchen zusätzlich eine deutliche Kontaktreduktion für die Wintermonate, nämlich eine Halbierung von 16 Kontakten pro Tag auf ungefähr acht Kontakte. Nur beides zusammen wird uns sicher aus dieser vierten "Monsterwelle“ führen.

ZDFheute: Es gibt ja noch einen harten Kern von etwa zehn bis 15 Prozent, die sagen "no way, wir werden uns nicht impfen lassen". Welche Argumente fallen Ihnen noch dazu ein?

Wendtner: Man kann nur gebetsmühlenartig betonen, dass die Covid-19-Erkrankung sehr, sehr viel gefährlicher ist als mögliche Impffolgen. Wir haben immer betont, es kann kurzfristige Impfnebenwirkungen geben, aber langfristige Impffolgeschäden können wir nahezu ausschließen.

Zum Schluss wird man, wenn der Appell an die Eigenverantwortlichkeit ins Leere läuft, auch zu anderen Maßnahmen seitens der Politik greifen müssen. Eine Impfpflicht, berufsbezogen beginnend, aber vielleicht auch eine allgemeine Impfpflicht ist etwas, was zunehmend die Bundesbürger mittragen.  

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ZDFheute: Gerade in der Impfdebatte prallen zwei Werte aufeinander: Freiheit des Einzelnen und Schutz der Gemeinschaft. Wie lässt sich das ausbalancieren?

Wendtner: Also Freiheit ohne Verantwortung ist für mich Egoismus. Freiheit kann nur dann akzeptiert werden, wenn sie auch den Schutz der Gesellschaft mit im Auge hat. Deswegen ist Impfung zwar eine Entscheidung, die man abwägen kann, aber zum Schluss muss es auch eine Entscheidung sein, die sich für die Verantwortung für die Mitmenschen ausspricht und deswegen plädiere ich auch nochmal, sich freiwillig impfen zu lassen. Ansonsten wird man auch mit großer Wahrscheinlichkeit die Impfpflicht hier in Deutschland implementieren müssen.

Das Interview führte Sibylle Bassler. Sie ist Redakteurin im ZDF-Landesstudio Bayern in München.

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