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Corona-Zahlen im Check : Sinkt nun die Inzidenz wegen der Notbremse?

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Schlägt sich die Bundesnotbremse schon auf das Infektionsgeschehen nieder? Und warum haben viele Prognosen die derzeitigen Infektionszahlen überschätzt? Ein Überblick.

mit Flatterband abgesperrte Stühle
Shutdown in Hamburg - welche Auswirkungen haben die Regelungen der Bundesnotbremse bisher auf das Infektionsgeschehen?
Quelle: Imago

Die Sorgen vor Ostern waren groß: Ende März warnte der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, vor bis zu 100.000 Neuinfektionen pro Tag in Deutschland. Modellierungen gingen von einer Inzidenz klar über 300, eine sogar von über 2.000 aus.

Doch das Gegenteil passiert derzeit: Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt Tag für Tag, liegt laut RKI aktuell bei 125,7 (Stand 7. Mai). Die Zahl der täglichen Neuinfektionen beträgt im 7-Tages-Schnitt gut 15.960 (Stand 7. Mai). Sind die sinkenden Coronavirus-Zahlen der sogenannten Bundesnotbremse zu verdanken? Und warum sind die Prognosen von RKI & Co nicht eingetreten?

Sinken die Zahlen wegen der Notbremse?

Bis sich Maßnahmen auf die Infektionszahlen auswirken, dauert es in der Regel etwa zwei Wochen. Eine direkte Auswirkung der Notbremse auf die Fallzahlen sei deshalb auch erst "in diesen Tagen zu erwarten", schreibt das RKI auf Anfrage von ZDFheute. Die Zahl der Neuinfektionen begann aber bereits Ende April zu sinken, nur kurz nach Inkrafttreten der Bundesnotbremse. Wie kann das sein?

"Der zuvor bereits rückläufige Trend könnte auch mit der öffentlichen Diskussion um die Notbremse zusammenhängen", heißt es dazu vom RKI. Auch Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, geht davon aus, dass vor allem die öffentliche Debatte um Maßnahmen bereits eine Wirkung hatte - diese wecke in der Bevölkerung im Vorfeld eine Art "Warnmechanismus". Es gebe also auch vor Inkrafttreten schon einen "psychologischen Effekt", so Lehr.

Manche Maßnahmen wirken sogar schon, obwohl sie noch gar nicht in Kraft getreten sind.
Thorsten Lehr, Pharmazie-Professor der Universität des Saarlandes

Diesen Effekt habe man auch schon bei den Ankündigungen vorheriger Maßnahmen gesehen, erklärt der Berliner Physiker Dirk Brockmann ZDFheute.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bestätigte am Freitag, dass die Bundesnotbremse und die damit zusammenhängenden Regelungen geholfen hätten, den aktuell positiven Trend einzuleiten. Der Grund für die sinkenden Zahlen sei aber "vor allem das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger“.

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Welche anderen Faktoren lassen die Zahlen sinken?

Experten und Expertinnen sind überzeugt: Auch die steigenden Fallzahlen im März und April hatten einen psychologischen Einfluss auf die Bevölkerung, sodass es zu einer Verhaltensänderung noch vor der bundesweiten Notbremse kam.

Neben den psychologischen Effekten nennt das RKI als mögliche weitere Gründe auch die zunehmende Anzahl von geimpften Personen und die "Saisonalität": "Im Frühling finden mehr Aktivitäten draußen statt, wo das Infektionsrisiko geringer ist", erklärte auch Thorsten Lehr bereits Ende April gegenüber ZDFheute.

Dazu kommt: Bereits vor Inkrafttreten der Notbremse am 24. April war das Wachstum der täglichen Neuinfektionen gebrochen, auch weil vielerorts schon zuvor strenge Regelungen, bis hin zu nächtlichen Ausgangssperren galten. Vieles, was man nun sehe, liege auch an Maßnahmen, die schon vorher getroffen wurden, so Thorsten Lehr.

Warum lagen viele Prognosen daneben?

Das RKI hatte für die Zeit nach Ostern eine Inzidenz von über 300 prognostiziert, tatsächlich lagen die Zahlen deutlich unter 200. Grund dafür: Das Institut hatte das exponentielle Wachstum der Fallzahlen der britischen Mutante B.1.1.7 in die Zukunft fortgeschrieben, ohne weitere Parameter zu berücksichtigen. Bei der 2.000-Inzidenz-Modellierung für Mai der TU Berlin war weder die steigende Impfrate noch Maßnahmen wie Wechselunterricht an Schulen einberechnet.

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Hinzu kommt: Es ist kaum möglich, den psychologischen Effekt auf die Bevölkerung in den Modellen zu berücksichtigen.

Diese Rückkoppelung zwischen Epidemiedynamik und Information ist schwer im Modell abzubilden - aber ein ganz wichtiger Aspekt.
Dirk Brockmann, Physiker HU-Berlin

Es habe im Vorfeld ein Missverständnis bei der öffentlichen Deutung dieser Worst-Case-Szenarien gegeben, erklärt Brockmann. Die Berechnungen seien per se weniger als genaue Vorhersage angelegt, sondern sollten vielmehr zeigen: Das passiert, wenn man dem Infektionsgeschehen politisch und gesellschaftlich nicht entgegenwirkt. So erklärt auch Lehr die Abweichung der tatsächlichen Zahlen zu seiner Simulation. Er hatte für Anfang April eine Inzidenz von deutlich über 200 prognostiziert. Corona-Maßnahmen in den Bundesländern waren da nicht im Detail einberechnet.

"Aber auch diese modellierten Szenarien sind als Frühwarnsysteme wertvoll", fasst Brockmann zusammen.

Wie werden sich die Zahlen in den kommenden Wochen entwickeln?

"Ich gehe davon aus, dass die Inzidenz weiter stark sinkt", so Lehr. Dabei spielt auch die Impfkampagne eine immer größere Rolle: "Nach unseren Berechnungen werden die Impfungen bis Ende Mail einen deutlicheren Effekt auf die Inzidenzen haben." Im Laufe des Juni werde in Deutschland eine Inzidenz von 50 erreicht.

Ähnlich äußert sich Karl Lauterbach bei "maybrit illner". Er geht davon aus, dass durch die Impfungen Ende Mai ein "Kippunkt" erreicht wird, ab dem die Fallzahlen noch deutlicher sinken. Es gehe jetzt darum, drei Wochen durchzuhalten, um dann den "vollen Genuss" zu haben:

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