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Wissenschaft in den Medien - "Mitunter wurde hier deutlich polarisiert"

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Die Pandemie kann ein Schritt hin zu einer wissensbasierten Gesellschaft sein, die sich nicht an Fake News orientiert, ist Katja Becker, Präsidentin der DFG, überzeugt.

Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
Katja Becker ist Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
Quelle: DFG/Ausserhofer

Nach fast einem Jahr Corona-Pandemie ist es Zeit für eine Bilanz: Wie hat sich Wissenschaft durch die Pandemie verändert und welche Chancen und Risiken sind sichtbar geworden? Fragen an die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Katja Becker.

ZDFheute: Welche Bilanz ziehen Sie für die Wissenschaft nach fast einem Jahr Corona-Krise?

Katja Becker: Die aktuelle Situation stellt für die Wissenschaft eine große Chance dar. In diesem Jahr ist viel deutlicher geworden, wie Wissenschaft überhaupt funktioniert. Das Vertrauen, dass sie sich selbst erworben hat, muss aber auch weiter gestärkt werden.

Das Vertrauen muss jeden Tag neu gewonnen werden.

Aber falls uns dies gelingt, könnte diese Krise einen weiteren wichtigen Schritt in eine wissensbasierte Gesellschaft darstellen, die sich an Erkenntnissen, an Tatsachen, an sorgfältigem Abwägen von Argumenten und an offenen Diskursen orientiert – und eben nicht an Fake News.

ZDFheute: Inwiefern ist die Pandemie aber auch eine Herausforderung für die Wissenschaft?

Becker: Wir müssen weiterhin sehr deutlich machen, dass die Vielstimmigkeit zur Wissenschaft gehört, dass der Diskurs dazugehört. Genauso wie eine gewisse Vorläufigkeit von Erkenntnissen. Nicht nur eine, sondern viele wissenschaftliche Disziplinen können zur Lösung eines Problems beitragen, gerade auch bei komplexen Fragestellungen. Und eine Erkenntnis kann dann - wenn es neue Ergebnisse gibt - am nächsten Tag auch wieder justiert oder revidiert werden.

ZDFheute: Aber was macht die Wissenschaft denn genau aus: Eine einheitliche Stimme oder das Hinterfragen, die unterschiedlichen Nuancen?

Becker: Wenn Sie verschiedene Experten nach ihrer Einschätzung fragen, dann können Sie durchaus auch unterschiedliche Antworten erhalten. Das hängt von der Thematik ab, den unterschiedlichen Erfahrungshorizonten der Befragten. Schon allein deshalb macht es Sinn, mehrere Stimmen zu hören, ein ganzes Netzwerk anzusprechen oder eine Kommission einzurichten.

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Becker: Oft wurden in den vergangenen Monaten aber nur einzelne Stimmen gehört, mit teilweise natürlich auch leicht unterschiedlich formulierten Fragen - diese wurden von den Medien oder der Politik aufgegriffen, mitunter wurde hier auch deutlich polarisiert. Und hinterher mussten all diese Stimmen wieder eingeordnet werden, um dann eine Richtung definieren zu können. Dabei verlieren wir viel Zeit und die Öffentlichkeit wird verunsichert.

ZDFheute: Wo kann sich Wissenschaft verbessern?

Becker: Wir müssen am Thema Kommunikation verstärkt weiterarbeiten. Wissenschaftler*innen müssen stärker darin unterstützt werden, ihre kommunikativen Fähigkeiten weiter auszubauen. Das ist bisher selten integraler Bestandteil von Lehrplänen. An dieser Stelle kann man sicherlich noch einiges optimieren.

Oft wird in der Öffentlichkeit reduziert, zugespitzt, personalisiert.

Damit muss man auch erstmal umgehen können. Neben diesem Aspekt müssen wir der Gesellschaft noch besser die Arbeitsweise der Wissenschaft, die Methoden, die Chancen, aber auch Grenzen und Risiken erklären und weiterhin Vertrauen gewinnen. Und die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit erreichen. Ich glaube, hier gibt es noch sehr viel zu tun.

ZDFheute: Zum Schluss möchte ich noch die wissenschaftliche Betrachtung auf das große Thema Impfen thematisieren. Diese fehlt mir im Kontext der Impf-Diskussion.

Becker: Es gibt ja einige Stellungnahmen, beispielsweise bereitgestellt vom Robert-Koch-Institut. Aber die Frage ist absolut berechtigt und wir haben uns diese in unserer, im vergangenen Frühjahr eingerichteten, Kommission für Pandemie-Forschung auch gestellt. Wir haben ein gewisses Informationsdefizit identifiziert. Und uns deswegen dazu entschieden, eine Stellungnahme zum Thema Impfen zu erarbeiten, die in den nächsten Tagen veröffentlicht werden soll.

Mit ihr wollen wir auch breit in die Öffentlichkeit hineingehen. Sehr zurückhaltend, ohne jeglichen politischen Ton, konsequent wissenschaftlich - mit dem Ziel, klare Antworten zu bieten: Warum brauchen wir die Impfung, welche Chancen und Risiken gibt es, und vieles mehr.

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